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Ein 17-Jähriger in #Würzburg dreht durch. Er ist genauso alt wie mein Sohn. Ich spüre Trauer, Schmerz und tiefe Sorge. Wir alle wissen noch nicht genau, was im Vorfeld dieser furchtbaren Tat passiert ist, trotzdem hier ein paar Gedanken einer ziemlich schlaflosen Nacht. Was ich jetzt sage, wird einigen nicht gefallen, aber dieser 17-Jährige ist ein #Einzelfall. Bevor ihr jetzt aufschreit, bitte weiterlesen. Vor einem Jahr begegnete mir in Sarajevo ein Junge (junger Mann), der inzwischen auch 17 ist. Als er begann, unsere Tageseinrichtung für Straßenkinder zu besuchen, war er faktisch Analphabet. Nun besucht er die Schule und bereitet sich auf den nächsten Abschluss vor. Er hat dafür große Opfer bringen müssen, die ich nicht alle aufzählen möchte, nur so viel: Dank unseres Programms „Ältere Schwester, älterer Bruder“ war es möglich, ihm eine verlässliche Person zu vermitteln, die ihn durch diese schwierige Zeit begleitete und immer noch begleitet. Beziehung. Bindung. Verlässlichkeit. Das ist es, was junge Menschen genauso benötigen wie das tägliche Brot. Vielleicht sogar noch dringender. Das Projekt „Ältere Schwester, älterer Bruder“ wird von mir seit den Anfängen begleitet und betreut 170 „Geschwisterpaare“, die durch unsere Arbeit Hoffnung und Perspektive bekommen und vor allem eins: Zuneigung, Selbstvertrauen und Liebe. 170 x 2 – lasst uns rasch mal rechnen: 340 Einzelfälle. Und zwar solche, die Hoffnung machen. Es sind keine Tropfen auf den heißen Stein. Es ist zutiefst sinnvolle Arbeit. Und genau das lässt mich in Zeiten wie diesen NICHT verzweifeln.

Zu den Bildern: Ihr seht den Jungen beim Besuch des Museums, welches an das Attentat erinnert, das den Ersten Weltkrieg auslöste. Terroristen, Nationalisten und ein unerbittlich ablaufendes politisches Räderwerk, das in einem Quasi-Automatismus einer unübersichtlich gewordenen Welt einen brutalen Reset verordnete … Wir wissen, wohin so etwas führt.

Das zweite Bild zeigt den Schrank des Jungen in unserer Tageseinrichtung. Er darf dort nicht übernachten, schläft in Abbruchhäusern und steht jeden Morgen pünktlich um Sieben bei uns vor der Tür, duscht, zieht sich um, frühstückt und geht dann zur Schule. In diesem Spind sind die einzigen Habseligkeiten, die er besitzt: Kleidung zum Wechseln, Hygieneartikel, Schulsachen.

Noch vor drei Jahren war er ein Straßenkind, das gezwungen wurde mit Betteln zum Familieneinkommen beizutragen. Ihr vermutet richtig, warum er sich von seiner Familie trennen musste: Schule und Straßenarbeit waren unvereinbar.

In den nächsten Wochen läuft unser Spendenlauf für diesen Siebzehnjährigen und die anderen 169 Kinder, denen wir im Herkunftsland Bosnien eine Perspektive ermöglichen wollen. Hinzu kommen 170 Studierende, die ehrenamtlich als „ältere Schwester“ oder „älterer Bruder“ arbeiten und durch diese Arbeit erste Berufserfahrungen sammeln. In einem Land mit hoher Jugendarbeitslosigkeit eine wertvolle Ausgangsbasis, um nach dem Studium in den ersten Arbeitsmarkt zu starten. 340 Einzelfälle. Viel Hoffnung. Viel Mut. Viel Freude. In Zeiten wie diesen. #HolidayChallenge2016 #HolidayChallengeBosnia #Einzelfall

 

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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