Father and Daughter

In Zeiten wie diesen … reden Wissenschaftler von Resilienz. Das klingt dann fast so, wie im Zweiten Weltkrieg: „Keep calm, and carry on“ oder so ähnlich. Die dicke Haut als erste Bürgerpflicht. Etwas unfeiner: Sch…egal-Mentalität. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit beim Kirschenpflücken vom Baum zu fallen oder bei Pokemon-Go von der Klippe, immer noch größer, als die bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen.

Oh ja, Resilienz ist eine feine Sache – sie ist neuerdings sogar ein ganz heißer Trend (in Zeiten wie diesen besonders … da gibt es sogar Trainingskurse, in denen man sie angeblich erlernen kann). Sie verleiht der Seele eine Hornhaut und hilft dabei, das eigentlich Unerträgliche auszuhalten. Sie härtet Soldaten und SEK-Einsatzkräfte ab, und befähigt sie vollkommen frei von Empathie ihren ‚Job‘ zu tun. Sie macht schon Kinder im Grundschulalter fit für die ganz große Karriere. Sie befähigt Otto Normalverbraucher im Juli 2016 in Nizza am Strand zu liegen und sich nur über den Lichtschutzfaktor Sorgen zu machen … Halt. Stopp!

Da wurde wohl etwas gründlich falsch verstanden. Woher stammt denn eigentlich der Begriff „Resilienz“?

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Ein kleiner Rückblick in die Geschichte schadet nie: Nach dem Holocaust machte man die Beobachtung, dass eine nicht unerhebliche Zahl von KZ-Überlebenden psychisch gesund war und blieb – trotz schlimmster Erfahrungen und dem Verlust naher Angehöriger.

Dies gab den Anstoß zu einer veränderten Sichtweise in der Medizin. Normalerweise fragen Forscher: „Was macht einen Menschen krank?“ – In dem neu entstanden Forschungsgebiet der Salutogenese[1] wurde die Frage anders gestellt, nämlich: „Was hält uns gesund?“

Ein weiteres Beispiel: Nach dem 09/11-Anschlägen gab es Menschen, die es mit knapper Not aus  den brennenden Türmen schafften, während andere das Ereignis ‚nur‘ am Fernsehen verfolgten. Bei den direkt Betroffenen gab es wieder Menschen, die psychisch ‚heil‘ davon kamen, während andere, die unter Umständen tausende von Kilometern vom Ort des Geschehens entfernt waren, schwerste posttraumatische Störungen davontrugen.

Wie kann das sein?

Offenbar gibt es gewisse Schutzfaktoren, die es ermöglichen, dass Menschen vergleichbare Lebenssituationen gut bewältigen, gesund bleiben und – wie man so schön sagt – an Herausforderungen wachsen, während andere daran zerbrechen. Die Gesundgebliebenen bezeichnet man dann als ‚resilient‘.

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Wir betrachten Menschen ganzheitlich und sprechen von einem bio-psycho-sozialen Modell, unter dem sowohl gesellschaftliche als auch individuelle Phänomene betrachtet werden. Und niemand wird mir widersprechen, dass bei den Amokläufen und Terroranschlägen der letzten Wochen eine  negative Spirale von individuellen und gesellschaftlichen Problemen unheilvolle Synergie-Effekte erzeugten.

Und auch hierzu hat die Forschung etwas beizutragen.

Betrachten wir die einzelnen Komponenten des Höllen-Mix, der zur Katastrophe führt, dann wird auch klar, wo wir – als einzelne und als Gesellschaft ansetzen können. Es gibt nämlich Faktoren, die quasi naturgegeben sind, und solche, bei denen man tatsächlich etwas tun kann. Und das führt zu unserer Arbeit in Bosnien und zurück zur Resilienz (dauert noch etwas, kommt weiter unten. Wer den wissenschaftlichen Kram nicht lesen will, springt jetzt einfach zum letzten Absatz  😀   ).

Biologische Faktoren: Hier stoßen wir auf das Phänomen der Epigenetik. Vereinfacht gesagt, bedeutet es, dass traumatische Erfahrungen die Aktivität von Genen beeinflussen. Diese Veränderungen werden weiter vererbt. Das betrifft Erkrankungen wie Diabetes und Übergewicht aber auch den Umgang mit Stress und bedrohlichen Situationen. Bedeutet das, dass Kriegsopfer Kriegskinder zeugen und diese Kriegsenkel, und es gibt aus dieser Schleife kein Entrinnen? Ganz klares Nein! Es gibt offenbar Risikopersönlichkeiten, aber der Umgang mit Stress ist nicht komplett ‚angeboren‘. Denn glücklicherweise gibt es noch weitere Faktoren.

Psychische Faktoren:  Hier möchte ich vor allem über Beziehungsfähigkeit und Bindung sprechen. Euch allen ist wahrscheinlich bewusst, dass Bindung schon in den ersten Minuten nach der Geburt entsteht, wenn das Neugeborene an die mütterliche Brust gelegt wird. Diese Erkenntnis hat die Geburtshilfe verändert aber auch die Behandlung von schwerkranken Babys mit der sogenannten „Känguruh-Methode“[2] beeinflusst. Eine stabile und zuverlässige Bindung ist auch im späteren Leben der Schlüssel für eine gute psychische Entwicklung, Belastbarkeit und (siehe oben) Resilienz im besten Wortsinn. Die gute Nachricht: es müssen nicht immer die Eltern sein, die Zuneigung, Bindung und Verlässlichkeit in das Leben eines jungen Menschen bringen. Emmy Werner startete 1955 eine Langzeitstudie auf Hawai bei Kindern aus dysfunktionalen Familien. Viele Kinder machten trotz prügelnder und alkoholkranker Eltern, trotz Armut, Arbeitslosigkeit und schlechter Bildung ihren Weg. Wie schafften sie das? Die Untersuchungen zeigten, dass es noch weitere Faktoren gibt, die den Lebenslauf positiv beeinflussen und betont die Wichtigkeit von ‚externen‘ Bezugspersonen. Man kann die Ergebnisse dieser Untersuchungen auch mit drei Worten zusammenfassen: Beziehung. Verlässlichkeit. BINDUNG! (Und genau hier setzt unsere Arbeit in Bosnien an – mehr dazu, wie versprochen im letzten Abschnitt!).[3]

Soziale Faktoren:  Die Beeinflussungsmöglichkeiten im sozialen Umfeld ergeben sich aus dem oben Gesagten fast zwangsläufig. Kinder und Jugendliche benötigen so dringend wie das tägliche Brot (vielleicht sogar noch dringender!):

  • Gute Beziehung auch zu einer erwachsenen Person außerhalb der Familie
  • Kontakt zu sozialen Gruppen
  • Gute Schulqualität und positives Schulklima

***

Für alle, die den wissenschaftlichen Kram übersprungen haben – hier beginnt der Absatz über unsere Arbeit in Bosnien 😉

Wenn ich nach Bosnien reise und unsere jungen, ehrenamtlich arbeitenden ProjektbetreuerInnen treffe, sehe ich vor allem in fröhliche Gesichter. Gastfreundschaft, Humor und Musikalität der Menschen dort sind sprichwörtlich und ich glaube zutiefst, was die Bosnier in einem Witz gern erzählen: dass der liebe Gott persönlich am liebsten Ferien in Bosnien macht, da dort die Menschen noch so seien, wie er sie ursprünglich erschaffen habe: „Sie sitzen den ganzen Tag zusammen, trinken Kaffee und genießen das Leben!“

Wenn man jedoch mit den Menschen ins Gespräch kommt, scheint hinter der lachenden, jugendlichen Fassade eine ungewohnte Ernsthaftigkeit auf, wird eine grundlegende Schwere spürbar, die diese jungen Menschen durchs Leben begleitet: Unsere Schützlinge und MitarbeiterInnen sind junge Menschen, die den Krieg noch als Kinder erlebt haben, oder solche, deren Eltern traumatisiert wurden, flüchten mussten oder gar ums Leben kamen. Es sind zutiefst verwundete Biographien. Und dennoch: sie machen ihren Weg.

Auch dank unserer Projekte.

Seit 2002 arbeiten wir in Bosnien ganz bewusst nach den Prinzipien der Salutogenese. Wir fragen nicht nach schwächenden und krankmachenden Faktoren (die sind ja offensichtlich!), sondern stärken Ressourcen und geben vor allem drei Dinge (diejenigen, die den Absatz oben gelesen haben, kennen sie schon 😉  ):

  • Beziehung
  • Verlässlichkeit
  • Bindung

Wie machen wir das konkret? Zum Beispiel mit dem Projekt ‚Ältere Schwester, älterer Bruder‘. Und dies ist das Prinzip unserer Arbeit: Große helfen Kleinen. Wir bilden junge Menschen aus, die als Ehrenamtliche Kindern und Jugendlichen in Risikosituationen helfen. Jeder Euro, den wir aus Spendengeldern verwenden, hilft also doppelt: Zum einen den benachteiligten Kindern, zum anderen den ehrenamtlich arbeitenden jungen Erwachsenen, die durch die Arbeit besser ausgebildet ins eigene Berufsleben starten.

Unsere MentorInnenen werden ‘Ältere Schwester oder Älterer Bruder’ genannt. Sie kümmern sich um Kinder aus schwierigen Familien, Heimkinder (oft Waisenkinder), Kinder, die gezwungen werden auf der Straße zu arbeiten oder zu betteln. Teilweise sind diese Kinder (die jüngsten sind ca. 3 Jahre alt) Opfer von Menschenhandel (O-Ton: “Sie werden zum Betteln vermietet …”)

Solche Mentorate laufen aktuell in 6 Universitätsstädten. Zurzeit sind insgesamt 170 Kind-Student Partnerschaften aktiv. Wir arbeiten mit allen Ethnien und Religionen zusammen und schaffen auf diese Weise ein Stück Frieden und Versöhnung in dieser Welt. Mittlerweile wurden über 1000 ehrenamtliche Helfer/innen ausgebildet. Aktuell laufen sechs große Projekte in mehr als 20 Gemeinden Bosniens.

Wir geben Beziehungen. Wir machen resilient. Aber bei uns bekommt niemand eine Hornhaut auf der Seele. Und wir selber schon gar nicht.

Übrigens: auch religiöse Fanatiker geben Bindung, Verlässlichkeit und Beziehung. Wohin das führt? Zu Zeiten wie diesen …

Ich mag mich nicht beteiligen an der hechelnden Meute, der Katastrophen-Journalisten, die Terroristen nur eine zusätzliche Bühne zur Selbstdarstellung bieten. Oft habe ich in letzter Zeit mit Erich Kästner gedacht „Wo bleibt das Positive?“ Ich persönlich habe es in meiner Arbeit in Bosnien gefunden (und auf vielen anderen Gebieten, aber das gehört jetzt nicht hierher). Vielleicht ist es jetzt wichtig, dass wir mit einer gewissen Sturheit die positiven Ansätze weiterverfolgen, die unsere Welt zusammenhalten. In diesem Sinne – wünsche ich unserer #HolidayChallenge2016 einen weiterhin guten Verlauf und wünsche mir sehnlichst, dass wir die #1112Kilometer schaffen. Über tausend Kilometer gemeinsam zu laufen, das ist ein starkes Symbol. Aber nicht nur: jeder Kilometer bringt einen Euro plus Spendengelder, die Ihr obendrauf legt. ‚Unsere‘ vergessenen Kinder in Bosnien werden es Euch danken!

Im nächsten Artikel werde ich weitere Faktoren der Salutogenese unter die Lupe nehmen – damit weiterhin das „Positive“ nicht zu kurz kommt. Auch in Zeiten wie diesen. Heute. Morgen. Und überhaupt!

Last but not least: Hier der Spenden-Link. Denn auch für unsere Arbeit gilt: Ohne Moos ist nix los! Holiday Challenge 2016 – 1112 Kilometer für Kinder in Bosnien

[1] Wörtlich: das, was gesund macht

[2] Diese Methode entstand in einem Kinderkrankenhaus in Kolumbien, wo eine extrem hohe Sterblichkeit bei  Frühgeborenen beobachtet wurde, da es keine Inkubatoren (Brutkästen) gab. Die Kinder wurden einer Bezugsperson auf die Brust gelegt und blieben dort längere Zeit. Sie hatten weniger Komplikationen und eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Auch Stressverarbeitung, geistige Entwicklung und spätere Beziehung zu den Eltern gestalteten sich deutlich positiver, wie Folgestudien belegten.

[3] Gut geschriebene Zusammenfassung der Studie von Emmy Werner und zu Folgestudien zum Weiterlesen: http://www.juttaheller.de/resilienz-abc/resilienz-bei-kindern/

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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