notausgang1

Als ich gestern hörte, dass bundesweit Razzien gegen die Handlanger der „LIES!“-Aktionen stattfanden spürte ich…. ja, was eigentlich? Freude? Ein bisschen. Erleichterung? Auch. Sorge? Ja immer noch.

Gemischte Gefühle. Wie so oft, seit dem Tag, an dem mich Freunde um Hilfe baten, um Valdet Gashi aus den Fängen des IS zu befreien. Natürlich war dieses Ansinnen völlig illusorisch. Aber dennoch  tauchte ich damals für einige Wochen ein in eine unheimliche Parallelwelt. Im Internet begleitete ich Gedankengänge und  Diskussionen vieler Menschen. Junge Muslime ebenso wie „mittelalte“ Deutsche. Meist Männer. Meist mit gewöhnungsbedürftiger Rechtschreibung. Und fest einzementiert in ideologischen Gräben. Greuel-Videos und blutrünstige Fotos wurden wie Trophäen herumgereicht, wobei die Quellen meist im Dunkeln blieben und dieselben Bilder wechselweise als „authentische Belege“ von verschiedenen Seiten gezeigt wurden. Vorsichtig begann ich zu kommentieren, bestand hartnäckig auf Löschung von traumatisierenden Inhalten, versuchte plumpe IS-Propaganda mit Fakten zu entkräften und schlief immer schlechter.

Die Reaktionen kamen prompt: Hass- und Drohmails hauptsächlich von „mittelalten“ deutschen Männern, die gern auf ihren Profilbildern mit Waffen posierten und sich im besten Fall „nationalkonservativ“ nannten. Der Vorwurf an mich: Ich spräche mit „diesem menschlichen Abschaum“ in einer normalen Sprache. Ich solle sie zumindest beschimpfen. Etwa so, wie sie mich beschimpften, nehme ich an.

Ich ging dazu über morgens reihenweise Mails zu löschen ohne sie zu öffnen.

Und kommentierte weiter. Mittlerweile hatte sich in den sozialen Netzwerken eine kleine Gruppe Gleichgesinnter zusammengefunden. Wir informierten uns und versuchten weiter gegen diese Springflut an unsäglichen Inhalten ein Bollwerk aus Vernunft, Faktencheck und Menschlichkeit zu bilden. Die rechte Ecke nannte uns „naive Gutmenschen“ – woher der Wind aus dieser Richtung blies, war nicht schwierig zu erkennen: PEGIDA und AfD rüsteten verbal auf und wir waren die perfekten Feindbilder. Beim Recherchieren wurde uns jedoch immer klarer, wo die ebenso unsäglichen Propagandagebläse des militanten Islamismus standen: es waren die Koran-Verteil-Aktionen der „Aktion LIES!“bzw. des Netzwerks „Wahre Religion“. Wenn ich heute diese Begriffe in eine Suchmaschine eingebe, finde ich die entsprechenden Webseiten nicht mehr. Auch nicht auf facebook. Alles abgeschaltet.

Bis vor wenigen Tagen jedoch konnten diese Rattenfänger unter dem Deckmäntelchen der Religion auf Menschenfang gehen. Vorwiegend bei jungen Menschen. Und dagegen wollte ich etwas tun.

Diese Aufgabe wurde mir immer klarer, als mich zunehmend junge Muslime in Chats kontaktierten. Diese Gespräche erinnerten mich an meine Zeit in der Rechtsmedizin, als ich einen Mafia-Mörder in ein Zeugenschutzprogramm begleitet – mit dem Unterschied, dass wir diejenigen, mit denen wir sprachen, vielleicht noch aufhalten konnten. Und dass sie dann als Multiplikatoren wieder andere abhalten würden sich zu radikalisieren. Die Gespräche waren kontrovers, witzig, traurig und wurden manchmal abgebrochen. Aber immer wieder wurde klar, wie stark Wortwahl und Denkweise durch Videos und Argumente aus Hinterhof- und Keller-Koranschulen beeinflusst waren. Diese jungen Menschen hatten keinen gefestigten Glauben. Sie waren ganz einfach unzufrieden und auf der Suche.

Ich fühlte mich an Jugendsekten erinnert, an meine Arbeit in einer Suchtberatungsstelle und vor allem an meine Arbeit in den Nachkriegsgebieten in Bosnien und Kosovo, wo auch schon Religion als Mittel unsäglicher Politik missbraucht wurde. Ich hatte Argumente. Und nahm mir Zeit. Und trotzdem … Argumente, Fakten und Vernunft sind einfach nicht so „sexy“ wie die romantisch verklärenden oder knallharten Botschaften einer Terrororganisation, die ihre Message als romantischen Abenteuerurlaub für Sinnsucher verkauft.

Es ist gut, dass diese Kanäle jetzt endlich abgeschaltet wurden. Ja, das freut mich und ich bin erleichtert, dass – womöglich viel zu spät! – endlich gehandelt wurde. Aber trotzdem verspüre ich Sorge: die terroristischen und fanatisierten Netzwerke hatte lange Zeit, sich ungestört aufzubauen. Wie geht es jetzt weiter, wenn sie komplett im Untergrund verschwinden? In Molenbeek haben wir gesehen, dass Terroristen wochenlang im Kiez-Milieu untertauchen konnten. Sind wir dafür gewappnet? Ich spreche nicht von Denunziation und Spitzelei. Ich spreche davon, dass wir den jungen Menschen Perspektiven geben müssen, ihnen zuhören müssen und sie in ihrer eigenen Sprache abholen müssen. Kurz gesagt: Augenhöhe, Respekt und Glaubwürdigkeit. Unsere Zivilgesellschaft basiert auf den Werten des Grundgesetzes und nicht auf einem dubiosen Wertekanon, sei er nun rechtskonservativ oder salafistisch.

Zum Mitschreiben; wir stehen ein für „Menschenrechte, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit.“ Kurz: die plurale Gesellschaft.

Ich kann mir nicht helfen, ich finde diese Werte ziemlich sexy.  Und ich bin guten Mutes, dass wir das mit der pluralen Gesellschaft in Singen mit seinem Ausländeranteil von über 20 % gut hinbekommen. Und dass es uns gelingen wird, diese Werte mit Inhalten zu füllen. Als geborener Kölnerin klingt mir da ein Lied der ‚Höhner‘ in den Ohren: „Wenn nicht jetzt, wann dann. Wenn nicht hier, sag mir wo und wann.“

(Eine gekürzte Version dieses Beitrags erschien als Gastkommentar am 17.11.2016 im Südkurier; Regionalausgabe Singen)

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s