Früher war alles besser? Nostalgie und Rückbesinnung auf die Siebziger, Sechziger, Fünfziger …? „Ich will mein Deutschland zurück“, zitierte ich in einem Blogbeitrag einen bekennenden AfD-Anhänger. Was würde das konkret bedeuten? bye

Dieser Text ist schon einige Jahre alt und spiegelt Erfahrungen der Babyboomer im Westen wider. Stichworte: RAF-Terror, Attentat auf die Olympischen Spiele in München, kriegstraumatisierte Lehrer und Alt-Nazis als pädophile Grapscher. Der Sound unserer Kindheit und Jugend. Denn wir hatten das alles schon mal. Vor allem die Ent-Täuschung. Enttäuschungen sind gut, denn sie befreien uns von falschen Illusionen. Wir sind immer pragmatischer geworden auf unserem Weg. Und solidarischer. Und immer noch keine Menschenfeinde. Das werden wir nie. Aber wir wissen uns zu wehren. Denn wir haben keine falschen Illusionen mehr.

Und hier der Text:

Aber da wir im Gedanken großgezogen wurden, alles sei machbar, einfach alles, vertrauten wir darauf, so wie man auf unumstößliche Naturgesetze eben vertraut, auf die Schwerkraft zum Beispiel oder auf die Tatsache, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Wir wussten es schon damals: YES, we can, auch wenn wir noch gar kein Englisch konnten, das kam erst später; erst einmal klebten wir Pril-Blumen und verfröhlichten die neumodischen Einbauküchen in denen wir zewa-wisch-und-wegten was das Zeug hielt, und unsere Wäsche war nicht sauber, sondern – Clementine sei Dank – rein. Märchen galten nicht nur als unmodern sondern – das war wissenschaftlich erwiesen – für Kinder sogar als schädlich. Wir waren die neue Generation, auf uns ruhten alle Hoffnungen, man umgab uns mit Wissenschaft und lauterster Wahrheit; im Übrigen waren wir einfach viel zu viele. Für uns gab es Schulmilch und Zahnschmelzschutzprogramme und es gab die Kraft, die durch den Knoten geht und den Magier Meister Proper und die Waschkraft des weißen Riesen.

Es gab überhaupt alles. Als Kinder des freien Westens trugen wir Kleider, die waren synthetisch, knitter- und bügelfrei. Freiheit überall, sogar sexuell, aber darüber durfte man nicht sprechen, und am 5. September 1972 bekamen wir ganz plötzlich sogar schulfrei, es war ein Dienstag. Ich weiß noch genau, wie ich an der Bushaltestelle stand. Die Haltestelle befand sich zwischen zwei Brückenbögen, über die in regelmäßigen Abständen ein Zug hinwegdonnerte. Mein Bus kam lange nicht und ich hatte auf einmal viel zu viel Zeit. Man hatte uns gesagt, dass etwas sehr Schlimmes passiert sei, aber wieso dieses Schlimme mir einen Tag schulfrei bescherte, das wollte mir nicht in den Kopf. Die Lehrer hatten in der Verwirrung der Ereignisse sogar vergessen, uns Hausaufgaben aufzugeben, und ich wusste, es wäre meine Pflicht gewesen, traurig zu sein, wenigstens ein kleines bisschen, aber ich war es nicht. Es war ein seltsames Gefühl, diese Freude über den geschenkten Tag, die aber nicht hochkommen durfte, und sich auf unklare Weise mit einer flauen Bedrückung verknotete, die etwas von Schuld hatte. Es gab keine Kraft, die durch diesen inneren Knoten ging um ihn reinzuwaschen oder gar zu lösen, und um mich abzulenken, starrte ich auf die schmutzigen Tunnelwände und wunderte mich, dass man Buchstaben auf die Wände schmieren durfte, einfach so, Buchstaben, die keine Werbung waren. Werbung auf Wänden, das kannte ich. Werbung war in Ordnung. Ich war umgeben von ihr. Ich grüßte den Marlboro-Mann und die wilden Mustangs, bevor ich in den Bus stieg, ich war ein wenig verliebt in den Camel-Mann, der meilenweit ging in seinem Sehnsuchtsland, aber niemals würde er bei mir ankommen, das war klar. Werbung war ok, und ich konnte es auswendig runterrattern, besser als alle Vokabeln: sexy-mini-super-power-pop-op-cola-alles-ist-in-Afri-Cola. Ich wusste alles, kannte alles und alles war möglich, auch die Atombombe war möglich, die Wasserstoffbombe und diese neuartige Bombe, die nur die Menschen tötete, die Häuser aber nahezu unversehrt ließ, all dies war möglich, und das Leben erschien mir so weit und so neu und so amerikanisch. Ich bewunderte alles, was aus Amerika kam und irgendwann hatte ich auch endlich Englischunterricht – aber der war enttäuschend. Ich verstand gar nichts und alles wurde anders geschrieben als man es aussprach. Ich weiß gar nicht, was ihr an dem Ami findet, sagte mein Vater, wir haben da so unsere Erfahrungen gemacht. Da konnte Mutter, die sogar den Russen erlebt hatte, nur noch lachen. Aber sie lachte nie. Sie weinte auch nicht und war unendlich geduldig mit uns. Morgens nahm sie Tabletten. Eigentlich war sie gar nicht vorhanden. Von Zeit zu Zeit heulten die Sirenen. Probealarm, sagten die Erwachsenen, du musst dich nicht fürchten. Im Telefonbuch auf den vorderen Seiten konnte man es nachlesen – alles war genau geregelt: 1 Minute Dauerton 2x unterbrochen – 15 Sekunden ein, 7 Sekunden aus, 15 Sekunden ein, 7 Sekunden aus, 15 Sekunden ein, anschließend 1 Minute Dauerton. Warum sollte ich mich fürchten, es war doch nur zur Probe, es war ein Spaß, es war ein angenehmes Gruseln, stell dir vor, die Atombombe fällt und in einer Sekunde bist du Asche. Nur unser Deutschlehrer begann zu zittern, wenn der Heulton erklang; er schwitzte, er wurde blass und einmal kroch er sogar unter den Tisch. Niemand lachte ihn aus, ganz im Gegenteil: wir schämten uns für ihn und während er unter dem Lehrerpult hockte und der leidige Heulton an- und abschwoll, schauten wir überall hin, nur nicht in Augen; wir bemühten uns krampfhaft auf irgendwelche Oberflächen zu starren, aber unsere Blicke gerieten ins Rutschen, glitten ab, irrlichterten und schlichen sich unter das Pult, wo er auf dem schlierigen Linoleum hockte, ein zusammengekrümmter Schatten in einem Anzug wie graue Asche. Es war sehr still in der Klasse, obwohl die Sirene nicht aufhörte zu heulen, war es so still, dass es wehtat. Und als es vorbei war, machte unser Lehrer mit dem Unterricht weiter, so als sei nichts gewesen. Manchmal, in der letzten Stunde vor den Ferien las er uns Märchen vor, aber eigentlich war das nichts für uns, Märchen kamen überhaupt nicht vor in unserer Welt, die frei war und modern und neu und amerikanisch, aber wir verziehen ihm. Er war ein seltsamer alter Mann, er ging immer ein bisschen schief und man dachte, er bricht irgendwann einmal durch, einfach so. Die Erwachsenen sagten, das war der Krieg, aber er war sehr sanft, es war so gar nichts Kriegerisches an ihm, und wir behandelten ihn mit Nachsicht, denn er gab selten schlechte Noten. Es gab viele seltsame alte Männer in Deutschland und am seltsamsten waren diese uralten Lehrer, die einfach weiterarbeiteten. Lehrermangel sagten die Erwachsenen, aber wir wussten es besser: wenn die aufhören zu arbeiten, dann sterben sie. Mittlerweile sind sie auch alle tot: unser Deutschlehrer starb und unser Englischlehrer auch, der war auch Soldat gewesen, aber er war böse und hart geworden. Das war der Krieg, das müsst ihr verstehen, sagten die Erwachsenen und wir begriffen nicht, wie der Krieg manche Menschen sanft macht und zerbrechlich, und andere wiederum hart und ungerecht. Oder schweinisch, wie mein Geigenlehrer war, der mir ständig unter den Rock griff. Das musst du verstehen, der Mann hat doch sonst gar nichts mehr, sagten sie und meinten den ungeliebten Lehrerberuf, aber ich verstand, dass es etwas anderes war, etwas, das eigentlich in meiner Welt gar nicht vorkommen durfte, und begriff zum ersten Mal, dass Erwachsene Märchen erzählten, auch wenn dies unwissenschaftlich war und schädlich für Kinder. Aber ich wusste nichts besseres, als mich wieder einmal für einen meiner Lehrer zu schämen, und dann zog ich Hosen an, auch im Hochsommer und als das nichts half, schwänzte ich den Unterricht.

Da ist viel mehr gestorben, als nur die Geiseln, sagte mein Vater und wir saßen vor dem funkelnagelneuen Fernseher und starrten auf die verbrannten Hubschrauber in Fürstenfeldbruck und lernten, dass es schon schade war um die Israelis. Mein Vater nannte sie hartnäckig Juden, was mir nicht in den Kopf wollte, die kamen doch aus Israel. Aber viel bedauernswerter sei es, dass die olympische Idee nun Schaden genommen habe, da bestehe kein Zweifel. So sagten sie und es herrschte allgemein große Erleichterung, als die Spiele wieder aufgenommen wurden und dann hatten wir ja wenigstens noch unsere Heide Rosendahl. Rosendahl ist übrigens auch ein jüdischer Name, sagt Vater und guckte ganz unschuldig. Aber alle Mädchen schwärmten sowieso für Mark Spitz, den gab es als Starschnitt in der BRAVO, und alles, alles schien wieder möglich – einfach alles auch die Vernichtung der Juden und dass eine deutsche Frau in der Landshut erschossen werden sollte, weil sie einen Füller mit einem Davidsstern drauf hatte. Es war ein Montblanc Füller und die Frau war gar keine Jüdin, diese Ungerechtigkeit empörte uns, und wir lagen in unseren Kinderbetten und fühlten uns nicht mehr als Kinder, aber noch längst nicht als Erwachsene, ein Zwischenzustand war es, ähnlich einer Vertreibung und obwohl sie nicht müde wurden, die Unschuld der Kindheit als ein Paradies zu beschwören, hatten wir es unglaublich eilig diesen Garten Eden zu verlassen. Trotzig wollten wir das Tor zuwerfen, selber den Engel mit dem Flammenschwert davor setzen und dann die Schwingen ausbreiten – ständig träumten wir vom Fliegen, immer nur vom Fliegen, denn das war etwas besonderes. Die Jungs wollten Pilot werden oder gar Astronaut. Einige versuchten es auf die direkte Art und verschwanden von der Bildfläche und man munkelte etwas von Trips, und die Mädchen wollten alle Stewardess werden, das war der absolute Traumberuf. Leider war von denen aus unserer Schulklasse noch niemand geflogen, man kannte auch sonst niemanden, der jemals geflogen wäre, der einem das Gefühl beschreiben konnte – und dennoch lag man abends im Bett und stellte sich vor wie es wäre, als Passagier oder als Pilot oder als Stewardess in einer entführten Boeing mit arabischen Terroristen und ob man Angst hätte, aber wir waren doch alle Helden. Und dann diese Gemeinheit, diese Ungerechtigkeit wegen eines Füllers mit dem missverständlichen Firmenlogo, wegen einer solchen Lappalie, abgeknallt zu werden – einfach so.

 

Aus der Traum.

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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