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Dezember in Israel. Unser Weg führte in Klöster, Kirchen und Moscheen. Zeugnisse uralter Tradition und Kultur überall. Trotz all dieser Kulturschätze, trotz der unüberschaubaren Zahl der frommen Symbole stellte sich ein Gefühl der heil-losen Zersplitterung ein. Eine dumpfe Verwirrung und ein tiefes Weh legten sich wie ein betäubender Schleier über all das Gold, die Weihrauchschwaden und das Licht der ungezählten Kerzen.

Es war eine Art Heimweh, ein Weh nach Gott.

Es heißt, in diesem Land sei Gott den Menschen angeblich näher als an anderen Orten. Aber wie zum Spott entzieht er sich, indem er seine Weisheiten in tausenderlei Sprachen verkündet, sie aufsplittert wie in einem Kaleidoskop aus Kulturen und Traditionen, die uns viel zu oft fremd, wenn nicht sogar bedrohlich oder lächerlich erscheinen. So wurde Gottesweisheit in viele Bruchstücke zersplittert und es gelingt den Menschen immer weniger die Scherben wieder zusammenzufügen. Sie spiegeln lediglich die menschliche Zerrissenheit wider. So wurde Religion auf dieser Erde nicht zum gemeinsamen Band, sondern zum Fluch.

Weihnachten verbrachte ich in einem Ferienort. Es war die Zeit der ersten Intifada, die Basare  verriegelt, Bombendrohungen überall und auf den Straßen flogen Steine gegen Häuser und Fahrzeuge. Steine flogen nicht gegen Menschen. Auf Menschen wurde geschossen.

Weihnachten wurde zu einem verbotenen Fest. Um religiös motivierte Unruhen nicht weiter anzustacheln, hatte man das Fest aus dem öffentlichen Leben verbannt. Die Festbeleuchtung über den Prachtstraßen schaukelte ungesehen im schneidenden Nordwind. Niemand ging aus dem Haus um sich am Lichterglanz zu erfreuen. Am Weihnachtsabend blieb auch ich in der Jugendherberge. Im Nebenzimmer feierten junge Soldaten ausgelassen den Geburtstag eines Kameraden. Ich hörte die lärmende, verzweifelte Fröhlichkeit junger Menschen, die um die Zerbrechlichkeit des Lebens wissen, dieses Wissen aber für einmal vergessen wollen.

Da wurde ich krank. Heimwehkrank. Heimweh aus mancherlei Ursache.

Tage später stand ich in der Wüste. Wüstes Land, aber nicht verwüstet wie nach einem Krieg, sondern eine karge Ordnung, ein Minimum an bedürfnisloser Gestaltung ohne Anspruch auf  Beachtung oder Ewigkeit – und gerade in dieser Einfachheit unvergänglich schön. So etwa könnte die Welt ausgesehen haben am dritten oder vierten Schöpfungstag.

 *

Selten einmal durchbricht ein Vogelruf die Stille.

Stille. Allumfassende Stille. In der Natur. Im Kopf. Im Herzen.

Aus der Erfahrung dieser Stille wächst die Ahnung, dass hier das Land ist, wo Gott sich dem Menschen leise nähert. Ihm nahe kommt. Im Land der Stille.

Der Wind wird hier zum Flügelschlag der Engel, die ihn begleiten.

Vergebens aber lausche ich auf Worte.

Kein Dornbusch brennt. Und ich behalte die Schuhe an meinen Füßen.

Da sind keine Worte.

Aber da ist ein Atmen.

Das Atmen der Weltseele, die sich nach Erlösung sehnt.

Eine Erlösung, für die sich die Wesen dieser Welt abstrampeln, für die geopfert, gesungen, gefeilscht, gestritten und gekämpft wird – aber viel zu selten gebetet.

Sehnsucht, die sich im bewussten und unbewussten Weltgewimmel äußert, ohne je spürbar zu werden.

Ich lasse die Stille in mir zu. Ich spüre.

Ganz in der Tiefe, ganz nah und ganz weit weg von mir, da trifft sich diese milliardenfache Sehnsucht mit der Sehnsucht des Schöpfers.

Ich ahne, dass auch Gott sich nach den Menschen sehnt und dass die Vielfalt seiner Sprachen nicht Zerrissenheit ist, nicht Spott über unser Unvermögen. Seine Vielfalt ist Ausdruck seiner tiefen Sehnsucht uns nahe zu sein.

Wir sind Gottes Ebenbild, in tiefer Sehnsucht sind wir ihm am nächsten.

Leider durchbrach das Wort die Stille, die diese Nähe schuf.

Die Gewissheit verdrängte die Ahnung.

Und indem ich euch jetzt davon erzähle wird auch aus dieser Erfahrung nur eines der vielen Bruchstücke, die ich dem großen Verwirrspiel hinzufüge. Redliches Bemühen kann ich euch bieten, nicht mehr.

Damals in der Wüste jedoch, erlebte ich mein eigentliches Weihnachten.

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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