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children-664069_1920Kantinen von Schulen und Kindergärten sollten nach Ansicht von Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) regelmäßig Gerichte mit Schweinefleisch anbieten. „Dass unsere Kinder kein Schweinefleisch mehr bekommen, ist völlig inakzeptabel“, schrieb die Hamburger Morgenpost am 28.12.2016.“ [1]

Das ist ein sehr gutes (sic!) Beispiel dafür, wie eine an sich sinnvolle Fragestellung („Was ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung für Kinder und Heranwachsende?“) ohne Not ideologisiert und in subtile Hetze verwandelt wird.

Die Ausgangssituation wird wie folgt dargestellt: In KiTas und Schulen wird an den Mittagstischen zu wenig Schweinefleisch angeboten. Nota bene: Es geht NICHT um fanatisierte Veganer, die eine Mangelernährung deutscher Kinder proklamieren. Es ist auch NICHT so, dass es überhaupt kein Fleisch auf den Tellern deutscher Schüler mehr geben würde. Nein, es geht einzig und allein darum, dass zu wenig SCHWEINEfleisch an deutschen Schulen und KiTas angeboten würde.

Hier gerate ich ins Grübeln. Als Ärztin schule ich seit fast 20 Jahren angehende ErnährungsberaterInnen
. Sollte mir, trotz regelmäßiger Weiterbildung vollkommen entgangen sein, dass gerade Schweinefleisch ein Synonym für gesunde Ernährung ist? Soweit ich weiß, steht übermäßiger Konsum von Schweinefleisch (inklusive Wurstwaren und Gepökeltes) an der Spitze der Verursacher einer ganzen Reihe von schlimmen Zivilisationskrankheiten. Wie gesagt: gegen ein Schnitzel dann und wann oder gegen den traditionellen Sonntagsbraten oder gegen Grillwürstchen im Sommer ist nichts einzuwenden, aber die Gesundheitsdiskussion ging in den letzten Jahren doch ganz eindeutig in die Richtung, den Konsum von Schweinefleisch auf ein bekömmliches Maß zu reduzieren. Aber wenn es sein muss (das heißt: wenn wir unsere Würstel- und Bratenkultur gegen Horden von Immigranten verteidigen müssen ….), dann stürzen wir uns eben heldenhaft und ohne mit der teutonischen Wimper zu zucken auf Krustenbraten, Haxe und Bratwurst, bis das Fett nur so spritzt …

Oder … steckt da noch etwas ganz anderes dahinter?

KiTas und Schulen sind in letzter Zeit öfters ins Gerede gekommen, weil das dort angebotene Essen nicht den Qualitätsstandards einer gesunden und ausgewogenen Ernährung entspricht. Da bearbeitet unser Ernährungsminister also vollkommen zu recht ein wichtiges Thema, bei dem vieles im Argen liegt.

Aber …

Was sind denn die konkreten Probleme beim Schulessen, die durch diverse Studien (und auch von Eltern und Kindern!) beklagt wurden? War es etwa ein Mangel an Schweinefleisch?

Nein, die Vorwürfe lauteten: das Essen werde nicht vor Ort frisch zubereitet, sondern stamme oft aus zentralen Großküchen, würde stundenlang durch die Gegend gefahren und warmgehalten, so dass der Vitamingehalt gegen Null tendiere ( mal ganz zu schweigen von Aussehen und Konsitenz dessen, was schließlich auf dem Schülerteller lande). Außerdem wurde die ernährungsphysiologisch bedenkliche Zusammensetzung der Mahlzeiten bemängelt: Zu fett, zu süß, zu salzig hieße die Vorwürfe. Niemand beklagte einen Mangel an Fleisch, sondern es wurde ein Zuwenig an (appetitlich zubereitetem) Gemüse beanstandet. Ganz zu schweigen von gesundem Fisch, der offenbar kaum jemals auf dem Speiseplan landet (und wenn, dann in Form von fett panierten Fischstäbchen). Aber daraus darf man unserem Ernährungsminister keinen Vorwurf machen: Er stammt nämlich aus Bayern und da kommt Fisch nur als Stockerl-Fisch oder Forelle blau vor, zugegebenermaßen kein mensataugliches Essen. Alle Norddeutschen müssen da ein Einsehen haben und sollten ihm diese mangelnde kulturelle Flexibilität nicht vorhalten …

Aber jetzt mal im Ernst …

Wer könnte denn ein Interesse daran haben, dass die lieben Kleinen verstärkt mit Schweinefleisch abgefüttert werden?

Höre ich da etwa aus der rechten Ecke ein populistisches Gedröhne von der Kulturhoheit und Wertegemeinschaft der Haxen-Esser und Würschtel-Brater?!

Ja. Auch …

Aber Moment mal, wenn ich ganz genau hinhöre, dann höre ich da auch ein leises aber deutliches Wispern ….

…. und zwar aus der Lobby-Ecke der Fleischwirtschaft.

Schweinefleisch sei ja soooo billig, flüstern sie. Und nur mit preiswerten Zutaten könne man ein kostengünstiges Schulessen anbieten. Denn bekanntermaßen sind die finanziellen Mittel überall knapp. Ganz besonders in Schulen.

Danke, liebe Fleischlobyisten, möchte ich da rufen. Danke, für diesen wertvollen Hinweis!

Denn neuerdings werden ja bekanntermaßen alle Schweine in Deutschland artgerecht gehalten, Antibiotika und Masthilfen sind nicht mehr im Einsatz, und am Ende eines saumäßig schönen Lebens totgestreichelt, um dann als politisch korrekte Proteinträger auf den Tellern der Republik zu landen.

Dafür muss man die deutsche Fleischwirtschaft ausdrücklich loben. Und sie natürlich kräftig unterstützen.

Und das darf man sich keineswegs kaputtreden lassen. Zum Beispiel von Veganern.

Ach so, Veganer sind meist Bio-Deutsche, haben ein höheres Einkommen und einen überdurchschnittlichen Bildungsgrad. Autsch! Denen sollte man vielleicht nicht an den Karren fahren … denn diese Klientel darf ja in Deutschland wählen.

Dann also feste druff auf die Muslime, die kein Schweinefleisch essen. Da schlägt man praktischerweise zwei Fliegen mit einer Klappe: In dieser Gruppe finden sich weniger Wahlberechtigte und außerdem verstehen die sowieso kein Deutsch (hofft zumindest der CSU-Minister), der Widerspruch wird sich also in Grenzen halten und der Applaus vom richtigen (sic! rechten) Rand ist ihm auch sicher.

Aber eins ist offenkundig: mehrfach aufgewärmte Vorurteile schmecken genauso eklig wie zu lange gekochter Spinat in einer Schulmensa.

Und ein Verzicht auf Schweinefleisch schadet unseren Kindern sicher weniger, wie der Verzicht auf die Masern-Impfung. Wenn der CSU-Minister sich ebenso engagiert um Impfverweigerer kümmern würde, wie um die Interessen der Schweinefleisch-Lobby, dann hätten wir keine Maserntoten mehr in Deutschland. Aber das ist ein anderes Thema und gehört ins Resort des Gesundheitsministers.

Außerdem wird hier den Kindern wirklich geschadet.

Da kommt es doch in der Öffentlichkeit viel besser an, wenn man sich dafür einsetzt, dass den armen deutschen Kinder nicht die Butter vom Brot genommen wird, bzw. das Schnitzel vom Teller.

Ach so – es geht gar nicht um das Wohl der Kinder?

Wie konnte ich das nur übersehen?

Na dann: Guten Appetit!

[1] Link zum Artikel in der Hamburger Morgenpost vom Mittwoch, 28. Dezember 2016: http://a.msn.com/r/2/BBxCqhe?a=1&m=DE-DE

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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