(oder: Im Schüttelbecher nach New York)

Als Mädchen träumte ich von einer Hochzeit unter blühenden Apfelbäumen. Deshalb stand für mich auch immer fest, dass ich im Mai heiraten würde. Vorausgesetzt ich fände den richtigen Mann … Den fand ich dann tatsächlich, aber dass die Trauung schließlich im frösteligen Januar stattfand, war eine reine Vernunftentscheidung. Kurz zuvor war ich nämlich in die Schweiz gezogen und mein Herzallerliebster war zwar der perfekte Partner, hatte aber leider, leider die „falsche“ Staatsangehörigkeit und solange wir unverheiratet waren, durften wir nicht gemeinsam in Zürich leben …
Obwohl die Dame von der Fremdenpolizei damals einige spitze Bemerkungen losließ, haben wir inzwischen doch bewiesen, dass es sich bei der damaligen Entscheidung nicht um eine Scheinehe handelte. Zur Silberhochzeit hatte ich nur einen einzigen Wunsch: Mich einmal um nichts kümmern zu müssen!
Mein Schatz nahm also das Organisatorische in die Hand. Meine Kinder hielten dicht. Und selbst meine Mutter, die nur allzu gern gewusst hätte wohin es ging, hatte nicht den leisesten Schimmer. Die einzige Information, die ich bekam, war, dass wir vom Stuttgarter Flughafen aus starten. Meine heimlichen Favoriten waren Amsterdam und Venedig. Eines dieser Wunschziele schrieb ich auf einen kleinen Zettel, den ich in einen Umschlag steckte und der zu den Reiseunterlagen kam.
Und hier das Ergebnis unseres kleinen, feinen Ratespiels:


Im Umschlag waren Eintrittskarten für die Metropolitan Opera! Und ab da fühlte ich mich (ich weiß das klingt nach Klischee ….) … aber ich fühlte mich tatsächlich wie im Film.
Mit einem letzten Rest von Zurechnungsfähigkeit erkannte ich noch eins: Es ging tatsächlich nach Amsterdam, aber das war lediglich ein Zwischenstopp, denn dort stiegen wir um in das Flugzeug nach New York. .
Flugzeug? War ich nicht gewarnt worden? Hatte sich nicht der Abflug wegen schwerer Sturmböen mehrfach verzögert? Und hatte ich nicht meine Tabletten gegen Reisekrankheit vergessen?
Egal!
Wie gesagt, ich fühlte mich wie im Film. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch. Und als die anfingen zu flattern, hatte ich keine Sekunde Angst, obwohl sich unser Flugzeug in eine Art Achterbahn verwandelte, mit kollektivem Uff! wenn es mal wieder in einem Luftloch steil nach unten ging.
Ich will meine LeserInnen mit Einzelheiten verschonen. Nur so viel: Bei KLM gibt es reichlich Nachschub an diesen ominösen Tüten …
So begann meine Nach-Weihnachts-Diät etwas abrupt und als ich leicht dehydriert und schwankend in New York den Schüttelbecher (pardon das Flugzeug) verließ, hätte ich wohl wider Willen den US-amerikanischen Boden geküsst, hätte nicht eine Sicherheitsbeamtin beide Augen zugedrückt und mich an sämtlichen Absperrungen vorbei zu einer Sitzecke gelotst, wo ich meine inneren Werte wieder einigermaßen sortieren konnte, bevor es weiterging zur Passkontrolle.
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So hatte ich bei der Immigration-Control schon wieder klare Augen und natürlich immer noch jede Menge Schmetterlinge im Bauch. Diesmal aber welche von der schönen Sorte 😉 Und so erfuhr auch der nette junge Mann, der unsere Fingerprints nahm und die Iris vermaß von unserer romantischen Anreise und kommentierte in breitestem Dialekt: „Oh man, that’s really great, man! That’s really luv!“
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So kam ich also zum ersten Mal nach New York und hatte nur ein klitzekleines Problem: Was, wenn der Rückflug genauso stürmisch würde? Ob ich das noch einmal durchstehen würde? Auf dem elektrischen Laufband, das uns zur Gepäckausgabe beförderte, hatte ich wieder leichte Anflüge von Übelkeit – ich musterte meinen seefesten Ehemann und wusste, er hatte die Rückflugtickets in der Tasche … aber was, wenn ich gar nicht zurück wollte? Wenn ich ganz einfach hierbleiben würde, um nie, nie, nie wieder luftkrank zu werden? War ich denn nicht schon immer ein Großstadtmensch gewesen? In meinem leicht benebelten Hirn tauchten die absonderlichsten Gedanken auf. Ich hatte von New York noch nicht mehr gesehen als die Ankunftshalle und die Gepäckausgabe des JFK-Airports und fühlte bereits eine gewisse vollkommen instinktive Bindung an diese Metropole. Etwa so, wie sich ein Ertrinkender an das rettende Stück Treibholz klammert.
„Erst mal frühstücken“, meinte mein Mann mit einem prüfenden Blick auf mich. Er sagte es in einem Tonfall, in dem ein Arzt die Unausweichlichkeit einer besonders bitteren Pille anpreist. „Erst mal Wasser“, antwortete ich. „Und zwar am liebsten in einem dieser typisch amerikanischen Megapacks.“
Und zwei Liter Wasser später, hatte ich mich sogar wieder an den Gedanken gewöhnt, eventuell, vielleicht und unter Umständen wieder den Heimflug anzutreten. Irgendwann. Später. Sicher nicht jetzt. Denn ich war wild entschlossen, jeden einzelnen Moment dieser Reise zu genießen.
Nur eins ist sonnenklar: Ich werde nie wieder in einem stürmischen Januar heiraten.
Das war der Anfang einer Reise, die so stürmisch begann wie unsere Liebe … wie es weitergeht, erfahrt Ihr bald!

Denn:
Leben ist Genuss des Augenblicks!
Genussreichreiche Grüße,
Ulrike Blatter
Weitere genussreiche Reiseblogs findet Ihr übrigens hier: www.genussliga.de

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

4 Antworten auf „New York Tagebuch 1: „Still crazy after all these years“

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