(Spaziergang durch Lower Manhattan)

Straßenschluchten, in die sich kaum jemals ein Sonnenstrahl verirrt, Wolkenkratzer, die sich zur weltberühmten Skyline zusammendrängen, hupende und drängelnde yellow cabs, teuer gekeidete Menschen, die mit raschen Schritten die Wallstreet queren und dabei hastig an einem Coffee to go-Becher nippen, die Freiheitsstatue, die ihre emporgereckte Faust zu Black-Panther-Gruß ballt – ach nein, jetzt habe ich es ein wenig auf die Spitze getrieben J Natürlich hielt Miss Liberty immer noch trotzig die Fackel der Freiheit hoch: zwar hatten alle TV-Sender schon den offiziellen Countdown für die Obama-Administration begonnen, aber noch war Trump nicht vereidigt …

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Aber ‚auf die Spitze‘ trieben wir es an diesem Tag tatsächlich: wir erarbeiteten uns Lower Manhattan von Nord nach Süd und wer auf den Stadtplan von Manhattan schaut, sieht, dass die es hier auch die Geographie unserem Wortspiel recht gibt.

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Erstes Ziel war die Brooklyn-Bridge, die den East River quert. Man kennt sie aus Filmen und kurz blitzten in meinem Hirn Bilder von 09/11 auf, als Tausende über die rettende Brücke rannten. Ich verdrängte diese Gedanken und genoss den fast zwei Kilometer langen Spaziergang mit dem spektakulären Ausblick auf Manhattan und die vorgelagerten Inseln.

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Und was treibt man sonst so auf der Brücke? Unter uns rauschte der Autoverkehr, auf den Holzplanken der Fußgängerbrücke joggen die New Yorker, versuchen ihre Fahrräder unbeschadet durch die Massen zu lenken – und die Touristen? Naja, sie tun, was Touristen so machen …

 

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Streetlife in NYC der ultimative Härtetest für Mensch und Material. Man sieht’s …

 

 

Zurück auf festem Boden orientierten wir uns erst einmal. Das ist nicht schwer, da alle Straßen durchnummeriert sind. Die Avenues verlaufen längs in Nord-Süd-Richtung. Die 5th Avenue teilt Manhattan in Ost und West und so tragen dann die querverlaufenden Straßen die Bezeichnungen E(ast) und (W)est. Dieses Schema hat man ziemlich schnell drauf und es erspart manchen Griff zum Stadtplan. Wir liefen von der City Hall in Richtung Battery Park.

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Erstes Zwischenziel war die Wall-Street im Finanzdistrikt. Die Trinity Church und damit symbolisch Gottes stützende Hand im Rücken, öffnet sich dann der Blick in eine überraschend schmale Straße. Der Eindruck einer düsteren Höhle wird noch dadurch verstärkt, dass dort aktuell eine Baustelle ist und überall Bauplanen herabhängen. Hier schlägt also das Herz des internationalen Kapitalismus.

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George Washington schaut von seinem Podest des „Federal Hall National Monument“ nachdenklich auf die weltberühmte Fassade des „Stock Exchange“ und ich stelle mich kurz mal unter seine schützende Hand. Das Finanzmuseum samt Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise ersparen wir uns und besuchen stattdessen das Federal Hall-Museum, das Mitte des 19. Jahrhunderts im damals angesagten „Greek-Revieval-Style“ erbaut wurde. Die ehemalige Federal Hall wurde dafür kurzerhand abgerissen; da war es ganz egal, dass dort George Washington als erster Präsident der USA vereidigt worden war. In das Gebäude zog die Zollbehörde ein und so betritt man die weihevollen Hallen und schaut auf … in die Wände eingemauerte Geldtresore.

Das Museum kostet keinen Eintritt und lohnt sich, da man einen didaktisch gut aufbereiteten  Überblick über die Gründungsgeschichte der USA bekommt. Zielgruppen sind wohl vor allem Schulklassen und es hat schon etwas Rührendes, wie Demokratie und Freiheit als zentrale Werte beschworen werden – und die Gleichheit: egal welche Rasse, welche Religion, welches Geschlecht. Alle Menschen sind gleich viel wert.

Große Worte, die mir aber auf einmal hohl in den Ohren klingen, als ich draußen in eine Demo hineinlaufe: Menschen forderten von der Politik mehr sozialen Wohnungsbau, mehr „Public Housing“ und erinnern daran, dass New York aktuell den höchsten Stand an Obdachlosen seit dem Finanzcrash 1929 hat. Veteranen, Menschen mit körperlichen oder seelischen Behinderungen, aber auch immer mehr alte Menschen landen auf der Straße – und das in ganz Amerika. Man schätzt, dass 25 % der „homeless people“ in den USA Kinder und Jugendliche sind.[1] Zwei Tage zuvor war ein gerade eben erst geborenes Baby einer obdachlosen Mutter in Portland erfroren.

 

 

Solche Sorgen sind denen fern, die in goldenen Türmen residieren …

 

Ja, ich war auch da, ziemlich gleichzeitig mit einer gewissen Dame mit ähnlicher Frisur … aber im Gegensatz zu ihr, war ich da auch rasch wieder weg. Ich hatte nämlich Besseres vor 😉

Zum Beispiel Tiffany. „Dear Sir, Madam, please come in.“ Einladend hielt der hochgewachsene junge Mann die Türen zum Tempel der Glitzersteinchen auf.

„No, thank’s.“ Mein Mann strebte mit großen Schritten voran. „Das war Tiffany & Co“, schmunzelte ich (wer meinen Mann kennt, der weiß, dass er es nicht so hat mit Mädchenkram 😉 ).

„Tiffany-what?“ – „Na, das kennst du doch … Frühstück … Holly Golightly …“ –  „???!!“

„Ok mein Lieber, dann hilft nichts. Diese eklatante Bildungslücke schließen wir hier und jetzt.“ Kehrtwendung. Der junge Mann reißt das Portal auf und wir sind mittendrin. Schräger Seitenblick zu meinem Herzallerliebsten: „Kapiert?“ – Räuspern, Schlucken, stummes Nicken. „Da war doch mal dieser Film, den wir gesehen haben … war das nicht mit Audry Hepburn …??!!“ „Bingo!“ Er hat’s kapiert. Dann können wir ja jetzt wieder gehen.

Aber von wegen! Eine supernette Verkäuferin spricht uns an. Ob wir nicht die Diamantenabteilung besichtigen wollen. „Äh, nöö, we just dropped in … only to have a look. You must know ….“ Und wieder erzählen wir die Geschichte unserer romantischen Anreise (wie sagte meine Oma immer? Wovon das Herz voll ist ….). Die Augen der jungen Dame werden immer größer. „Oh, that’s luv!“, stößt sie heraus und bitteschön, wir sollen uns in aller Ruhe umsehen, kein Kaufzwang, natürlich nicht. Ob sie uns zur Feier des Tages ein Glas Wein kredenzen dürfte?

Wir verzichten dankend (es ist heller Vormittag und mein Hirn ist sowieso noch etwas jetlag-benebelt). Aber wir haben auch so jede Menge Spaß!

 

Zugegeben, an der Figur müsste ich noch etwas arbeiten, aber die Brille ist schon mal richtig Klasse!

Weiter geht’s in Richtung Süden: wir bummeln entlang der Wasserlinie, vorbei am South Street Seaport District, der fast nichts mehr von einem Hafen hat und sich zu einem hippen Szeneviertel gemausert hat.

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Blick von dort über den East River nach Brooklyn

Ziel unseres Vormittags-Spaziergangs ist der Battery Park. Kurz vorher passieren wir eine Gruppe junger Männer, die Tickets für die Staten Island Fähre verkaufen wollen. Unnötig, da wir mit unserem Metro-Ticket dort gratis übersetzen dürften. Aber schon beim Blick auf das bewegte Wasser, meldet sich mein Magen wieder zu Wort, und ich verzichte dankend. „So, you don’t want to see Miss Liberty?“, fragt ein entsetzter junger Mann. „Why do you hate her??!!“ Nein, junger Freund, Verzicht bedeutet nicht automatisch Hass. Er bringt uns lediglich dazu andere Dinge zu genießen, die uns an diesem unerwartet warmen Januartag sonst sicher entgangen wären: Eichhörnchen und Möwen füttern. Ein Sonnenbad und einen wunderbaren Blick auf Miss Liberty, auch wenn sie (vorerst) in unerreichbarer Ferne scheint.

 

Tipp: Wer seefester ist als ich und sich auf die Fähre wagt, der sollte unbedingt die angebotene Rundfahrt machen. Auch Ellis Island mit dem Museum zur Einwanderungsgeschichte und Governors Island als Ruheoase sind einen Abstecher wert (Governors Island wird mit separater Fähre angefahren (kostenpflichtig!) und ist in den Wintermonaten für Touristen geschlossen und). Und hier ein weiterer praktischer Tipp: Alle wichtigen Sights zwischen City Hall, WTC Site, South Street Seaport und Battery Park werden durch Gratis-Busse der Downtown-Connection abgefahren. Die Busse verkehren alle 10 Minuten und sind kostenlos.[2]

Der Abschluss unseres vormittäglichen Rundgangs führte uns zum „Bowling Green“, der ältesten Parkanlage der Stadt. Eine winzige Oase. Als Weidegrün sichtbar ungeeignet, denn der wohl berühmteste Bulle der Welt, wendet der Natur ostentativ das Hinterteil zu. Der ernährt sich nämlich lieber von saftigen Börsenkursen ….

 

Zufall oder nicht? Schaut mal, auf welcher Seite die Frauen brav Schlange stehen und wo sich die Männer tummeln J

Weitere ‚Musts‘ für Touristen sind die St. Paul’s Chapel – ebenfalls eine Oase der Ruhe mitten im Großstadtgetriebe und wundersamerweise nach dem Einsturz des WTC fast unbeschädigt geblieben –  sowie die World-Trade Center-Site mit der Gedenkstätte zu 09/11.

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Ein kontemplativer Ort, würdig gestaltet und friedlich wie ein Zen-Garten.  Ich habe bewusst nur dieses Detail aufgenommen und auf das Fotografieren der Namen der Opfer verzichtet. Es sind zu viele, wen will man da exemplarisch herausgreifen? Und wie viele Opfer blieben ungezählt, nachdem die USA sehenden Auges einen Rachefeldzug inszenierten, von dem sich unsere Welt noch lange nicht erholen wird.

Wir fahren im World Financial Center mit dem Aufzug so weit nach oben, wie es geht und landen in einem Delikatessen-Markt für italienische Spezialitäten. Eine Pizzeria verbreitet heimelige Gemütlichkeit. Der Blick aus den Panoramafenstern geht auf Ground Zero. Hier wollen wir unsere Mittagspause nicht verbringen (mal ganz abgesehen davon, dass die Pizzen ziemlich teuer sind).

Wie wir den Nachmittag verbrachten, erzähle ich ich euch im nächsten Beitrag, in dem ich wieder einmal genussreiche Schwerpunkte setzen werde.

So viel verrate ich schon: Liebe geht durch den Magen …

Leben ist Genuss des Augenblicks!

Genussreichreiche Grüße,

Ulrike Blatter

Weitere genussreiche Reiseblogs findet Ihr übrigens hier: www.genussliga.de

[1] Wer es genauer wissen will: http://www.endhomelessness.org/page/-/files/2016%20State%20Of%20Homelessness.pdf

[2] http://www.downtownny.com/programs/downtown-connection-bus

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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