Die Pulse of Europe-Gruppe aus Konstanz hat mich eingeladen, eine Liebeserklärung an Europa zu verfassen. Heute las ich auf der Sonntagskundgebung im Gondele-Hafen eine gekürzte Fassung (Klick aufs Bild – Link zum Video)

ostern-konstanz

Hier ist der ganze Text:

Jeder, der mich etwas besser kennt, weiß, dass ich spätestens nach 10 Minuten anfange, über Bosnien zu reden.

Aber 10 Minuten haben wir hier nicht.

Deshalb fange ich einfach jetzt schon mit einem Lieblingsthema an.

Moment mal, denken Sie sich jetzt bestimmt.

Was hat Bosnien eigentlich mit Europa zu tun – die sind doch noch nicht mal in der EU? Aber trotzdem: Bosnien ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was aus Europa würde, wenn PolitikerInnen vom Schlage einer Le Pens, wenn all‘ die Höckes und Wilders sich durchsetzen würden.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich seit vielen Jahren in diesem Land arbeite, erkläre ich das am besten an ein paar sehr persönlichen Beispielen:

Ende der Neunziger Jahre lebte unsere Familie in Slowenien. Der Bosnien-Krieg war noch nicht so lange vorbei und mein Sohn war drei Monate alt, als der Kosovo-Krieg losging und wir wieder mal das unsägliche Vokabular runter beteten: Genozid, ethnische Säuberung, Flüchtlinge und Kollateralschaden. Es war Spätsommer 1999, als ich zum ersten Mal nach Bosnien reiste (Kosovo kam etwas später, aber das erzähle ich vielleicht ein anderes Mal …).

Ich war eingeladen, um als Ärztin mit Eltern, Lehrerinnen und Jugendlichen über das Thema Sucht und Drogen zu reden. Auf dieser Reise passierten ein paar erstaunliche Dinge, die mich veränderten – und mir meine Haltung zu Europa bewusstmachten.

Damals fuhr ich in einem Konvoi mit meinem Auto über Grenzen, an denen wir auf eine sehr feindselige Weise kontrolliert wurden, so dass man nicht sicher war – werde ich jetzt die Grenze passieren oder wird etwas mit mir passieren? Dann sagte man mir, dass ich nach Einbruch der Dunkelheit in gewissen Regionen keinesfalls anhalten, aussteigen oder gar Anhalter mitnehmen solle. Das erschien befremdlich, aber es gab handfeste Gründe für diese Ratschläge. Irgendwann abends erreichte ich dann die Stadt Gračanica. Die Stadt war dunkel – denn es gab nur stundenweise Strom. Die Stadt war brechend voll, nämlich mit Flüchtlingen aus anderen Landesteilen und solchen, die aus Deutschland und anderen Ländern zurückgekehrt waren. Jede noch vorhandene Badewanne war mit Wasser gefüllt, aber nicht zum Baden, sondern als Vorrat, da Wasser nur unregelmäßig aus den Leitungen kam. Wir lebten im Wesentlichen von Mandarinen und Fladenbrot, da wir keine Zeit zum Kochen hatten und wenn wir Zeit gehabt hätten, gab es weder Strom noch Gas. Ich traf Mütter, die hungerten, damit ihre Kinder etwas zum Essen hatten. Es war kalt. Es war ungemütlich. Es war … so seltsam vertraut … Ich wunderte mich über mich selbst. Ich horchte in mich hinein. Denn ich fühlte mich tief von innen heraus so wohl, wie jemand, der nach einer langen Reise endlich wieder nach Hause kommt.

Was war nur los mit mir?

Irgendwie gelang es mir ein Satellitentelefon zu organisieren (Mein Handy funktionierte dort nicht und Festnetz erst recht nicht).

Ich rief meine Eltern an. Als ich ihnen erzählte, wie es rund um mich herum aussah, riefen beide wie aus einem Munde: „Das ist ja genauso wie bei uns kurz nach dem Krieg!“

Meine Eltern sind Jahrgang 1934 und ’37 und dieser Moment war der Beginn meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Kriegskinder und Kriegsenkel. Blitzartig begriff ich in diesem Moment, dass wir Babyboomer den Krieg quasi „in den Genen“ haben, auch wenn wir in ein friedliches und wirtschaftlich prosperierendes Europa hineingeboren wurden – die Erfahrungen von Krieg, Hunger und Flucht sind uns tief eingeschrieben.

An diesem Abend im Nachkriegsbosnien, mitten im Kuddelmuddel der Gefühle und umgeben von Nachkriegselend, wurde mir klar, dass ich da nicht einfach reingehen, einen Job erledigen und wieder rausgehen kann, sondern dass dies ein Thema ist, dass mich zutiefst persönlich packt – sozusagen an meinen Kriegsenkel-Genen. Wir alle kennen den Satz „Nie wieder Krieg!“ Dieser Satz wurde zum politischen Motor der EU-Gründung. Das werde ich nie mehr vergessen, denn ich weiß jetzt wie sich Kriegselend anfühlt.

Wie ging es weiter? Wir hatten dann tatsächlich einmal einen Abend, an dem es richtig viel zu essen gab. Wir wurden nämlich eingeladen auf ein Fest. Ich verstand ja nur wenig von der Sprache, aber Gastfreundschaft ist ja international und so freute ich mich erst einmal und genoss Čevapčiči und andere landestypische Leckereien. Es wurde viel geredet und es wurde gesungen, aber trotzdem war die Stimmung irgendwie gedrückt. Ich erfuhr dann, dass es sich um eine Abschiedsfeier handelte. Die Gastgeber, ein Ehepaar in mittlerem Alter, würde an´m nächsten Tag nach Kanada auswandern. Ja ist das nicht toll, dachte ich. Sie werden eine Zukunft haben und kommen raus aus dem Elend. Klar, sind sie traurig, aber verbinden sich mit dem Neuanfang im Ausland nicht viele Hoffnungen und Chancen? Das war reichlich naiv. Denn ich lernte zweierlei: Erstens wie tief verwurzelt die Menschen sind und wie schwer es ihnen fällt, von daheim wegzugehen. Und zweitens – und das war die wichtigste Lektion: Die beiden hatten den Krieg überlebt und zwar gemeinsam. Und genau das grenzte an ein Wunder: Die beiden führten nämlich eine sogenannte „gemischte Ehe“. Er war Muslim und sie war Christin. Sie hatten während des Krieges unter Lebensgefahr immer wieder Menschen versteckt oder ihnen zur Flucht verholfen, denn während des Kriegs bedeutete es oft das Todesurteil, wenn man mit der falschen Religion zur falschen Zeit am falschen Ort war. Aber jetzt? Jetzt war doch Frieden? Wieso mussten sie gehen und wurden nicht als Helden gefeiert? Die traurige Tatsache war, dass die beiden nach dem Friedensschluss fast noch größere Schwierigkeiten als während des Krieges. Offene Anfeindungen und klammheimliche Diskriminierungen zwangen sie zum Aufgeben. Sie sahen keine Perspektive mehr im Heimatland und wanderten aus, um sich endlich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.

Was lernte ich damals über Europa? Dass blinder Nationalismus menschliche Schicksale zerstört, Freunde und Nachbarn zu Feinden macht. Theoretisch wusste ich das auch schon vorher. Aber über die Jahre in Bosnien habe ich verstanden, dass diese Art von Nationalismus ein ganzes Land lähmt und zwar alle Bereiche: Wirtschaft, Industrie und Handel, Verkehr, Bildungssystem, Gesundheitssystem, Renten – wohin Sie auch schauen … auf allen gesellschaftlichen Großbaustellen ist absoluter Stillstand. Dafür wird überall dort umso emsiger gewerkelt, wo Hass und Feindseligkeit blühen. Nationale Befindlichkeiten, Ausgrenzung und Diskriminierung – dies alles funktioniert wunderbar. Le Pen, Geert Wilders und Björn Höcke könnten sich von dieser Politik dicke Scheiben abschneiden, aber seit ich den Nationalismus in Bosnien erlebte, weiß ich dass uns dieser europafeindliche Brocken im Halse stecken bleiben würde.

Und hier meine letzte Erfahrung: Irgendwann lebte ich wieder in Deutschland, aber ich besuchte regelmäßig die Projekte in Bosnien (und auch in Kosovo). Jede Reise war stets verbunden mit einem krassen Kulturschock: und zwar – wohlgemerkt! – nach meiner Rückkehr! Ich gebe mal ein Beispiel:

Einen Tag nach meiner Rückkehr, saß ich zusammengefaltet auf den winzigen Stühlchen unseres Kindergartens. Elternabend. Leidenschaftlich diskutierten wir über Sinn oder Unsinn der Zecken- und Masernimpfung bzw. über die Höhe des Lichtschutzfaktors in Kindersonnenmilch, da wir einen Waldausflug planten. Erst gestern hatte ich ein bosnisches Waisenhaus besucht, war vorgestern auf einem Workshop vergewaltigten Frauen begegnet und damals gab es in Bosnien kaum Wanderwege, dafür aber viele Karten mit landminenverseuchten Gebieten.

Welch ein Luxus über solche Themen zu diskutieren, dachte ich. Aber es ist kein Luxus. Es ist dringend notwendig sich um die unendlichen vielen Kleinigkeiten zu kümmern, die unser Zusammenleben in einer lebendigen Gesellschaft gestalten – und genauso geht es in ganz Europa. Tausend Probleme, tausend Fragen, tausend Kleinigkeiten – all dies will in mühseliger Kleinarbeit und in oft nervtötendenden Auseinandersetzungen gelöst werden. Und das braucht Zeit und Energie. Ein lebendiges Europa bedeutet für mich, einen steten Veränderungs- und Verbesserungsprozess. Diskussionen über Zeckenbisse und Impfkalender gehören auch dazu.

Aber ich möchte mich nicht aufreiben und meine Kräfte verschwenden auf nationalistisch geprägten Nebenkriegsschauplätzen, die von den wirklich wichtigen Fragen ablenken. Feindbilder schaffen und dann auf sie eindreschen das war mir immer zu blöd. Aber mittlerweile erkenne ich, dass es sogar richtig gefährlich sein kann. Ich habe an Bosnien gelernt, wie schnell so etwas geht, wie wenig es braucht um ein Gemeinwesen zu zerstören. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal vor Menschen stehe und mich so offensiv FÜR Europa einsetzen muss. Ein gemeinsames Europa und funktionierende demokratische Strukturen das war für mich immer eine absolute Selbstverständlichkeit, der Boden auf dem ich meine Zukunft und die meiner Familie plante. Ich will nicht diesen Boden unter meinen Füßen verlieren.

Ich bin Mutter von zwei Kindern, die in zwei verschiedenen europäischen Ländern zur Welt kamen und nun als junge Erwachsene ins Leben starten. Als Mentorin begleite ich seit vielen Jahren junge Menschen durch Ausbildung und Lernen ins Leben hinein. Und wenn ich diese jungen Menschen frage: Wo siehst du deine Zukunft? Dann antworten sie mir: In Europa.

Dem ist nichts hinzuzufügen!

Die Bilder entstanden 2002 – 2004 in den Anfängen unserer Projektarbeit in Bosnien. Die in den Bildern gezeigten Personen sind andere, als die im Text erwähnten.

Mehr dazu hier: AWO Bosnien-Hilfe, mein Projekt für Kinder

Bis zum 7. Mai findet weiterhin jeden Sonntag im Gondelehafen in Konstanz die Kundgebung von #PulseofEurope Konstanz statt. Mittlerweile gibt es sehr viele Städte, die mitmachen. Vielleicht auch in Deiner Nähe? Hier ist die Liste.

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier.

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Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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