Oder: Wenn ein alter Bekannter dich zu Tränen rührt

Warum Kultur? Warum Kunst? Geht es nicht sowieso immer nur um Geld? Ist die Börse nicht viel wichtiger als alle Straßenmaler, deren Kunstwerke ein Regenguss vom Pflaster der Wall Street abwäscht?

Ich gebe zu, als Autorin bin ich nicht die Richtige, um diese Frage zu beantworten; da bin ich nämlich voreingenommen. Außerdem ist es mit der Kultur in New York so ähnlich wie mit dem Essen. Man stolpert ständig darüber – und es gibt sie in allen Preisklassen.

Zum Beispiel das Metropolitan Museum of Art … Wir betraten es an einem Freitag-Vormittag und wir hatten einen Plan: An diesem sonnigen Tag sollte der Central Park der Hauptprogrammpunkt sein und so ganz nebenbei wollten wir mal kurz bei den geliebten Impressionisten vorbeischauen …

Das war der Plan. Zugegeben, der Central Park bietet im Januar ein überschaubares Angebot an Pflanzen. Aber dafür ist er sehr groß und sehr still (für New Yorker Verhältnisse) und sehr leer (auch für New Yorker Verhältnisse), und wer mich kennt, weiß, dass ich ein absoluter Fan von Gärten und Parks bin. Erst recht in Großstädten. Denn ist es nicht der Löwenzahn, der den Straßenasphalt aufbricht? Und spaltet nicht das Efeu Fassaden? So gingen wir über verschlungene Wege, hielten unsere Gesichter in die Wintersonne und fotografierten vergnügt Büsche und Bäume, bis das hier vor uns auftauchte:

So wurden alle Pläne Makulatur. Aus dem Kurzbesuch wurde ein ganzer Tag – ergänzt um einen Abstecher ins MoMA, um dann für einen Absacker wieder ins Metropolitan zurückzukehren.

Das Metropolitan Museum ist die größte Kunstsammlung der USA und präsentiert auf 130.000 mteils in Dauer- teils in Wechselausstellungen mehr als 3 Millionen Exponate aus aller Welt und aus (fast) allen Epochen der Menschheitsgeschichte.

Unbenannt

Aber was sind Zahlen? Der Plan des ersten Stockwerks vermittelt zwar den Eindruck von Übersichtlichkeit, aber ganz ehrlich: Man stürzt sich da rein, man verliert sich, man begibt sich auf eine Reise durch Zeit und Raum – um irgendwann festzustellen, dass dies ja erst das Erdgeschoss war und die geliebten Impressionisten sich ein Stockwerk weiter oben befinden.

Das Metropolitan Museum bietet übrigens mehrere Annehmlichkeiten. Zum einen ist der Eintrittspreis eine „Empfehlung“. Es gilt das Prinzip: Jede*r zahlt so viel, wie er/sie will und kann. Ein schönes Beispiel gesellschaftlicher Solidarität. Man könnte jetzt lange über die Vergleichbarkeit deutscher und amerikanischer Sozialsysteme diskutieren, aber mich hat immer beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Amerikaner jeder Schicht Zugang verschaffen für das, was wir in Deutschland umständlich und sperrig mit dem Begriff „Teilhabe“ belegen. Ja, es ist wahr – für jedes Fitzelchen Kultur, wird in Amerika offensiv geworben, und es werden Sponsoren plakativ präsentiert (huch, da ist sie wieder diese böse-böse Mesalliance von Kultur und Geld), aber zumindest kann jeder, der es sich sonst nicht leisten könnte, für wenig Geld ins Museum. Ob die Ärmsten der Armen mit diesem Angebot wirklich erreicht werden, steht jedoch auf einem anderen Blatt …

Aber es gibt noch mehr tolle Angebote: Wenn man seinen Eintrittspreis entrichtet hat, kann man den ganzen Tag über kostenlos an verschiedenen Führungen teilnehmen, die eine riesige Bandbreite an Themen in allen möglichen Sprachen abdecken. [1]

Und wer sich inspiriert fühlt, wird vielleicht bei den Kunst-Workshops fündig, in denen man auch selbst einmal Hand anlegen kann. Bei den „Drop-In“-Kursen zahlt man lediglich den Museumseintritt. Mehrtägige Kurse kosten eine Gebühr. [2]

Die wahren Künstler jedoch brauchen keine Kurse 😉

Aber warum soll ich so viele Worte machen … Kommt doch einfach mal mit auf meine Augenweide!

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Schließlich schafften wir es sogar bis ins erste Stockwerk und genossen das Wiedersehen mit den Impressionisten und Post-Impressionisten. Wie so oft zeigte sich, dass keine Kopie das Original ersetzen kann. Kein Kalenderbild, keine noch so sorgfältige Reproduktion atmet diese Stimmung, die uns aus den Bildern der Meister entgegenströmte. Die (Kunst)Geschmäcker sind verschieden, aber es gab einiges, das in einer Reproduktion kitschig gewirkt hätte – im Original aber berührend.

Und dann stand ich Ihm endlich Auge in Auge gegenüber. Van Gogh ist ja mittlerweile mehr Symbol als Mensch, sein Bild in Romanen und Filmen übermalt und verändert – aber dennoch: Auge in Auge mit ihm zeigte er eine solche Präsenz, dass es eine leibhaftige Begegnung war, auch wenn es „nur“ sein Abbild war. Dabei war er kein bisschen entgegenkommend. Eher trotzig. Zurückgezogen. Und dennoch von unbändiger Vitalität. Oder wie sein Bruder Theo es ausdrückte: „Seine Art […] und seine Allüren lassen sofort erkennen, dass er ein besonderer Mensch ist. Es ist ihm nicht möglich, mit jemandem auf eine gleichgültige Weise zu verkehren.“ [3]  All dies strahlt sein Porträt aus und es lässt mich nicht kalt.

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Ja, er ist der Prototyp des verkannten Künstlers und wahrscheinlich der Schutzpatron aller, die sich mit widerborstigen Musen, knickrigen Verlegern und überkritischem Publikum herumschlagen. Ob er nun zu Lebzeiten nur ein oder vielleicht „sogar“ zehn Bilder verkaufte, ist nicht wichtig. Auch dass seine Bilder heutzutage zum Teuersten zählen, was der Kunstmarkt zu bieten hat, ist nicht wichtig. Wichtig ist allein der Atemhauch der Muse, die Botschaft, die Jahrhunderte überdauern wird, dieses Gefühl, das dich ins Innerste trifft. Mitten ins Herz. Und du erkennst: Es ist nicht der Profit, der uns leben lässt. Es ist die Kunst. Und sie ist jedes Opfer wert.

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Schaut nur dieses Bild an. Kein Wunder, galt dieser Kerl als verrückt. Denn wer so malt, stellt alles in Frage. Schaut auf diese liebevolle Wut, diese gesegnete Energie, die alles durchdringende Leidenschaft, die sich in jedem Pinselstrich manifestiert. Die Betrachtung dieses Bildes schenkt Kraft. So etwas kann man gar nicht mit Geld bezahlen. Und so etwas gehört in keine Privatsammlung, sondern dorthin, wo alle es sehen und immer wieder besuchen können: in ein Museum.

Oder in die Natur:

 

Aber eins fehlt uns noch zum Glück: Die Sternennacht.

Um dieses Bild zu betrachten, müssen wir das Museum wechseln. Wie schön, dass das MoMA freitags zwischen 16.00 und 20.00 Uhr keinen Eintritt verlangt! Entsprechend voll ist es – das MoMa am Freitagabend gleicht eher einem Happening mit Volkslaufcharakter als einem Museum – aber es ist beeindruckend zu sehen, wie Alt und Jung, Touristen, Einheimische und das ganze gesellschaftliche Spektrum ein Gebäude erobert, das allein durch seine Architektur schon eine Sehenswürdigkeit für sich ist.[4]

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Trotz des Andrangs ergaben sich stille Momente, Zeit, ein Bild in Ruhe und aus verschiedenen Abständen zu betrachten. Manchmal begegneten sich die Blicke der Besucher, man lächelt sich zu. Kein Wort. Einfach nur schön …

Endlich stehe ich vor meinem Lieblingsbild. Leider ist es unter Glas gefangen. Aber der alte Zausel Vincent hat es mal wieder geschafft …

Und hier die Musik dazu …

Dann wieder mit dem Bus zurück ins Metropolitan Museum, denn freitags ab fünf beginnt man dort das Wochenende mit MetLiveArts – bei Music, Cocktails und Häppchen sitzt man auf dem Balkon, schaut hinunter in die große Eingangshalle und lässt einen wunderschönen, inspirierenden Tag Revue passieren.

Und hier schließt sich der Kreis. Sicher erinnert Ihr euch noch an die Szene am Stuttgarter Flughafen?

Und so machen wir uns an einem Abend im Schneetreiben auf zur Metropolitan Opera. Romeo und Julia steht auf dem Programm. Wie passend. Dazu muss ich nicht viel sagen, aber mit einem Klick könnt Ihr mal reinhören.

Nach 25 Jahren sind wir vielleicht nicht so stimmgewaltig 😉 Aber sonst kriegen wir das mit dem Turteln auch noch ganz gut hin ❤

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Das war der letzte Beitrag unserer New-York-Reise. Aber bald schon geht es weiter, denn das Fernweh lässt uns keine Ruhe 😉

Reisen. Lieben. Leben. Lachen.  In diesem Sinne – bleibt uns gewogen, denn:

Leben ist Genuss des Augenblicks!

Genussreichreiche Grüße,

Ulrike Blatter

Weitere genussreiche Reiseblogs findet Ihr übrigens hier: http://www.genussliga.de/category/hier-dort/

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier.

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[1] http://www.metmuseum.org/events/programs/met-tours/guided-tours

[2] http://www.metmuseum.org/events/programs

[3] In: Matthias Arnold: Vincent van Gogh – Biographie, S. 755.

[4] Übrigens: wer noch mehr Museen mit freiem Eintritt sucht, wird hier fündig: http://www.nycgo.com/articles/free-nyc-museums

Und wer lieber Musik hört und noch unter 26 ist, hat eine Chance auf ein Gratis-Ticket der New Yorker Philharmoniker: https://nyphil.org/concerts-tickets/explore/free-fridays

Alle anderen besuchen die offenen Orchesterproben für günstige 20 $: https://nyphil.org/concerts-tickets/explore/open-rehearsals

Musikalische „Schnäppchen“ gibt es auch bei Musicals – am Times Square bildet sich jeden Tag eine lange Schlange am Last Minute Ticketverkauf für Musicals und Shows. Die Tickets kosten dort von 40 $ an aufwärts.

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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