Alle Autofahrer sind Mörder?

Heute las ich einen Artikel von Harald Martenstein über ein junges Paar, das auf dem Rücksitz eines Autos verbrannte, nachdem ein 19-Jähriger unter Alkoholeinfluss mit einem (für sein Alter) übermotorisierten Wagen einen Unfall verursachte. Der Unfallverursacher blieb unverletzt und kam mit einer Bewährungsstrafe sowie einer Geldstrafe von 1000 Euro davon. Martenstein schildert auch noch einen zweiten, ähnlich beklemmenden Fall und erklärt, wie solche Gerichtsurteile die Hinterbliebenen nicht nur kränken, sondern sogar zerstören. Ich will mich hier auf das Thema Jugendstrafe bei Autounfällen konzentrieren, da meines Erachtens die Kolummne wichtige Aspekte außen vor lässt.

 

Solche fürchterlichen Fälle drücken einem das Herz ab und es lässt auch keinen Juristen kalt. Das sind keine Routinefälle. Als Rechtsmedizinerin und Ärztin in der Sozialpsychiatrie war ich mit ähnlich schrecklichen Schicksalen konfrontiert. Hier meine Gedanken dazu:
Ich habe die verkohlten Leichen von Unfallopfern gesehen und auch die an Leib und Seele verstümmelten Opfer, die ‚gerade so‘ davongekommen waren. Ich habe Angehörigengespräche geführt und als Therapeutin Trauerbegleitung gemacht. Auf der anderen Seite habe ich auch mit den Eltern von Tätern gesprochen, habe Mörder kurz nach der Tat zwecks Spurensicherung untersucht und Gutachten zur Hafterstehungsfähigkeit geschrieben. Meine letzten Berufsjahre habe ich in einer Einrichtung für Süchtige verbracht. Seitdem arbeite ich ehrenamtlich in Bosnien für junge Menschen. Kurz gesagt: ich kenne beide Seiten.


Meines Erachtens fehlen in der Kolumne ein paar Argumente (ok, ich gebe zu, wenn man die erwähnt, kann man es nicht so wunderbar zuspitzen und Ausgewogenheit kommt niemals schillernd daher).

1. Eine Bewährungsstrafe hat Auflagen: Ich habe einen 18-jährigen Sohn, der für Sportwagen schwärmt und zu impulsivem Handeln neigt. Wenn ich lese, dass die Eltern des Unfallverursachers ihrem Sohn einen Sportwagen schenkten, wird mit kotzübel. Die Verantwortung der(nicht)erziehenden Eltern wird leider nur angedeutet und nicht explizit angemahnt.

Allerdings wird die Bewährungsstrafe ein Freispruch dargestellt. Das ist ein bisschen zu vereinfacht …
Ich habe jahrelang junge Menschen mit Bewährungsstrafen therapeutisch begeleitet – diese Strafen sind nämlich mit Auflagen verbunden. Keine Frage, mit ein paar runtergeleierten Sozialstunden ist es hier nicht getan, aber wenn schon vorher nicht erzogen wurde und die Gewissensbildung rudimentär bleibt, dann kann man immer noch den Versuch der „Nacherziehung“ starten. In einem sehr engagierten Team ist uns da einiges gelungen – aber Wunder gibt es nicht, so viel muss man ehrlicherweise sagen.

 

Die beiden nächsten Punkte haben in der deutschen Rechtsprechung so etwas wie Methode (ich bin keine Expertin, aber dieser Eindruck drängt sich, vorsichtig gesagt, auf):

2. Opferschutz: Die Angehörigen des verbrannten jungen Paars (und auch die vergewaltigte junge Frau) leiden unermesslich. Aus meiner Arbeit mit kriegstraumatisierten Frauen weiß ich, dass es neben einer Trauerbegleitung und PTSD-Therapie ESSENTIELL ist, dass dieses Leid entsprechend gewürdigt und ent-SCHULDigt wird. Das ist juristisch schwer fassbar, geht in den Bereich von Therapie und Mediation hinein. Ich befürchte, dass wir für diese wichtige Arbeit keine angemessene Kultur in Deutschland haben. Das Ergebnis: traumatisierte Angehörige und Opfer und Retraumatisierung durch die Justiz. Der Runde Tisch zum Thema sexueller Missbrauch war ein wichtiger Schritt in diese Richtung, aber hier ist noch viel zu tun. Wie viel ist ein Leben wert? Auch mit 1 Million wäre niemandem wirklich geholfen… aber 1000 € sind eine Verhöhnung der Opfer. Die juristische Auseinandersetzung ist nur ein teil der Aufarbeitung, die auch in anderen bereichen der Gesellschaft geführt werden muss, damit Opferschutz stärker wahrgenommen und gewertet wird.

 

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3. Wahrnehmung von Verkehrsunfällen: Laut wikipedia ist ein Unfall ein „ein plötzliches […] von außen einwirkendes Ereignis, bei dem eine natürliche Person unfreiwillig einen Körperschaden erleidet oder eine Sache unbeabsichtigt beschädigt wird.“ Also alles Zufall? Blindes Walten des Schicksals?  Als Gutachterin wurde ich mit Aussagen konfrontiert, die nur den einen Schluss zulassen: Ein Auto ist eine Waffe und manche Verkehrsteilnehmer erfüllen die Kriterien von Mördern: Niedrige Beweggründe und Vorsatz.

Als Krimiautorin denke ich mir raffinierte Tötungsmethoden aus. Im wirklichen Leben würde ich jedem Menschen mit Mordplänen raten: „Bring dein Opfer mit dem Auto um und lass es wie einen Verkehrsunfall aussehen.“ Die Chance billig davonzukommen ist in Deutschland riesig.

 

Leider.


An dieser Stelle verweise ich gern auf die Opferberatung des Weißen Rings. Übrigens: Jedes Jahr am 8. Dezember, am sog. ‚Glauser-Tag‘ veranstaltet die Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur Benefizlesungen für den weißen Ring und andere Projekte, die Opfer unterstützen.

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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