Für eine Welt, in der unsere Kinder mit Lust und Liebe leben dürfen

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Früher war alles besser? Als ich es mir im Uterus meiner Mutter gerade so richtig gemütlich gemacht hatte, war draußen Weltuntergang angesagt: Kubakrise und drohender Atomkrieg waren die akuten Symptome des Kalten Krieges, dessen atomare Supersprengkraft man vielleicht verdrängen aber nicht wegdiskutieren konnte (und kann!!).

Für meine Eltern war es jedoch wesentlich dringlicher eine Wohnung zu finden, denn bezahlbaren Wohnraum gab es kaum, erst recht nicht für Familien.

Als meine Eltern sagten: „Unsere Tochter soll es mal besser haben“, dachten sie also eher an bezahlbaren Wohnraum und einen Platz im Kindergarten. Das war damals in den Babyboomer-Jahren nämlich auch schwierig. Soweit so vertraut ….

Später kam dann das Versprechen „Aufstieg durch Bildung“ hinzu und es wurde klar, dass sich unsere Welt rasant verändern würde. Dennoch setzten die Eltern der Kriegskindergeneration in der Erziehung auf vermeintlich bewährte Werte. So etwas wie Medien- oder Internetkompetenz war noch nicht erfunden. Wir bekamen einen Telefonanschluss als ich 12 Jahre alt war. Vorher stand man vor diesen schlechtriechenden gelben Häuschen Schlange und zählte das Kleingeld (wer erinnert sich noch daran?)

Als meine Eltern mich fit machten für’s Leben, bedachten sie auch NICHT die folgenden Missstände – die hießen damals nämlich nicht Missstände, sondern waren in der guten alten Zeit normal:

Ehemänner konnten den ihnen anvertrauten, pardon angetrauten Frauen die Berufstätigkeit verbieten. Selbstredend gab es auch keinen Straftatbestand „Vergewaltigung in der Ehe“, denn wenn eine Frau „Nein“ sagte, meinte sie eigentlich „Ja“ und wer tatsächlich vergewaltigt wurde, war selber schuld, da der Rock zu kurz, der Lippenstift zu rot oder der BH nicht vorhanden war. (Merke: „Die deutsche Frau schminkt sich nicht!“)

Meine Generation wuchs auf mit Lehrern, die in der Nazizeit sozialisiert worden waren, und ich sage euch eins: Die Ideologie von bedingungsloser Unterordnung und schwarzer Pädagogik steckte dem Lehrkörper nicht nur in den Knochen, sondern auch in den Genen; das wurden diese schmallippigen und rückgratversteiften Pädagogen niemals mehr los, und deshalb wurde selbst in den progressiven Sechzigern in den Schulen noch geschlagen. Man redete nur nicht drüber. Und schon gar nicht darüber, wenn einem Lehrer die Hand mal ganz anders ausrutschte. Nämlich unter den Rock einer Schülerin.

Man versteckte damals in der guten alten Zeit auch behinderte Kinder. Oder man sagte den Eltern ins Gesicht „Unter Adolf hätte es sowas nicht gegeben.“ (Alles selbst erlebt – und zwar mehrfach …)

Homosexualität hieß damals „Unzucht unter Männern“ (lesbische Frauen gab es in der guten alten Zeit offenbar nicht) und war strafbar. Homosexualität galt übrigens als „ansteckend“ bzw. man musste Jungs vor den bösen Verführern schützen.

Unverheiratete Paare durften nicht in einer Wohnung zusammenleben – das fiel unter den Kuppelparagrafen. Es gab die Sittenpolizei und inszenierte Bücherverbrennungen von sogenannter „Schundliteratur“ (dazu gehörten auch Comics) durch katholische Organe. (Ok, das waren die Fünfziger … das habe ich nicht selbst erlebt 😉  )

Waren die Zeiten damals moralischer, sauberer, sicherer? Gab es weniger Vergewaltigungen, weniger Missbrauch?

Nein. Ein ganz klares Nein. Es macht ein wenig Mühe sich durch die Jahrbücher der Deutschen Kriminalitätsstatistik hindurchzuarbeiten, aber wenn sich eins sagen lässt, dann dies: Die Zahlen sind rückläufig und dass es nun nicht mehr „Sittlichkeitsdelikt“ heißt, sondern „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ ist nicht nur Bürokratensprache, sondern spiegelt ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein wider.

Wenn eine Vergewaltigung nicht angezeigt wird, da sich das Opfer schämt und Repressionen ausgesetzt wird, heißt das nicht, dass alles in Ordnung ist, sondern bedeutet nur, dass da etwas vertuscht wird und es eine gewaltige Dunkelziffer gibt. Im Bereich sexuell motivierter Straftaten gibt es immer noch ein gewaltiges Dunkelfeld. Aber es war damals so, wie es auch heute ist: Die meisten dieser Straftaten geschehen im sozialen Nahbereich, das heißt Täter und Opfer kennen sich.

„Meine Kinder sollen es einmal besser haben“, das sagen auch heute noch Eltern und haben dabei auch den gesellschaftlichen Aufstieg im Blick, aber noch viel mehr ein lebenswertes, erfülltes und vor allem selbstbestimmtes Leben. Gemeinsam leben, streiten, sich wieder vertragen, lieben, kochen, essen, miteinander schlafen, urlaubmachen, sich umsorgen und in schweren Zeiten zusammenhalten – füreinander da sein und das Leben gemeinsam gestalten. All dies ist Familie. Sie verdient den besonderen Schutz des Gesetzes. Egal ob hetero-, homo-, oder asexuell. Und das ist gut so.

Denn unser Leben ist schon kompliziert genug. Es ist genug Hass in der Welt. Da sollten wir diejenigen, die sich Ehe und Familie zutrauen ermutigen und stärken – auch und ganz besonders vor dem Gesetz. Weil dann auch unsere Kinder gestärkt ins Leben gehen und die Herausforderungen meistern werden, die da heißen: Wohnungsnot, Bildungsgerechtigkeit, Migration, Globalisierung, Atomraketen und was sonst noch so alles kommen wird, das wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Unsere Familienmodelle werden bunter werden. Auch wenn sich das viele (noch) nicht vorstellen können. So, wie sich meine Eltern auch das Internet nicht ausmalen konnten.

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Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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