Wie alles anfing … und wie ich zu meinem unsichtbaren Begleiter kam

zucker baby
Das ist nicht mein Baby – aber zuckersüß ist es auf jeden Fall ….

Es steht fest: Im September werden mein Mann und ich 1500 Kilometer bis nach Sarajewo radeln.  Auf der ganzen Strecke werden wir einen stummen Begleiter haben … Mister D.

Inzwischen haben wir uns schon an ihn gewöhnt. Auch wenn er unsichtbar ist. Und damit Ihr mich nicht für verrückt erklärt, stelle ich ihn euch vor:

Als Mister D. mich 1994 das erste Mal besuchte, bekam ich davon nichts mit. Er war wirklich sehr diskret, schaute kurz mal vorbei und verschwand wie ein Dieb in der Nacht. Er hinterließ keine Spuren. Doch, halt! Ein aufmerksamer Beobachter hätte schon damals Verdacht geschöpft: Meine Tochter, die wenig später geboren wurde, war ein ausgesprochen properes Baby und wog fast 4 Kilogramm. Ich freute mich über mein zuckersüßes Töchterlein und wagte mich ein paar Jahre später an die zweite Schwangerschaft. Alles lief wunderbar. Wieder bemerkte ich nicht, dass Mister D. mich still und leise besuchte. Aber diesmal hatte er die Rechnung ohne meinen Arzt gemacht, der mich testete und voilà, der Kerl war enttarnt!

Vielleicht habt ihr es schon erraten: Mister D. heißt mit vollem Namen Diabetes. Und ich hatte den Salat! Und zwar im wortwörtlichen Sinne. Ade Kuchen, Speiseeis und gezuckerte Erdbeerbecher! Ich musste mich an einen ziemlich strengen Ernährungsplan halten, wurde dauernd in den Finger gepiekt und nahm vor lauter Schreck erst einmal zwei Kilo ab (und das mitten in der Schwangerschaft!). Aber alles lief gut. Als mein Sohn auf die Welt kam, war er ebenfalls zuckersüß und deutlich entfernt von der kritischen Gewichtsmarke. Nach sechs Wochen hatten sich auch meine Zuckerwerte wieder auf Normalmaß eingependelt und die Ärzte meinten, dass ich mir keine Sorgen machen sollte – zumindest nicht wegen Diabetes. „Wenn Sie ein wenig auf Ihr Gewicht achten und einigermaßen vernünftig essen, haben Sie kein wesentlich erhöhtes Diabetesrisiko“, hieß es. Na toll! Herzlich willkommen Kuchen und Erdbeerbecher!

Aber Mister D. ist ein sehr hartnäckiger Zeitgenosse. Und geduldig ist er auch. Sehr geduldig. Es sollte 14 Jahre dauern, bis er sich wieder zurückmeldete. Zugegeben: Ich hatte mein Jogging-Pensum reduziert. Mein Orthopäde hatte es mir geraten. Macht nix, dachte ich – ich habe ja einen Hund und laufe sowieso jeden Tag mindestens eine Stunde. Und dann noch die Arbeit im Garten, Einkaufen, Haushalt – mein Job, die (zuckersüßen) Kinder; kurz gesagt: Ich hatte ganz schön Stress … und Mister D. lächelte, denn er wusste, jetzt war seine Zeit gekommen.

Zuerst fühlte ich mich wochenlang nur komisch. Dann kippte ich um. Und zwar bei einer Radtour. Wenige Sekunden vorher hatte ich mich noch wohl gefühlt und dann …. zack! Es fühlte sich an, als ob einer den Schalter umgelegt und meine Energieversorgung gekappt hätte. Natürlich begleitete mich Mister D. auch zum Arzt. Zurückhaltend, wie er nun mal ist, wartete er erst mal ab, bis er nach etlichen Tests endgültig enttarnt war.

„Darf ich vorstellen?“, fragte mein Arzt und wies auf mich: „Ulrike Blatter, Krimi-Autorin mit einer leichten Schwäche für Süßspeisen und der Lizenz zum Töten …“ – „Angenehm“, antwortete mein Begleiter. „Mein Name ist D. Mister Diabetes – und auch ich habe die Lizenz zum ….“ – „Halt, Stopp!“, unterbrach ich ihn. „Bevor du etwas Falsches sagst, trinken wir erst einmal zusammen einen Kaffee und lernen uns etwas besser kennen.“ – „Den Kaffee bitte OHNE Zucker“, rief uns der Arzt noch hinterher. Wir verließen die Praxis. Und ich begann ein neues Leben.

Es sollte drei Jahre dauern, bis ich Mister D. wirklich gut kennengelernt hatte. Dieser Typ lässt sich nämlich nicht gern in die Karten schauen. Aber auch bin geduldig und experimentierfreudig – und ich esse sehr gern. So hatte ich die ersten Rendezvous mit meinem neuen Begleiter in der Küche. Ich probierte herum mit Kohlenhydraten, Fetten, Ballaststoffen und Proteinen – und bei all‘ meinen Experimenten gab es eigentlich nur eine einzige Regel: Es musste gut schmecken!

Das Team des Diabeteszentrums an der Uni Tübingen unterstützte mich mit vielen Tipps zur Ernährung und zur allgemeinen Lebensführung. Trotzdem gab es Fehlschläge und Enttäuschungen. Da ich nie übergewichtig war, konnte ich zum Beispiel nicht viel über eine Gewichtsreduktion erreichen. Trotzdem verlor ich über die Jahre insgesamt 5 Kilo, was sicher positiv war und ist. Aber welche Kohlenhydrate „passen“ zu mir und was muss ich weglassen? Warum explodieren plötzlich meine Blutfettwerte? Wie esse ich in einem österreichischen Hotel, wo alles mit Butter und Sahne gekocht wird … ganz zu schweigen von süßen Mehlspeisen und Knödeln … Mister D. leckte sich geradezu die Finger danach!

Ziemlich schnell war klar, dass ich es allein mit einer Ernährungsumstellung nicht schaffen würde. Also Sport. Mein Orthopäde hatte Bedenken. Und ich wechselte die Schuhe! Nachdem ich jahrelang mit maximaler Dämpfung auf Naturwegen gejoggt war und tierische Rückenschmerzen bekam, versuchte ich es nun mit harten Sohlen. Und siehe da: Auf einmal ging (bzw. es lief) es ganz wunderbar. Ich konnte sogar auf Asphalt rennen. Und hatte Spaß. Wie sehr mir das gefehlt hatte!

Habe ich Mister D. nun abgehängt?

Nein. Er ist immer noch da. Aber wir haben Frieden miteinander geschlossen. Soll ich jetzt mal ganz ehrlich sein? Ich bin noch nicht mal sauer auf ihn. Er hat mir nämlich einen Tritt in den Allerwertesten versetzt, damit ich diesen wieder hochbekam. Treppenlaufen statt Lift. Bewusst lecker essen und viel selber kochen. Pausen machen und sich auch über Kleinigkeiten freuen. Entspannen und genug schlafen. Dies alles erscheint so selbstverständlich, aber jeder, der im Stress ist, weiß wie schwierig es ist, dies alles im Alltag umzusetzen.

Mister D. mit der Lizenz zum … ist nicht mein Feind. Er ist mein Buddy für ein bewussteres Leben, mein Sparringpartner beim Sport, und ich strecke ihm die Zunge raus, wenn ich mir dann doch mal die superleckeren und super-fettigen Kartoffelchips zum zweiten Glas Rotwein gönne. Meine Joggingschuhe laufen ja nicht weg und morgen ist auch noch ein Tag!

Jetzt wisst Ihr, wie ich wieder zum Trainieren kam. Die #HolidayChallenge2017 ist für mich also nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern die Belohnung dafür, dass ich wieder so fit bin wie schon seit Jahren nicht mehr.

Im nächsten Beitrag erzähle ich, wie mein Mann und ich unser Training aufbauen. Das ist nämlich ziemlich unterschiedlich 😉

Und wer bei unserer #HolidayChallenge2017  immer auf dem Laufenden bleiben will, klickt hier.

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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