Auf dem Etschtal-Radweg durch den Vinschgau bis nach Bozen

Dieser Tag startet viel zu früh. Um genau zu sein gegen drei Uhr morgens. Und er beginnt mit einer mathematischen Gleichung, die sich absolut irrwitzig anhört:

22.04 + 915 = 0°

Was das bedeutet? Ganz einfach: Am 22. April auf 915 Höhenmetern kann es nachts verdammt kalt werden. Joachim ergänzt die Gleichung um plus 4 (Lagen Textilien) und kann danach wieder einigermaßen einschlafen.

Es ist ja beileibe nicht so, dass er nicht vorgewarnt gewesen wäre. Dieses Bild bot sich ihm am Vortag wenige Kilometer vor dem Campingplatz:

Tag 2 Reschenpass Nordseite Eiszapfen am Hahn

 

Während sich Joachim dann ein paar Stunden später aus diversen Lagen Fleece und Funktionswäsche herausschält, weiß er noch nicht, dass es in derselben Nacht auch in Deutschland empfindlich kalt geworden ist. Ein wahrhaft mörderischer „Jahrhundertfrost“ hat daheim im Garten ebenfalls grausam zugeschlagen. Kiwi- und Apfelblüte sind komplett hinüber, und viele Obst- und Weinbauern in Baden- Württemberg klagen über fast 100 % Ernteausfall.

Da hilft nur eins: Kräftig vorglühen …

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Endgültig warm werden die Muskeln aber erst wieder beim Radfahren. Joachim folgt dem Etschtal-Radweg, der fantastisch ausgebaut ist. Alto Adige (Südtirol) präsentiert sich als das „neue Holland“: ein Paradies für Radfahrer. Es ist zwar nicht so flach wie in den Niederlanden, aber dafür geht es stetig bergab.

Es gibt dann noch eine weitere Parallele zu Holland. Aber die wird erst gegen Nachmittag spürbar.

Einstweilen genießt Joachim die südliche Sonne, die sich immer kräftiger hervorwagt und die Postkartenlandschaft des Vinschgau herrlich in Szene setzt: Herausgeputzte Dörfer wechseln sich ab mit Weinbergen und malerischen Obstgärten. Alles steht in voller Blüte. Der Jahrhundertfrost hat diese Region offensichtlich verschont. Das trockene Tal mit weniger als 500 mm Jahresniederschlag, erzeugt ein ganz spezielles Mikroklima, das sich hervorragend für den Weinanbau eignet.

Und noch eins gibt es in dieser Gegend überreichlich: Burgen und Schlösser. Manchmal scheint es fast so, als thronten die wuchtigen Gemäuer in Rufweite an den Hängen oder auf den Berggipfeln. Unmöglich sie alle aufzuzählen oder gar zu besichtigen.

Diese beiden hier sind aber ziemlich bekannt:

tag 3 09 caselbello
Schloss Castelbello
tag 3 09a schloss juval
Schloss Juval

tag 3 weinberge

Kastelbell oder Castellbello, das „schöne Schloss“ in der Gemeinde Tschars gehört zu den größten Weinproduzenten im Vinschgau. Die Gemeinde bietet neben Gewürztraminer, Zweigelt und Blauburgunder auch 50 Kilometer gut ausgebaute Wanderwege – man kann die Gegend also nicht nur mit dem Fahrrad, sondern auch zu Fuß erkunden. Am besten natürlich nüchtern 😉

Schloss Juval, ebenfalls in der Gemeinde Tschars gelegen, ist weniger durch seinen Wein als durch seinen prominenten Hausherrn bekannt: der Extrembergsteiger Reinhold Messner erwarb das vom Verfall bedrohte Anwesen 1983 und baute es zum „Juwel Juval“[1] um. Es ist nicht nur Wohnsitz des Alpinisten, sondern gleichzeitig ein Museum. Die Tibetika-Sammlung und weitere Ausstellungsstücke bilden das Messner Mountain Museum, das besichtigt werden kann.

Mittagspause in Meran. Das Lebensgefühl wird immer südlicher. Man flaniert auf der Kurpromenade und gönnt sich ein leckeres Gelato. Für ein Bad in der Therme bleibt keine Zeit, denn Joachim will es heute noch bis nach Bozen schaffen. Immerhin noch 33 Kilometer.

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Vorbei an – na was schon? – Weinbergen und Schlössern (!) führt der „quasi holländische Radweg“ mitten hinein ins … Gegenwind-Desaster!

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Wie bereits erwähnt, ergeben sich in Süd-Tirol überraschende Radfahr-Parallelen zu Holland. Und der Gegenwind gehört dazu. Am Nachmittag frischt er immer stärker auf, und wie in einem Kamin zieht es gewaltig vom Talboden Richtung Berge. Mit anderen Worten: Das Bergab-Fahren wird anstrengender als das Bergauf-Strampeln. „Immer sehr früh losfahren“, wird Joachim von Einheimischen belehrt. Ein Mann erzählt gar, dass er bergab ins Tal eine ganze Stunde mehr gekämpft habe, als zurück und bergauf.

Entsprechend freut sich Joachim als er endlich den Campingplatz in Bozen (Bolzano) erreicht. Der Empfang ist – vorsichtig ausgedrückt – unfreundlich. Kein Platz. Nirgends. Alles zugeparkt mit PS-starken Campern. Aber Joachim ist ja nicht mit einem Vinschgauer Schloss im Handgepäck unterwegs, sondern lediglich mit einem winzigen grasgrünen Zelt. Da wird sich doch ein Plätzchen finden lassen? Und tatsächlich: ein Camper gewährt Zelt-Asyl im eigenen Vorgarten und dann gibt es nur noch zwei Punkte auf der Tagesordnung: Duschen und Essen.

Heute legt sich Joachim beruhigt in den Schlafsack: er ist so weit in den Süden vorgedrungen, dass Nachtfrost ab jetzt nicht mehr zu fürchten ist.

Und leckeres Essen gibt es hier auch überall. Zum Beispiel Käsnocken auf Spinat, Marillenknödel oder … oder ….

echte Aprikosenknödel

Leckere Rezepte aus dem Vinschgau zum Nachkochen finden sich übrigens hier.

Und wer bei unserer nächsten großen Radreise im September 2017 mit dabei sein will, klickt hier:

bike-paar2

[1] Magdalena Maria Messner: Juwel Juval. Chronik eines Gesamt(kunst)werkes, Diplomarbeit Universität Wien, 2011

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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