Die beste Regen-Diät aller Zeiten oder: das Leben in vollen Zügen

Diese Etappe umfasst einige Tage, Zwangsaufenthalt wegen Dauerregen inklusive. Joachim fährt auf den Spuren von Romeo und Julia durch die Lombardei. Verona und Mantova bieten dann aber weitaus mehr als unglückliche Liebesgeschichten. Dank des schlechten Wetters entdeckt Joachim einiges, was ihm sonst verborgen geblieben wäre (auch kulinarisch). Nach Zwischenstation in Modena gibt es eine Etappe in vollen Zügen bis Bologna.

Aber jetzt der Reihe nach. Das ist die Streckenplanung:

tag 5 01 - karte

Und das ist die Dusche des wilden Campingplatzes hinter Rovereto:

tag 5 01a waschstelle

Frisch gewaschen und gut gelaunt, startet Joachim in den neuen Tag, ist aber bald schon wieder ganz schön durchgeschwitzt, denn die Gegend ist (vorsichtig gesagt) hügelig. Castel Beseno ist mit 1,6 Hektar die größte Befestigungsanlage der Region und ein Besuch wäre sicher interessant, aber der Anstieg ist (zu) gewaltig.

tag 5 02a castel beseno die gegend wird hügelig

Joachim spart also seine Kräfte, fährt weiter und auf einmal lässt auch die Qualität des Radweges EVO 7 deutlich nach.  Es wird anstrengend – vor allem deswegen, weil kleine Hügel mit kilometerlangen Umfahrungen umgangen werden, so dass man erstens kaum Strecke macht und sich zweitens ganz schön verfahren kann. Kurzentschlossen weicht Joachim auf die Strada statale (SS12) aus und kommt nun zügiger voran.

Palermo, das Ziel der Reise scheint trotzdem unendlich weit weg. Ob dieser Wegweiser Motivation oder doch eher Desillusionierung war?

 

Egal – die „Veroneser Klause“ (italienisch Chiusa di Ceraino) ist ein erstes Etappenziel:

tag 5 02d veroneser klause

Hier fließt die Etsch durch einen Engpass, der in der Vergangenheit militärische Bedeutung hatte. Viel wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass Verona nur noch 18 Kilometer entfernt ist und dass nun die wohlverdiente Pause in greifbare Nähe rückt.

Stadtbummel durch Verona, wo Shakespeare die Vendetta der Familien Capulet und Montague inszenierte. Auf den Spuren von Romeo und Julia, dem berühmtesten Liebespaar der Welt … geht es vorbei am Dom mit Löwen, durch pittoreske Gässchen und natürlich auch an der weltberühmten Arena …

Abends Ankunft auf dem einzigen Campingplatz weit und breit in der Region Mantua (Monatova) – einem Bauernhof. „Agriturismo“ – das klingt nicht nur so wunderbar nach Ferien auf dem Land, das ist es auch – und zwar mit allem Drum und Dran!

Zwischen Traktoren, Heuschober, Schafen und Pferden baut Joachim sein Zelt auf. Das klingt spartanischer als es ist, denn der Gast aus Germania wird umgehend von Gino und seiner Familie „adoptiert“ und bestens versorgt …

Und zwar mit allem Drum („Mädelsabend“) …

tag 5 04a dino

… und Dran (nämlich Enzianschnaps). (Dieses Digestiv schmecke so streng, wird Joachim belehrt, dass man das Zeug mit einem Grappa runterspülen müsse …). Jedenfalls wirkt er – auch in puncto Völkerverständigung:

Agriturismo heißt also: gut essen und Familienanschluss. So wird Joachim sogar zum Familienausflug in eine Pizzeria mitgenommen (wo eine von Dinos Töchtern noch rasch ihre Hausaufgaben erledigen muss 😉 ).

In Deutschland schneit es.  Das bedeutet in Italien – Regen. Und zwar tagelang. Bei grauem Himmel und Nieselwetter fällt dann endlich die Reiseunrast von Joachim ab und er nimmt sich richtig viel Zeit. Zum Beispiel hier: denn der Experte weiß: bei Regen beißen sie am besten.

Die Angler sind ein schweigsames Völkchen. Ganz im Gegensatz zu Giorgio, der jede Menge Gesprächsbedarf anmeldet. Der Moldawier ist 63 Jahre alt und kam als Saisonarbeiter nach Italien um seine miese Rente von 20 € pro Monat aufzubessern. Mittlerweile ist ein großer Teil seiner Familie nachgezogen und die Saison dauert (fast) das ganze Jahr. Er habe Jura studiert, berichtet er, sei aber leider nicht dem Rat seines Vaters gefolgt bei der Polizei anzuheuern. Das Ergebnis: Giorgio hat kein schwarzes Spar-(bzw. Schmiergeld)konto fürs Alter. Er wird arbeiten müssen bis an sein Lebensende. Noch nimmt er es gelassen. Das einzig Beständige ist ja der Wandel. Und wer weiß, was das Leben noch bringt … (z.B. T-Shirts mit nicht ganz stubenreinen Sprüchen!)

tag 5 04f dino

Endlich macht der Regen Pause, so dass Joachim die Fahrt nach Mantua wagt. Die Stadt liegt am Fluss Mincio, ist rundum von Wasser umgeben, und präsentiert sich wie auf einer Insel.  Die vier Seen wurden im Mittelalter künstlich angelegt und dienten der Stadtverteidigung. Als Romeo aus Verona vertrieben wurde, versteckte er sich hier (aber das ist eine andere Geschichte …).

Geht man durch die Altstadt ist das fast eine Zeitreise. Fast erwartet man, dass die Gestalten der Fresken lebendig werden … Dass eine adlige Dame mit reichbesticktem Renaissance-Gewand mit hocherhobenem Kopf übers Pflaster schreitet, begleitet von einem Kavalier, dessen Degen leise klirrt, wenn er einer in Erdtönen verputzten Hauswand zu nahe kommt.

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tag 5 04k mantua2 piazza sordello mit dom

So führt die Zeitreise über die Piazza Sordello mit Dom und Dogenpalast. Die Piazza delle Erbe mit dem Glockenturm, wo der Markt stattfindet lädt ein zu einem kleinen Imbiss – Bei Espresso und zig Sorten Speiseeis oder bei kleinen delikaten Häppchen kehrt der Tourist wieder zurück in die Gegenwart – Tomaten und Kaffee gab es nämlich erst gegen Ende der Renaissance. Aber zumindest Pasta und etwas Pizzaähnliches kannten auch schon die alten Römer.

essen italienisch sammlung - mantua

Wieder bei Kräften besichtigt Joachim nun die Basilika San Andrea.

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Moralisch gehoben und im Glauben gefestigt (oder ganz einfach ein wenig plemplem von zu viel Kultur?) wankt Joachim schließlich zurück auf den Domvorplatz und begegnet diesem netten älteren Herrn, der ihm irgendwie bekannt vorkommt. Das ist doch? Moment mal … seit wann hat der Papst a.D. einen Hund?

tag 5 04k mantua5 er kommt mir bekannt vor papst

Ohne Helm wird klar, dass es NICHT Papst Benedikt a.D. ist – aber die Ähnlichkeit ist frappierend. Auch das Alter stimmt ziemlich genau. Und der nette ältere Herr hat noch einen großen Reisewunsch in diesem Leben: Er will nach Deutschland.

tag 5 04k mantua der papst

Joachim hat auch nur noch einen Wunsch: Trocken zu „Da Gino“ ins Zelt. Der Himmel wirkt auf einmal bedrohlich und so verschiebt er die Besichtigung der römischen Villa auf den nächsten Tag.

tag 5 04k mantua das wetter wird bedrohlich

Unter kunstvollen Mosaiken fanden die Archäologen dort noch Zeugnisse der weitaus älteren etruskischen Kultur, vor allem Gräber. An den Knochen wurden DNA-Analysen durchgeführt, die zeigten, dass viele der heutigen Bewohner von Mantua in direkter Linie von diesen etruskischen „Ureinwohnern“ abstammen. Noch ältere Knochen, und zwar aus der Jungsteinzeit, finden sich im Archäologischen Museum, und die Geschichten, die sich um die „Liebenden von Mantua“ ranken, sind mindestens so abenteuerlich und romantisch wie das Drama um Romeo und Julia.

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Bildquelle: Von Dagmar Hollmann – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45557844

Seit 5000 Jahren liegt sich das junge Paar nun in den Armen, die Gesichter sind einander zugewandt, wie im stummen Zwiegespräch. Ihr Geheimnis haben die beiden nicht verraten, aber ein Spruch Vergils, der auch aus Mantua stammt, scheint hier zu passen: „Omnia vincit amor“ (Alles besiegt die Liebe).

***

Am nächsten Tag klart es auf und Joachim fährt weiter in Richtung Modena. Bei San Benedetto Po landet er bei strömendem Regen wieder in einem Agriturismo. Der Campingplatz ist offiziell noch geschlossen, aber in Windeseile wird die Dusche aktiviert und der Gast aus Germania … „adoptiert“ und mit einem Abendessen versorgt. Die Dame des Hauses entschuldigt sich, dass das Kuchenbuffet noch etwas mager bestückt sei.

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Als Entschädigung zeigt sie ihm dann den Vorratskeller, der wirklich erstaunlich ist. Hier kann man es aushalten, denkt sich Joachim und findet es gar nicht mal so schlecht, als der Regen einfach nicht nachlässt.

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Vor Modena öffnet sich die Landschaft zur von Flüssen und Flüsschen durchzogenen Po-Ebene. San Bendetto Po ist eine schöne Station, aber dann wird es bedrückend: Joachim radelt durch ein immer noch weitgehend zerstörtes Dorf, das unter dem Erdbeben von 2012 sehr stark gelitten hat und wo die Aufbauarbeiten nur langsam vorankommen.

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Joachim verlässt die Lombardei, denn Modena gehört schon zur Region Emiglia-Romana. Modena ist eine Industriestadt mit einem historischen Stadtkern. Die zentrale Piazza wurde noch bis vor kurzer Zeit hauptsächlich als Parkplatz benutzt (oder soll man besser sagen: missbraucht?). Seit die Autos aus dem Centro storico, dem historischen Stadtkern weitgehend verbannt wurden, pulsiert dort auch wieder das städtische Leben mit kleinen Läden und Straßencafés.

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Viel Zeit bleibt Joachim jedoch nicht, denn es regnet wieder in Strömen. Den Abend verbringt er mit weiteren „Agritouristen“ in einer „Cantina sociale“ bei einer Weinprobe. Obwohl Modena eher bekannt für seinen Essig ist, gibt es dort auch sehr guten Wein: Seit 2009 werden unter der kontrollierten Herkunftsbezeichnung (DOC) „di Modena“ vor allem Perl- und Schaumweine vermarktet. Eine typische bekannte Sorte ist auch der Lambrusco.

Übrigens: der Aceto di Modena ist billige Massenware. Nur die Bezeichnung „Aceto Balsamico Tradizionale di Modena“ garantiert die traditionelle Herstellung, bei der der Traubenmost über viele Jahre in Holzfässern gelagert wird. Die Herstellung ist ähnlich aufwändig (aber viel störanfälliger) wie bei einem guten Whisky und rechtfertigt den hohen Preis.

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man beachte die „Zapfsäulen“, aus denen aber ein ganz besonderer „Sprit“ gezapft wird …

Die nächste Etappe (Modena – Bologna – Florenz) legt Joachim mit dem Zug zurück. In Italien ist es möglich, in allen Zügen verpackte Fahrräder als Reisegepäck mit ins Abteil zu nehmen. Ausnahme: Pendolino und Eurtostar-Italia. Außerdem gibt es sogenannte „bici-Züge“ (erkennbar am Fahrradsymbol), in denen das Fahrrad in einem Extra-Abteil oder in einem Gepäckwagen mitgeführt werden darf. Ein Ticket für das Fahrrad ist sehr günstig (zwischen 3,50 € und knapp 6 €). Die komplette Fahrt (mitsamt Fahrrad) von Modena bis nach Florenz kostetet lediglich 11 €. Einziger Wermutstropfen: Bei Umstiegen und Bahnsteigwechsel muss das Fahrrad samt Gepäck manchmal eine Treppe raufgeschleppt werden (wenn der Aufzug nicht funktioniert …). Bei älteren Zügen ist es ohne tatkräftige Hilfe fast unmöglich das Rad in den Wagen hineinzuwuchten. Es gibt aber immer mehr moderne Waggons, die benutzerfreundlicher sind. So ist unter dem Strich das Zugfahren mit Fahrrad in Italien eine erfreulich günstige und ziemlich problemlose Angelegenheit.

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Zum Abschluss dieser langen Etappe gibt es wieder eine regionale Spezialität zum Dessert: Sbrisolana, der berühmte Mandelkuchen aus Mantua (aufs Bild klicken, nachmachen und genießen!)

Homemade Sbrisolona Italian pie slice macro. horizontal

Und wer auch bei unserer nächsten großen Radreise im September 2017 mit dabei sein will, klickt hier:

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Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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