Giro di Limone 6: Mit einem Boticelli-Engel durch die Straßenhölle von Florenz

Berg- und Talfahrten im Land von Vino und Olio di oliva

Das ist die Planung für heute:

tag 6 karte

 

Florenz kennt Joachim. Da war er schon. Öfters. Und er weiß: Florenz ist voll mit Touristen. Und typischerweise erleiden Florenz-Touristen das „Stendhal-Syndrom“: Das heißt, sie kollabieren wegen kultureller Reizüberflutung in einer weltberühmten Kunstsammlung, die ihren Namen herleitet vom leisen Stöhnen, mit dem die Patienten zusammenbrechen: „Uff“-izien[1] … So strahlend schön Boticellis Engel auch sein mögen, zusammenbrechen will Joachim nicht. Nicht jetzt. Denn Palermo, das Ziel dieser Reise, ist noch weit und Joachim braucht seine Kräfte. Deshalb wird Florenz nur eine kleine, wenn auch feine Zwischenstation. Sorry. [2]

tag6 firenze 2

So hat er auch, kaum angekommen, nur ein Ziel: den Campingplatz an der Piazzale Michelangelo. Wie auf einer Aussichtsterrasse gelegen, bietet er einen atemberaubenden Panoramablick über die gesamte Stadt. Umgeben von schattigem Grün und nur zehn Minuten Fußweg vom Stadtzentrum entfernt, ist „Camping Michelangelo“ die perfekte Location für Zelten in der Großstadt, wenn … ja wenn der Platz geöffnet wäre!

Im Internet wird der Platz noch immer beworben, und es spricht sich nur so allmählich herum, dass es ihn gar nicht mehr gibt. Auch heute noch verspricht die Homepage „weitere Auskünften [sic] bei Anfrage …

Joachim bummelt also durch die Stadt, die er eigentlich gar nicht „so richtig“ besuchen wollte und versucht sich neu zu orientieren. Schwierig zwischen Menschenmassen, die kaum Luft zum Atmen lassen (geschweige denn zum Fahrradschieben).

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Aber auf einmal steht da, wie eine himmlische Erscheinung, diese junge Frau vor ihm. Sie wirkt als sei sie leibhaftig einem Bild Botticellis entstiegen. Mit engelsgleichem Lächeln bietet sie ihre Hilfe bei der Suche nach einer Übernachtungs-Alternative an. Bei genauerem Hinsehen ergeben sich allerdings zwei wesentliche Unterschiede zum geflügelten Himmelsboten: erstens das bicicletta (Fahrrad) und zweitens die Stilettos (Mörder-Absätze). Joachim, der das Fahren mit Klick-Pedalen gewohnt ist, wundert sich, mit welcher Sicherheit und vor allem Geschwindigkeit, die junge Dame sich in den höllischen Florentiner Feierabendverkehr einfädelt.

Er hat alle Mühe ihr zu folgen, aber allzu viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, denn die Blechlawine, die sich vierspurig, hupend und stinkend durch die Straßen wälzt, verschluckt die beiden Radler im Nu, und es bleibt nichts anderes übrig, als mit angehaltenem Atem im Strom „mitzuschwimmen“ und zu hoffen, dass dieses Mahlwerk ihn an irgendeiner Stelle mit heilen Knochen und Fahrradrahmen wieder ausspucken wird.

Irgendwann lässt der Verkehr nach und das Flussufer des Arno rückt näher. Da bremst die Dame abrupt, steigt ab, wirft das wallende Haar zurück und lächelt strahlend. Natürlich ist sie perfekt geschminkt, stellt Joachim fest. Bella figura – typisch italienisch ist es nur dann, wenn sich Schönheit mit müheloser Eleganz verbindet – Stilettos auf Fahrrad. Na klar, was sonst?!

Verschwitzt und staubig lächelt Joachim zurück und kurz zuckt der Gedanke in ihm auf, ob die Dame vielleicht eine von denen sei, die an den großen Ausfallstraßen ihrem „Gewerbe“ nachgehen. Aber mit strahlendem Lächeln weist die Schönheit auf ein Hinweisschild: „Camping Firenze“[3] steht darauf. Dann steigt sie wieder in die Pedalen und verschwindet, wie es sich für einen ordentlichen Schutzengel oder eine gute Fee gehört, die sich unsichtbar machen, wenn ihre Dienste nicht mehr gebraucht werden – und Joachims Abend ist gerettet.

***

Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Süden. Der Radweg schlängelt sich zuerst vielverheißend am Arno entlang, bricht dann aber unvermittelt ab, so dass die Weiterfahrt nur auf der Strada statale (SS67) möglich ist. Der Verkehr ist lebhaft, aber die italienischen Autofahrer erweisen sich als ausgesprochen fair und rücksichtsvoll, so dass es Joachim wieder erfolgreich gelingt im „Strom mitzuschwimmen“. Bei Leccio locken riesige Factory Outlet Center mit Gucci, Prada und allem, was der italienische Markt an Luxus-Labels zu bieten hat – diesmal „in echt“ und nicht von fliegenden Straßenhändlern, wie in italienischen Städten üblich.

tag6 prada

Kurz überlegt sich Joachim, ob die echten Luxusprodukte in denselben asiatischen Sweatshops gefertigt werden wie die billigen Fakes. Aber da die Packtaschen mit Campingzubehör und Funktionskleidung gut gefüllt sind, verspürt er keinerlei Kaufgelüste und fährt weiter.[4]

Wirklicher Luxus ist Freiheit, denkt er. Auch die Freiheit von Bedürfnissen wie zum Beispiel Handtaschen (ja logisch, als Mann kann er das leicht sagen!). Oder ein Luxus-Panorama wie dieses hier:

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Unterwegs trifft er zwei junge Schweizer aus dem Tessin, die mit dem Tandem unterwegs sind. Gemeinsam mit den „Tandemlovers“[5] macht Joachim in San Giovanni Valdarno Mittagspause.

Der aus dem 13. Jahrhundert stammende Palazzo d‘Arnolfo ist sehenswert, aber das Interessanteste an diesem Städtchen sieht man eigentlich erst aus der Vogelperspektive:

SanGiovanniValdarno_Luftbild
Quelle: Von Giuseppe Cancellara – Bild selbst erstellt, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2976275

Die einheitlich geometrische Anlage der Straßen soll das Heilige Jerusalem versinnbildlichen und galt im Mittelalter als idealtypische und damit gottgefällige Gestaltung einer Stadt.

Eine höchst irdische „Götterspeise“ offenbart sich Joachim aber dann in der Eisdiele „da Pupo“. Die Eigentümerin ist die Tochter des Sängers Pupo, der in den Achtzigern mit dem Canzone  „Gelato Al Cioccolato“ nicht nur einen Hit landete, sondern auch eine Geschäftsidee (Klick aufs Bild und es kommt Musik 🙂 )

***

Arezzo war eine der reichsten Städte der Toskana und wer heute über den Corso Italia bummelt und sich an den Auslagen der Schmuck- und Antiquitätengeschäfte erfreut, oder auf der zentralen Piazza die Fassaden der mittelalterlichen Patrizierhäuser bewundert, kommt kaum auf die Idee, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. Am 25. April feiert Italien die Befreiung vom Faschismus. Joachim erlebt die Feierlichkeiten mit. Im Nachbarort verübten Wehrmachtssoldaten 1944 ein Massaker – heute zelebrieren wir deutsch-italienische Freundschaft, denkt er, während gleichzeitig politische Kräfte eifrig an der Demokratie sägen. Es war ein weiter Weg für Europa und er ist noch lange nicht geschafft.

Aber diese Etappe ist geschafft und mit schönen Eindrücken klingt der letzte Tag in der Toskana aus. Morgen geht es weiter nach Umbrien.

 

Und hier zum Abschluss wieder ein typisch regionales Rezept: die „Florentiner“. Dieses Rezept ist von Familie Blatter seit vielen Jahren erprobt und garantiert superlecker!

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Und wer auch bei unserer nächsten großen Radreise im September 2017 mit dabei sein will, klickt hier:

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[1] Jetzt aber im Ernst! 😉 Das Wort Uffizien leitet sich ab von „uffici“ (Büros). In den gebäuden waren Ministerien und andere Behörden untergebracht. Seit dem 16. Jahrhundert beherbergen sie mit der Galleria degli Uffizi auch eine öffentlich zugängliche Kunstsammlung, die zu den berühmtesten der Welt zählt.

 

[2] Hier ein paar Tipps für diejenigen, die nach Florenz kommen, um tatsächlich Kultur und Kunst zu genießen. Es gibt die „Firenze Card“, das ist ein Museumspass, der innerhalb von 72 Stunden freien Eintritt zu so vielen Mussen (auch im Umland), Villen und Gärten erlaubt, wie man schafft. Das ist Stress pur und kann (siehe oben) zum akuten Kultur-Burnout führen. Viele kleinere Museen bieten sowieso einen günstigen oder sogar Gratis-Eintritt. Es macht auch Sinn erst nachmittags ins Museum zu gehen. Dann erspart man sich in aller Regel die manchmal hunderte Meter langen Warteschlangen (letzter Einlass 17.30 Uhr; Öffnungszeiten bis 18.30 Uhr). Eine andere elegante Methode sich das leidige Warten zu ersparen ist die online-Reservierung von Eintrittskarten (z.B. hier: https://www.florence-museum.com/de/ ). Oder wie wäre es, Florenz in der Nebensaison zu besuchen? Im November und Februar gehört die Stadt den Einheimischen und das Wetter ist sowieso schmuddelig, so dass man sich gern einen ganzen Tag im Museum aufhält – und danach lecker essen geht oder ein paar der regionalen Weine probiert  …

 

[3] „Camping Firenze“ kann man uneingeschränkt weiterempfehlen! Impressionen von diesem modernen, ruhigen und sehr gepflegten Campingplatz finden sich hier: https://www.camping.info/italien/toskana/camping-firenze-26151

 

[4] Wer mehr Zeit und Lust zum Einkaufen und noch Platz im Koffer hat, findet „THE  MALL“ hier: https://www.themall.it/de/outlet-italy/homepage.html

 

[5] https://www.facebook.com/tandemlovers/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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