Giro di Limone 8: Tief gerührt und (Gott sei Dank) nicht durchgeschüttelt

Auf Pilgerwegen und Fluchtrouten von Assisi nach Rom

Diese Etappe umfasst drei Tage. Von himmelhoch (teilweise mit mehr als 10 % Steigung) bis zu Tode betrübt ist alles dabei und nicht nur geologisch betritt Joachim brüchiges Gelände; auch gesellschaftlich zeigen sich tiefe Risse ….

Hier ist die Routenplanung:

Tag 8 Karte

Man muss nicht in eine Kirche gehen um Spiritualität zu spüren. Aber jeder von uns kennt einen Ort, der die Seele berührt. Assisi kann so ein Ort sein.

 

Man kann Assisi touristisch besuchen und vor alten Gemäuern Po-sieren. Oder man kann sich auf Spurensuche begeben und einer Idee begegnen, die kompromisslos Armut, Nächstenliebe und Achtung vor der Natur in den Mittelpunkt des Lebens stellt.

 

Wie würde Franz von Assisi heute gesehen werden? Als Gutmensch? Oder bekäme er gar eine psychiatrische Diagnose verpasst wegen sozialer Unangepasstheit? 1181 /82 als Erbe eines reichen Kaufmanns geboren, hochgebildet und sehr beliebt in der Party-Welt der Jungen, Reichen und Schönen geriet er in eine tiefe Sinnkrise, nachdem er an einem Kriegszug gegen Perugia teilnahm (Staufer kämpften gegen Guelfen vgl. auch hier). Er wurde als Geisel länger als ein Jahr eingekerkert und kam erst nach Lösegeldzahlung wieder frei. Danach war er ein anderer und die alten Werte galten ihm nichts mehr. Ein traumatisierter Veteran, der beginnt, nicht nur die Waren aus Vaters Laden sondern sogar das gesamte Erbe zu verschenken, ein Partygänger, der keinen Sinn mehr hat für Vergnügungen, sich schließlich auf dem Marktplatz nackt auszieht und sich von der Familie lossagt um in Armut zu leben.

„Bis heute habe ich dich meinen Vater genannt auf dieser Erde; von nun an will ich sagen: »Vater, der du bist im Himmel«. Fresco aus San Francesco, Oberkirche, Assisi Bildquelle: Von Giotto di Bondone, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org

Aus dieser radikalen Absage an „Oben und Unten“, an eine Kirche, die im feudalen Staatensystem des Mittelalters als politische Macht herrscht, wächst Schritt für Schritt eine neue Bewegung – eine Art „Kirche von unten“, ein Zusammenleben ohne Anspruch auf Herrschaft und Besitz. Dass Franz durchaus auf dem Boden der Realität stand, beweist seine erfolgreiche Ordensgründung, die als Bewegung von Bettelmönchen begann, und auch heute noch in zahlreichen Gemeinschaften die Tradition lebendig und erfrischend modern weiterführt. Denn auch nach über 800 Jahren wirken die Impulse des Franziskus von Assisi noch genauso revolutionär und inspirierend wie damals und machen den Ort, an dem diese Bewegung begann, zu etwas Besonderem.

Durch unsere Arbeit in Bosnien, aber auch durch zahlreiche Schreibklausuren, die ich in Klöstern verbrachte, haben wir seit Langem eine besondere Beziehung zu Franz von Assisi und seinen Gedanken. Was uns besonders inspiriert, ist die Liebe zur Natur und die Unterstützung derjenigen, die in unserer Gesellschaft zurückgelassen und viel zu oft gar nicht wahrgenommen werden. Und hier gab es auch ganz konkrete „Stolpersteine“ für Joachim, die zurückführen in eine schwierige europäische Gegenwart. Stolpersteine als Symbol, aber auch ganz konkret. Aber der Reihe nach …

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Ich stamme aus Köln-Vingst. Das ist ein sozialer Brennpunkt, der mich sehr prägte – auch in Bezug auf meine ehrenamtliche Arbeit. Dieses Glasbild stammt aus der Kapelle der franziskanischen Gemeinschaft in Köln Vingst; Bildquelle: franziskaner.net
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Gestrandetes Boot in Assisi. Wir haben keine Informationen darüber wie und warum es dorthin kam – aber wir können es uns denken ….
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Laudato si – es preise den Herrn die ganze Schöpfung! Franziskus predigte den Vögeln am Wegesrand – und angeblich hörten sie ihm geduldig zu … Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/84/Giotto_-_Legend_of_St_Francis_-_-15-_-_Sermon_to_the_Birds.jpg

Das gestrandete Boot verweist auf das Flüchtlingsproblem, dem Joachim (fast) auf Schritt und Tritt begegnet. Junge Menschen, die sich auf eigene Faust durchs Land schlagen, sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten. Anfangs betrachtet Joachim sie mit Misstrauen. Ist das Fahrrad noch da, wenn er aus dem Supermarkt zurückkommt, vor dessen Eingang mehrere dieser Elendsgestalten herumlungern? Aber das Fahrrad ist immer da. Und mehrmals sagen sie ihm, er brauche es auch nicht abzuschließen – sie seien ja da und würden aufpassen … Es ergeben sich lange Gespräche. Ihr Traum? Kurz gesagt: Zukunft. Ein Job. Nicht in Italien. Dort werden sie nur „durchgereicht“. Deutschland oder die skandinavischen Länder sind das Ziel dieser Reise. Wie viele von ihnen werden es schaffen? Und um welchen Preis? Joachim verteilt Essbares. Kein Geld, denn man weiß nie, wer diese „Spenden“ schließlich in die Finger bekommt. Er hört zu und es bleibt das Gefühl von Hilflosigkeit und Trauer. Er macht keine Fotos – das wäre ihm unwürdig vorgekommen. Die beiden folgenden Bilder wurden dem UNICEF-Blog zur aktuellen Situation der Flüchtlinge in Italien entnommen.

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junge Flüchtlinge in den Straßen von Italien © UNICEF/UN063093/Gilbertson VII Photo
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Viele junge Frauen werden zur Prostitution gezwungen. © UNICEF/UN062785/Gilbertson VII Photo

Der zweite Stolperstein existiert schon seit Jahrtausenden: Erdbeben. Italiens Untergrund ist ein Puzzle aus tausenden von Gesteinsplatten. Von rechts und links drücken kontinentale Platten gegen dieses zersplitterte Gebilde und in regelmäßigen Abständen entlädt sich die tektonische Spannung in massiven Erdbeben. Schon seit Jahrhunderten bemühen sich die Menschen in den am stärksten betroffenen Regionen ihre Häuser erdbebensicher zu bauen. Dies ist auch der Grund, warum die Mauern mittelalterlicher Gebäude unten dicker sind als oben. Und das ist auch der Grund, warum in manchem Dorf, die uralten Häuser stehen bleiben, während Schulen und Rathäuser, die in den siebziger Jahren hastig hochgezogen wurden, in sich zusammenfallen wie Kartenhäuser. 1997 kam es zu einem schwerwiegenden Erdbeben in der Region rund um Assisi, bei dem auch die Kathedrale schwer bgetroffen wurde. Tragischerweise kamen auch Menschen ums Leben, die nach den ersten Erdstößen die Gebäude sichern sollten. Live-Bilder der Katastrophe und wie es danach weiterging, seht ihr in diesem Video (Klick aufs Bild):

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mit freundlicher Genehmigung von Stefan Diller, Würzburg; Aufnahmedatum 1999; Kloster San Francesco: Sortieren von Freskenbruchstuecken – auf http://www.assisi.de

„Pax Et Bonum“ heißt der franziskanische Gruß. „Frieden und Gutes“ bedeutet: Ich wünsche Dir Gnade und Heil, einen umfassenden Frieden für Leib und Seele, und all die Güter und Beziehungen, die Du zu einem gelingenden Leben brauchst!

Begleitet von diesen positiven Wünschen wendet sich Joachim allmählich wieder höchst irdischen Genüssen zu, denn bekanntlich hält  gutes Essen Leib und Seele zusammen. Und er wird fündig:

Und bei der Abfahrt klingt dem Radfahrer ein passender Vers aus dem Sonnengesang im Ohr:

Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Wind,
für Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter …

… und tatsächlich: das Wetter bleibt heiter und der Wind steht günstig. Das ist auch notwendig bei der Fahrt durch eine Gegend, wo sich eine steile Steigung an die nächste reiht und die Straßen in einem katastrophalen Zustand sind. Aber auch das gibt es: Städte, die sich unter dem Logo der Schnecke sich zur Langsamkeit und zum guten Leben bekennen 😉

***

Nachtquartier in Spello, wo sich leider herausstellt, dass der auf der Karte eingetragene Campingplatz schon seit einigen Jahren geschlossen ist. Also ist wieder mal Wildcampen angesagt … Auch das Gas für den Campingkocher geht zur Neige. Die Suche nach einem Laden ist fast so aufwändig wie die Ausgrabungen im Archäologischen Park in Spello. Ein ganz heißer Tipp ist auf jeden Fall das Olivenöl, das in dem kleinen Ort verarbeitet wird. Leider werden einem Großeinkauf durch das limitierte Packvolumen der Fahrradtaschen enge Grenzen gesetzt. Aber es gibt ja auch einen Online-Versand …

Die Olearia „Frantoio die Spello“ kann nach Voranmeldung auch besucht werden.

Am nächsten Morgen geht es zeitig weiter Richtung Süden. Bei Mittagstemperaturen um die 30 ° C empfiehlt es sich, früh aufzubrechen. Die zweite Tagestappe fährt Joachim nach einer Siesta nachmittags. Offiziell geht die Fahrt immer noch über den EVO 7 (Euro-Velo 7), der streckenweise mehr einer Schotterpiste als einem Radweg gleicht. Seinem Namen „Sonnenroute“ wird er jedoch mehr als gerecht: es ist heiß und bergig, so dass die Fahrt ziemlich anstrengend wird. Glücklicherweise gibt es genügend Wasser zur Erfrischung am Wegesrand:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Aber auch für Herz und Augen gibt es Erfrischungen. Kulturdenkmäler stehen nämlich ebenfalls „einfach so“ am Wegesrand (z.B. hier in Bevagna und San Gemini):

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Es ist wirklich sehr heiß … man sieht die Rußspuren auf der Straße 😉 Nein im Ernst: hier ist vor wenigen Tagen ein Auto verbrannt. Der Besitzer (rechts im Bild) scheint das jedoch gut zu verkraften ….

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Weiter geht es. Mörderische Anstiege werden immer wieder mit einem atemberaubenden Panorama belohnt:

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Und endlich erreicht Joachim Narni, das Tagesziel. Die Stadt thront spektakulär auf einem hohen Felsen. Aber diesen zu erklimmen, bedeutet nicht unbedingt, dass die Reise für heute ihr (wohlverdientes) Ende gefunden hat: Ein Schild verkündet nämlich unmissverständlich, dass es bis zum Campingplatz noch 10.000 Meter sind … Der Name des Campinplatzes passt übrigens sehr gut zur Stimmung des Tages: „Monti del Sole“ (Sonnenhügel – bzw. -Berge), denn Sonne und Berge gab es heute reichlich. Und wieder einmal sind bei diesem Ausblick alle Mühen (fast) vergessen:

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Der Empfang auf dem Campingplatz ist herzlich. Als Joachim ein Bier kaufen will, stößt er auf entschiedenen Widerstand. Bier zur Pasta? Das gehe gar nicht, wird er belehrt und der Padrone des Campingplatzes schwingt sich aufs E-Bike. Er, der sich vor wenigen Minuten noch altersentsprechend langsam und mühselig fortbewegt hat, wird auf einmal zum spritzigen Biker, der schwungvoll davonbraust und kurz darauf mit einer Flasche Weißwein zurückkehrt, die er Joachim kredenzt.

Die IGT-Weine (Indicazione geografica tipica) dieser Region sind laut wikipedia „trockene, lebhafte Weißweine zum schnellen Genuss im Sommer“. Dem ist nichts hinzuzufügen (außer vielleicht ein Stück Käse oder typisches Krustenbrot mit etwas Olivenöl und einer Prise Salz ….).

***

Erholt und gestärkt nimmt Joachim am nächsten Morgen in aller Frühe die nächste Etappe in Angriff. Es ist Anfang Mai, in Deutschland herrschen Kälte und Dauerregen – und hier wird die erste Heuernte eingefahren. Und erwähnte ich bereits, dass es in dieser Region heftige Steigungen hat? Und jede Menge Kirchen und Kunstdenkmäler?! Kurz gesagt – es zieht sich … aber bekanntermaßen führen alle Wege nach Rom.

und bei soviel Glück auf einem Haufen, kann das Ziel nicht mehr weit sein:

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Die letzten zwanzig Kilometer im Speckgürtel der „Ewigen Stadt“ führen über eine extrem stark befahrene Straße. Joachim hat sich bekanntermaßen im italienischen Verkehr bereits seit Florenz „freigeschwommen“, fährt scharf rechts und tritt stur in die Pedale. Er fährt vorbei an einem schier unendlichen Spalier von Prostituierten, die ihre Arbeitsplätze an den stark befahrenen Einfallstraßen haben. Kurz denkt er, dass sich hier der Kreis zu den Flüchtlingen in Assisi schließt, und dass Menschenhändler auch nach der Schleusung übers Mittelmeer immer noch gute Geschäfte mit Menschen machen, die keinen Pass und damit noch nicht einmal mehr eine Identität haben. Keine Gespräche. Keine Fotos. Man übersieht sich geflissentlich und in der einbrechenden Dämmerung erreicht Joachim den Campingplatz „Camping Tiber“ – der ihm nach den Strapazen der letzten Tage wie die reinste Oase erscheint (es wird dort auch einiges an Service geboten, was den Platz wirklich zu einem der attraktivsten dieser Reise macht).

Geschafft! Und zwar im doppelten Wortsinn 😉

 ***

Das regionale Rezept zum Abschluss dieser Etappe: Italienisches Krustenbrot, das beträufelt mit Olivenöl und Salz einfach nur köstlich schmeckt – das Rezept ist von uns erporbt und der einzige Nachteil ist, dass das frische Brot einfach nie ausreicht und immer viel zu schnell weg ist 😉

500 g Weizenmehl, 250 g Roggenmehl (je nach Geschmack kann Vollkornmehl genommen werden). 1 TL Salz; 1 Päckchen Hefe. 1 Packung Fertig-Sauerteig (getrocknet oder frisch).  500 ml temperiertes Wasser.

Das Mehl mit einem Teil des Wassers und der Hefe zum Vorteig anrühren und 10 Minuten gehen lassen (Vorteig entfällt bei Trockenhefe). Dann mit der restlichen Wassermenge, Salz und Gewürzen rasch zu einem Teig kneten (je nach Mehlsorte ist etwas weniger oder etwas mehr Wasser notwendig, bitte vorsichtig dosieren). 30 Minuten gehen lassen. Den Teig noch einmal durchkneten und ggf. etwas Mehl unterkneten. Ein oder zwei flache Laibe formen und im vorgeheizten Backofen 30 – 45 Minuten backen. Das Brot ist fertig, wenn es beim Klopfen hohl klingt.

Der Grundteig kann je nach Geschmack noch mit Kräutern, kleingeschnittenen getrockneten Tomaten oder Oliven verfeinert werden. Ich nehme immer noch Fenschel und Kümmel und zwar reichlich.

Zum Backen: Ich heize den Ofen auf 200 °C vor und regle nach 10 Minuten runter auf 180 °C. Beim Einschieben sprühe ich etwas Wasser in den Ofen, dann wird die Kruste fester. Man kann alternativ das Brot auch mit etwas Salzwasser einpinseln.

Guten Appetit!

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Und wer auch bei unserer nächsten großen Radreise im September 2017 mit dabei sein will, klickt hier:

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Wer sich für meine Bücher interessiert, klickt hier:

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