Giro di Limone 9: Über Stolpersteine und Treibsand durch Zeit und Raum

Sirenengesänge oder doch lieber Karaoke?

Südlich von Rom liegen Strände, von denen sich schon Odysseus kaum losreißen konnte … aber zuerst einmal wartet die Ewige Stadt. Und hier ist die Planung für die Reise durch die Region Latium, die wieder mehrere Tage umfasst:

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Rom, die Ewige Stadt ist eine eigene Reise wert, wird also im Kontext dieser großen Fahrt gezwungenermaßen zur Ra(n)dnotiz und soll hier vor allem aus Sicht des Radlers betrachtet werden.

Ja, es gibt ihn: den Radweg durch Rom (übrigens ebenfalls eine Etappe des Fernwanderweges Eurovelo EVO 7). Man muss ihn nur finden! Nach einigem Suchen und Herumfragen saust Joachim schließlich über die ehemalige Bahntrasse, die zu einem perfekten Radweg umgebaut wurde – der EVO 7 führt hier am Tiber entlang mitten in die Stadt hinein. So schön die Fahrt am Flussufer auch ist – die Stadt selbst bleibt hinter festungsartigen Ufermauern verborgen. Barrierefrei geht anders …

Aber schließlich erobert Joachim auch das Zentrum, das nicht nur pulsierendes Straßenleben, sondern auch – wenig überraschend – einen Streifzug durch die Geschichte präsentiert.

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Als genauso vertrackt wie die Einfahrt erweist es sich wenig später, aus der Stadt wieder herauszufinden. Endlich radelt Joachim dann über die Via Appia Antica, die auch als das „längste Museum der Welt“ bezeichnet wird. Seit 1988 besteht der Nationalpark Via Appia Antica, der eine Art archäologischen Wanderweg anbietet. Neben der Via Claudia Augusta, ist dies die zweite Römerstraße, die in den EVO 7 integriert wurde (vgl. 4. Etappe; „Zeitreise auf der Römerstraße“).

Faszinierend, dass auch heute noch Straßen des europäischen (Fern)Straßennetzes sich am Verlauf des römischen Wegenetzes orientieren – allerdings wurden diese Straßen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder überbaut und den sich verändernden Verkehrsverhältnissen angepasst, denn welcher Autofahrer möchte seine Stoßdämpfer auf römischen Steinplatten ruinieren oder – womöglich noch schlimmer: sich im gemächlichen Tempo eines Pferdegespanns fortbewegen? In der Antike jedoch war die Via Appia „State oft the Art“: Von Rom aus dauerte die Reise bis nach Konstantinopel „nur“ knapp zwei Wochen, denn das römische Straßennetz war ein Meisterwerk der Logistik: Raststätten mit Möglichkeiten zum „fliegenden“ Pferdewechsel, „Motels“ mit Tierarztservice und ein ausgefeiltes Verkehrsleitsystem machten die Reise – nun ja, vielleicht nicht gerade zu einem Vergnügen, aber doch zu einer ziemlich sicheren Angelegenheit. Ganz zu schweigen davon, dass damals der Verkehrsstau noch nicht erfunden war.

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Foto: Valter Cirillo; Fresko aus dem „Grab des Tauchers“ im Archäologischen Museum Paestum

Ganz eindeutig sind diese Straßen jedoch nicht gebaut für die Bedürfnisse eines heutigen Radfahrers. Das Fahren auf den unebenen Steinen ist nahezu unmöglich bzw. schmerzhaft; da helfen auch die eingemeißelten Spurrillen nicht weiter. Ausweichen ist möglich auf einen (gepflasterten) Seitenweg, teilweise verläuft der Radweg auch wortwörtlich im Sande und Joachim ändert deswegen kurzentschlossen die Route ab. Statt dem päpstlichen Sommersitz Castel Gandolfo einen Besuch abzustatten, weicht er aus, folgt einem imposanten Aquädukt und nähert sich nach Pomezia mit Riesenschritten der Küste, die hier den Namen „römische Riviera“ trägt. Bei Anzio öffnet sich endlich der Blick in die blaue Weite und der Tag klingt aus im versöhnlichen Ein- und Ausatmen des Tyrrhenischen Meeres.

Anzio galt schon früh als Erholungsort der Reichen und Schönen – sozusagen das Beverly Hills der Antike: weit genug entfernt von Rom, um sich vom Großstadtgetriebe zu erholen und nah genug um im Bedarfsfall rasch wieder „in medias res“ zu sein. Der berühmteste Sohn dieser Stadt dürfte gleichzeitig aber auch der berüchtigtste sein: Nero ließ in seiner Geburtsstadt eine riesige Palastanlage mit eigenem Hafen bauen, die mit dem Begriff „Villa“ nur unzureichend beschrieben ist.

Vergleiche mit der Neuzeit drängen sich immer wieder auf … spätestens im Museo dello Sbarco, das in der Villa Adele untergebracht ist und die Landung der Alliierten dokumentiert, die 1944 in Anzio vier Monate hinter den deutschen Linien um einen Durchbruch nach Mittelitalien kämpften.

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Danach ist eine Stärkung dringend notwendig. Auf dem Markt kauft Joachim das wahrscheinlich beste Paprika-Peperoncini-Panino aller Zeiten. Liebevoll und kunstfertig zubereitet an diesem Stand:

Die Weiterfahrt führt durch eine faszinierende Ferienlandschaft, die so schön ist, dass man ihr gern verzeiht, wenn es wieder mal um die (Rad)wege nicht zum Besten steht. Ein steter Wind vom Meer weht eine schlüpfrige Sandschicht über den Asphalt, und hinten drohen immer wieder Berge – aber fürs Erste geht es flott und eben voran.

Aber spätestens bei diesem Verkehrszeichen ist klar, dass der „italienische Äquator“ überschritten ist und wir uns endgültig und unwiderruflich im geheimnis- und gefahrenumwitterten Süden – im Mezzogiorno – befinden.

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Die Region Latium gehörte traditionell zum Kirchenstaat, aber im alleräußersten Zipfel beginnt der Süden, der aus den Gebieten der beiden ehemaligen „Königreiche Sizilien“ besteht. Das, was wir heute als Staat „Italien“ kennen, entstand erst durch die Einigung im Jahr 1861. Es wurde aber kein „Schuh draus“, wie man so schön sagt, nein, noch nicht einmal ein (italienischer) Stiefel – denn bis heute gibt es Autonomiebestrebungen, die den (reichen) Norden vom (armen) Süden trennen wollen. Die Lega Nord ist politischer Ausdruck dieser Bestrebungen. Dass man sich auch heute noch mit Vorurteilen und Misstrauen betrachtet, beschreibt der Bestsellerautor Roberto Saviano in diesem lesenswerten Artikel.

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„diebisches Rom“ – dieser gängige Ausspruch beinhaltet viel Frust auf die korrupte Politikerkaste, die sich das Geld in die Taschen steckt und verweist auch auf die „gestohlenen“ Gebiete des Mezzogiorno. Der Spruch geht weiter: „La Lega non perdona“ : die Lega vergibt nicht … es ist also alles eine Ansichtssache. Politisch. Geographisch. Sozial und überhaupt …

Schon in der Antike lebte hier ein sehr widerständiges Völkchen. Hatten wir bisher gelernt, dass vor den Römern die Etrusker da waren und diese dann ab dem 6. Jahrhundert unterworfen wurden, waren es hier im Mezzogiorno die Volsker und denen wurde erst im dritten vorchristlichen Jahrhundert der Garaus gemacht. Dann allerdings so gründlich, dass nur wenige Spuren ihrer Kultur erhalten blieben.

***

Immer noch geht es weiter auf der Via Appia Antica, welche die Pontinische Ebene schnurgerade über 65 km durchquert. Beim Städtchen Terracina rücken die Berge wieder näher und beim Monte Sant’Angelo biegt die Römerstraße ein in die Ebene von Fondi, wo ein interessanter See (Lago di Fondi) liegt, der je nach Gezeitenwechsel abwechselnd Salz- oder Süßwasser enthält.

Beeindruckend ist die Kathedrale San Cesare in Terracina: bereits im 6. Jahrhundert wurde hier eine Kirche erwähnt, die auf einem antiken Tempel errichtet wurde. Und auch heute noch führt die Freitreppe aus antiken Marmorstufen hoch zu einer Säulenfront die ebenfalls aus römischen Säulen besteht, die jeweils auf den Rücken von Steinlöwen thronen. Die Kathedrale wurde im Jahr 1074 geweiht und vielfach umgebaut. Interessant ist auch der Campanile, nicht nur wegen seiner farbigen Tonfliesen, mit denen er verziert ist, sondern weil sich an diesem Turm neben mittelalterlicher Baukunst auch arabische Stilelemente zeigen.

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Das Tyrrhenische Meer ist seit jeher Handelsstraße und bietet einen Zugang zum Mittelmeer. Es ist Schauplatz von Völkerwanderungen, Kriegen und – Mythen. An seinen Küsten soll Odysseus der Zauberin Circe begegnet sein – die alle Besucher ihrer Insel „bezirzte“ und in Tiere verwandelte. Odysseus blieb lange hier – an einem Ort, der nicht nur in der Sage als einer der schönsten Italiens beschrieben wird. Es sollte Jahre dauern, bis er sich von hier losreißen konnte und die lange Heimfahrt nach Griechenland antrat.

Joachim hat nicht so viel Zeit. Und er begegnet auch keiner Circe. Allerdings trifft er auf dem Campingplatz mit dem programmatischen Namen „Paradiso“ einige Sirenen. Zugegeben – sie singen nicht gerade göttergleich. Es ist ja auch nur Karaoke. Aber der Abend gestaltet sich absolut mitreißend 😉 Viel Spaß! (Für die passende Hintergrundmusik Klick aufs Bild!)

Als regionale Spezialität zum Nachkochen empfehlen wir heute Pasta al vongole – und wünschen unseren Lesern, dass die Muscheln so frisch sind wie in diesem Laden:

 

Und wer auch bei unserer nächsten großen Radreise im September 2017 mit dabei sein will, klickt hier:

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