Giro di Limone 10: Alles so schön bunt hier!

Camping im Vulkankrater und danach beschwingt durch Neapel

Heute bleiben wir in Neapel. Deshalb gibt es hier auch nicht die übliche Touren-Karte, sondern ein bisschen „Funiculì, Funiculà“. Das Lied wurde 1880 zur Eröffnung der Standseilbahn auf den Vesuv komponiert. Die Seilbahn wurde 1940 bei einem Vulkanausbruch zerstört. Das passt ganz gut zu Joachims Neapel-Aufenthalt, denn zwei Tage lang bewegt er sich zwischen den Höllenpforten der Unterwelt und wunderbarer Musik.

 

Und wo fangen wir an? Am besten mythologisch: Der Lago d‘Averno galt in der Antike als direkter Eingang zum Reich der Toten. Er wurde auch „See ohne Vögel“ genannt. Ein Hinweis auf die giftigen Dämpfe, die aus seinen Tiefen emporsteigen und jegliches Leben abtöten. Dahinter steckt aber keine Zauberei, sondern die Sache ist naturwissenschaftlich gut erklärbar: Der See ist Teil der Phlegräischen Felder; ein Gebiet von etwa 150 kmin der Umgebung des Vesuv.

 

Mit ca. 50 aktiven Eruptionsherden ist es eine der aktivsten vulkanischen Regionen der Welt. Seine unterirdische Magmakammer steht mit der des Vesuv in direkter Verbindung und man zählt das Gebiet zu den sogenannten Supervulkanen. „Der letzte größere Ausbruch fand im Jahr 1538 statt. Er dauerte acht Tage, und aus dem ausgeworfenen Material entstand ein neuer Berg – der Monte Nuovo.“ (Quelle: wikipedia) Seit 2012 wird wieder eine verstärkte Aktivität festgestellt. Der Zivilschutz erhöhte die Warnstufe – und die Millionenstadt Neapel tanzt weiter lustig am Fuße des Vulkans, der als der gefährlichste der Welt gilt. Es ist nicht auszudenken, was ein Ausbruch für die Menschen dort bedeuten würde … übrigens beheizen die Phlegräischen Felder auch zahlreiche Thermalquellen in der Umgebung …

solfatara 3
Blick in den Krater – bzw. auf einen Teil der Caldera, die wie ein Deckel auf einem Dampfdrucktopf liegt

Vorerst macht sich Joachim keine Gedanken, als er sein Zelt auf diesem lauschigen Campingplatz aufbaut:

Erst als ihm in der Nacht ein stechender Schwefelgeruch in die Nase steigt und an ein Weiterschlafen kaum zu denken ist, kommt er ein wenig ins Grübeln. Der Vulkan habe gefurzt, wird er am nächsten Morgen belehrt. Und tatsächlich: Die pupsenden und rauchenden Schlote des Vulcano Solfatero sind in direkter Nähe, ja – der gesamte Campingplatz befindet sich mitten im Krater des aktiven Vulkans.

 

„Et hätt noch immer jot jejange“ (§ 4 des „Kölschen Grundgesetzes“) sagt er sich und stürzt sich todesmutig in den neapolitanischen Stadtverkehr. Es beginnt rasant: Die Straße hinunter vom Vulkan ist steil. Joachim lässt es laufen und genießt die sausende Abfahrt, bis es einen fürchterlichen Schlag tut. Das „Schlag“-Loch ist riesig und trägt seinen Namen zu Recht. Glück gehabt! Knochen und Fahrradrahmen sind noch heil – Joachim ist „schlag“-artig wach und hat erste Bekanntschaft geschlossen mit dem holprigen Straßenzustand dieser Stadt. Auch der Tunnel ist ihm nicht ganz geheuer. Aber mit Höllenschlünden sammelt er hier allmählich Erfahrung und geht es gelassen an.

napoli 1 tunnel
Licht am Ende des Tunnels

Übrigens – auch beim Parken geht es im gleichen Stil weiter: „form follows function“ – es gibt kaum ein Auto in Neapel, das nicht ortstypische Verzierungen in Form von Beulen und Kratzern hat.

 

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Joachim nimmt sich viel Zeit für diese quirlige, bunte Stadt, deren Straßenleben ich mit einem Zitat beschreibe, bei dem nur die Rechtschreibung zeigt, dass der Text fast 200 Jahre alt ist (Neapel, wie es ist, von Wilhelm von Lüdemann, 1827; Quelle: Goethezeitportal)

 

„Wer schildert dies Getümmel einer brausenden Bevölkerung, dieses Durcheinander unzählbarer Stimmen und Töne, dies Geschrei von tausend Feilbietenden, […]  Kaufenden, Streitenden, Singenden, Betenden; dies Rasseln mehrerer tausend Wagen, […] die die auf- und niederwogenden Volksmassen in jedem Augenblick und in jeder Richtung, mit fürchterlichem Geschrey durchschneiden; dieses Treiben, Jagen, Rennen, Streben und Wirken aller Art, von dem weder die bevölkertsten Gassen Londons, noch von Paris eine Vorstellung geben; dies buntscheckige Bild aller denkbaren Verrichtungen des Daseins durch einander.“

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auf die Plätze … fertig ….

„Was nur irgend unter freiem Himmel geschehen kann, wird hier vorgenommen. Hier sitzt der Schumacher, der Schneider, der Schreiner an seiner Werkstatt; der Schreiber an seinem Pult; […] hier raspelt ein Tischler, dort hämmert ein Schmidt, ein Blechschläger, denn alles Gewerk und alle Handthierungen drängen sich hier in das Freie hinaus, alles flieht die Enge der Häuser und Höfe“

 

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„Hier wird gekocht, geröstet, an großen Feuern gebraten, gekauft, gehandelt, gestritten, gewechselt; hier werden Kinder gezüchtigt, angekleidet, gekämmt; […] hier speißt ein Haufen nackter Lazzaroni mit hochgeschwungenen Armen ellenlange Macaroni, hier schnarrt der Bratspieß eines Garkochs, dort schmort die Pfanne eines Friggitores“

„hier hält ein öffentlicher Vorleser seinen begeisterten Vortrag“

 

„von dort her erschallt der Dudelsack zweier Abbruzischen Hirten, die nach Neapel kommen, um diesem oder jenem Bilde der heiligen Madonna ein Ständchen zu bringen; weiterhin erschallt die monotone Musik der Tarantella, nach der zwey Sicilianerinnen tanzen“

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spontaner Chorgesang vor einer Kirche. Musik und Gesang sind in den Straßen Neapels (fast) allgegenwärtig.

Joachim taucht wieder auf aus diesem Toben, durchgerüttelt, begeistert, trunken von Klängen und betäubt vom Lärm. Hier helfen ihm seine Italienischkenntnisse nur begrenzt weiter. Aber man kommt in Italien auch mit Gesten ganz gut weiter:

Neapel ist arm und das Alltagschaos springt einen hier laut schreiend an. Nein, er hat keine der berüchtigten Müll-Lawinen gesehen (nur viel zu kleine Müllwagen, die aber wahrscheinlich notwendig sind, um in die engen Gässchen überhaupt reinzukommen).

Aber dennoch: genauso lärmend ist die unverstellte Lebensfreude: Alles so schön bunt hier, könnte man sagen, wenn man sieht, wie die Graffitis kaputte Fassaden übertünchen.

 

Aber es gibt sie – die No-Go-Areas im Norden Neapels, wo die Camorra das Sagen hat. Roberto Saviani beschrieb die Strukturen der „Firma“, die den größten Teil des Kuchens verzehrt, dessen Zutaten ebenso unappetitlich wie tödlich sind. Aber da ohne Schattenwirtschaft in Neapel ökonomisch gesehen (fast() nichts läuft und die Jugendarbeitslosigkeit erschreckend hoch ist, backt auch die Camorra keine kleinen Brötchen, sondern immer noch fette Torten.  Und Roberto Saviani – seit dem Erscheinen seines Bestsellers Gomorrha im Jahr 2006 ständig mit Morddrohungen konfrontiert – schreibt tapfer weiter an gegen Filz und Verbrechen und … bleibt.

Andere gehen … viele junge Menschen lernen im Goethe-Institut der Stadt Deutsch. Die Leiterin, Maria Carmen Morese, sagt in einem Interview: „Ein Thema, das ich interessant finde, ist das Thema Angst. Wie geht man mit der Angst um? Wir sind in einer Epoche, in der wir große Ängste haben. Vor allem hat man in Deutschland Angst vor der Zukunft. Die Italiener haben weniger Angst. Nicht um die politische Zukunft, allgemein. Sie gehen anders mit der Angst um. Aber dass wir diesen Aspekt nie vergessen: auch das Schöne, die Lust für das Überflüssige und für das Schöne, das macht das Leben leichter.“  (Quelle: Deutschlandradio)

 

Und wenn sonst nichts hilft, dann vielleicht der Glaube:

Oder der Aberglaube (auf Italienisch superstizione). Gegen den bösen Blick (malocchio) hilft zum Beispiel das rote Horn“ (Corno). Und die Lebensfreude wird unterstützt von Pulcinella.

Pulcinella, der weißgekleidete Maskenträger, ist seit dem 18. Jahrhundert Wahrzeichen und Alter Ego seiner Heimatstadt Neapel. Berühmt wurde dieser Charakter des neapolitanischen Volkstheater durch Eduardo De Fillipo. Der in Neapel verehrte Schauspieler Totò mit dem fliehenden Kinn gilt als moderne Personifizierung des Pulcinella im italienischen Film. Verfressen, laut, liebenswert und quirlig gilt Pulcinella als Verkörperung der neapolitanischen Volksseele schlechthin.

… und begleitet mich auch heute (in Kombination mit dem magischen roten Horn) beim Schreiben:

tag 10 - neapel - cornu pulcinella

Und hier ein Lesetipp zu Neapel: Elena Ferrante schrieb vier Romane über das Leben in Neapel. Eine Rezension zum ersten Band findet ihr im Blog bei meiner Kollegin Sabine Ibing.

Der Neapel-Besuch findet sein Ende in Santa Lucia, dem berühmten Hafen, über den Ferdinand Gregorovius schrieb (Quelle: Goethezeitportal):

Ferdinand Gregorovius schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts einen Text über das Hafenleben, dem nichts hinzuzusetzen ist: Hier lärmt unmittelbar am Wasser das fröhlichste Leben. In zwei Reihen stehen die kleinen Buden der Austernhändler. Santa Lucia ist der Sammelpunkt aller Meeresfrüchte. Muscheln und Austern jeder Art liegen hier zierlich geordnet auf schrägen Laden. […] Unaufhörlich wird zum Genuss eingeladen. Die Lichter flimmern; in ihrem Schein blitzen die schönen, bizarren Muscheln und Seeigel, Seesterne, Meerkorallen, Krebse locken mit ihren seltsamen Farben und bunten Schalen weniger zum Genuss als zur Betrachtung. Das geheimnisvolle Reich der Tiefe ist hier aufgeschlossen.

Mit einem letzten Blick auf den Vesuv endet dieser Tanz auf dem Vulkan am Hafen – und der Hafen ist ja auch der Ort, von dem man aufbricht in die Ferne.

Joachims Reise durch Italien geht weiter – aber an dieser Stelle legen wir eine Pause ein – denn wir sind wieder einige Wochen auf Fahrradtour.

Unter #HolidayChallenge2017 könnt Ihr uns begleiten: Wir radeln gemeinsam 1500 Kilometer vom Hegau bis nach Sarajevo und freuen uns über jede Form von „Rückenwind“ in den sozialen Medien. Viel Spaß beim Lesen!

Ihr findet uns auf Instagram, auf Facebook, auf gooding.de und selbstverständlich bald auch hier! ❤ Alle Spenden gehen zu 100 % in die Projekte der AWO-Bosnienhilfe und helfen Kindern in Risikosituationen.

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