Lechts oder rinks – was ist eigentlich politisch korrekte Sprache?

Beim Aufräumen fiel mir dieses Kunstwerk in die Hände. Und ich hielt kurz die Luft an. Was war Deine erste Assoziation, als du dieses Bild gesehen hast? Egal, ob du Lawrence von Arabien, Ali Baba oder einen IS-Kämpfer erkannt hast – ein vermummter Orientale, der einen Krummsäbel schwingt, weckt heutzutage eher ungute Assoziationen. Die Ikonographie, sprich die Deutung von Bildinhalten, ist zeitabhängig. Bei diesem Bild wird das sehr deutlich. Treten wir doch mal einen Schritt zurück:

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Es handelt sich um einen Adventskalender, schätzungsweise aus dem Jahr 1969. Meine Eltern bastelten ihn damals nach einer Vorlage aus einer Familienzeitschrift. Was dieses Motiv mit Weihnachten zu tun hat? Maria und Josef sehe ich nicht – vielleicht deuten die drei Zelte auf die Heiligen Drei Könige hin (immerhin steht der Stern von Bethlehem am Himmel). Vielleicht fragt ja ein einsamer König den Hirten auf dem Felde nach dem Weg? Keine Ahnung, jedenfalls scheint mir der christliche Bezug dieser Darstellung eher locker, ein wenig orientalisches Flair und „Morgenland“ – mehr ist nicht vorhanden, was an die biblische Geschichte von Herbergssuche und Stallgeburt erinnert. Damals – in den bewegten Endsechziger Jahren vielleicht eine erfrischende Darstellung, die sich von piefigen und spießigen Kitschbildern löste? Sozusagen ein neuer Blickwinkel.

Heute wäre ein solcher Adventskalender undenkbar. Nicht wegen fehlender christlicher Motive (man denke an Bierkalender, Kosmetika-Kalender, Comic-Figuren-Kalender … ), sondern wegen negativer Assoziationen: Gefühle, die sowohl mit Terrorangst als auch mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verknüpft sind – kurz und gut: dieses Motiv wäre heutzutage politisch unkorrekt.

Im Ringen um eine politisch korrekte Sprache und Sichtweise gibt es Grenzfälle, die man genauer anschauen sollte. So monierte das automatische Korrektursystem vor Kurzem den folgenden Satz in meinem aktuellen Roman-Manuskript: „In diesen Tagen sah der Junge seinen ersten Neger.“  Das Wort „Neger“ war unterstrichen „Bitte ersetzen Sie dieses Wort“, stand da. Begründung: es entspräche nicht den Richtlinien für eine neutrale Sprache. Korrekturvorschläge: Keine.

Politisch korrekt wäre in diesem speziellen Fall der Begriff „Afro-Amerikaner“ gewesen – nur: die Szene spielt 1945 und damals war dieser Begriff noch nicht erfunden (bzw. meinem Protagonisten unbekannt). Es bleibt also nur die politisch unkorrekte, dafür aber historisch richtige Vokabel. Ich erinnere mich an die Hexenjagd, der der Autor Axel Hacke 2007 mit seinem Buchtitel „Der weiße Neger Wumbaba“ ausgesetzt war und mir fällt ein, dass sich 2009 der „Negerkönig“ aus Pippi Langstrumpf in einen „Südseekönig“ verwandelte.

Habe ich also in meinem Text etwas falsch gemacht? Nein. Ganz klar nein. Aber beim Korrekturlesen musste auch ich schlucken, als ich das Un-Wort insgesamt siebzehnmal las … war das wirklich notwendig? Ich las den Text mehrere Male. Und strich das besagte Wort kein einziges Mal. Denn es war nicht diskriminierend – zumindest nicht im geschilderten Zusammenhang. Es spiegelt schlicht die damalige Sichtweise.  In aller Unschuld. Und dennoch habe ich in verschiedenen Textstellen versucht herauszuarbeiten, wo die Schuld liegt – zum Beispiel im Desinteresse, im gezielten Weggucken oder in der Bedienung primitiver Reflexe. Aber dafür muss man den ganzen Text lesen und darf nicht willkürlich einzelne Sätze herausklauben. Ich bin übrigens zuversichtlich, dass meine LeserInnen zwischen Schimpfwort und historischem Kontext unterscheiden können.

Beim Nachdenken über Stereotype und Un-Wörter kam mir auch „Winnetou“ in den Sinn; der romantisch verklärte „edle Wilde“ – auch dies ein Klischee westlicher Kultur. Karl Mays „Indianer“ oder „Rothäute“ haben mit echten „Native Americans“ so viel zu tun, wie die Drehorte der Westernfilme mit den USA – nämlich (fast) gar nichts. Trotzdem prägten sie über lange Zeit unsere Sichtweise(n). Auch ich schwärmte für Winnetou. Bei genauem Hinsehen war es weniger der hochgewachsene, dunkelhaarige attraktive Mann, der mich begeisterte, sondern die Tatsache, dass er ritt wie der Teufel und in der freien Natur überleben konnte. Ich begann mich mit der Kultur der amerikanischen Ureinwohner zu beschäftigen und merkte, dass es vor allem die Naturverbundenheit dieser Menschen war, die mich faszinierte. Mit den Wölfen durch einsame Wälder ziehen und mit Bäumen sprechen – als Kind konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Und so entwickelte sich durch die frühe Faszination mit einem Klischee eine echte Auseinandersetzung und eine grundlegende Einstellung zur Natur und Nachhaltigkeit, die mich auch heute noch prägt. Ob ich auch ohne Winnetou zu dieser Haltung gefunden hätte? Vielleicht. Aber mein Weg zeigt eben auch, dass man nicht am Stereotyp hängenbleiben muss, sondern es durchaus erlaubt ist, den eigenen Blickwinkel kontinuierlich zu erweitern.

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Beim Lernen und Nachdenken ist noch niemandem ein Zacken aus der Krone gefallen – aber zugegeben, man muss sich immer wieder mal von überkommenen Denkmustern lösen. Und nichts scheint schwieriger zu sein. Vielleicht suchen wir deswegen auch möglichst rasch nach neuen, massenkompatiblen Normen? Zum Beispiel politisch-korrekte Ausdrucksweisen, die blind nachgeplappert werden, ins bizarre Gegenteil umschlagen und wieder zu Hass und Hexenjagden führen.

Womit ich auch schon fast am Ende meiner Nachdenkerei wäre. Dieser Begriff ist übrigens geklaut: „Nachdenkerei“, so nannte Erich Kästner seine Zwischenkapitel im Buch „Pünktchen und Anton“. Die vierte Nachdenkerei handelt von „Wut“ und „Mut“ – zwei Begriffe, die sich durch viel mehr als nur den Anfangsbuchstaben unterscheiden. Ich musste in letzter Zeit öfters an diesen Text denken; zum Beispiel als ich mich in gemäßigtem Tonfall zum Thema Flucht und Migration äußerte. Natürlich wurden meine Standpunkte kritisiert, aber vor allem (!) meine Sprache: ich hatte Mitdiskutanten aus anderen Kulturkreisen nicht als „tollwütige Hunde“ bezeichnet oder ihnen pauschal zugesichert, dass ihnen das ein oder andere (im wahrsten Wortsinn) einschneidende körperliche Ereignis zugedacht sei. Allein die Tatsache, dass ich NICHT beschimpfte, sondern Fakten und Argumente austauschen wollte, reichte schon aus um mich wahlweise als elitär oder Terrorsympathisantin zu beschimpfen und mir die entsprechenden Konsequenzen (siehe oben) anzudrohen. Als Wortkünstlerin habe ich begriffen: „Klatschen“ bedeutet nicht immer Applaus – sondern „einen in die Fresse kriegen“ (Zitat). Trotzdem tanze ich weiterhin auf dem Seil – oder auf der Schneide einer Rasierklinge.

Aktuell schreibe ich an einem Text über sprachliche Verwahrlosung in sozialen Netzwerken – und ich benutze Worte, die wehtun (und dies nicht nur im übertragenen Sinne). Das Manuskript wurde mehrfach abgelehnt, da angeblich zu brisant. Jetzt endlich habe ich einen Verlag gefunden und schreibe mit neuem Mut weiter: Denn wir müssen hinschauen und miteinander reden. Es reicht nicht aus, die alten Stereotype durch neue zu ersetzen; die Grenze zwischen Unsäglichem und Unsagbarem muss ständig ausgelotet werden – im Netz und anderswo. Und damit ist diese Nachdenkerei zu Ende – und geht hoffentlich in vielen Köpfen weiter ….

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Vergleiche auch: „Toxische Kommentare – nicht mit uns!“

und: „Ich will mein Deutschlandzurück!“

 

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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