Fastenzeit. Eine Woche ohne Nachrichten … wie waren die Regeln? Ich habe meine Nachrichten-App deinstalliert, um mich eine Woche lang von reißerischen Headlines, Pseudo-News und der Hektik des viel zu schnell getakteten Nachrichten-Alltags zu befreien.  Was war erlaubt? Printmedien. Radio, nur das, was ich bei ungezieltem Hören aufsammelte. Erlaubt war auch, bei Interesse gezielt nachzulesen oder im Netz zu recherchieren.

Wie lief es? Überraschend gut. Am meisten hat mich überrascht, wie entbehrlich die „ritualisierten“ TV-Nachrichten waren. Mir fiel auf, wie unkonzentriert ich oft beim Fernsehen war, und dass ich selbst bei Themen, die mich interessierten, sehr schnell abgelenkt wurde.

Heute ist der siebte Tag ohne Nachrichten. Meine Nachrichten-App bleibt dauerhaft deinstalliert. Es hat mir sehr gutgetan, nicht bei jedem Blick aufs Smartphone mit reißerischen und teilweise irreführenden Headlines „aufgeschreckt“ zu werden. Das ist eine Art von Negativ-Input, die ich definitiv nicht brauche. Wenn ich jetzt Nachrichten auf dem Smartphone suche, mache ich dies gezielt mit Stichwortsuche. Ich habe festgestellt, dass ich, trotz bewusster Reduktion von Nachrichten-Medien, gut informiert war. Man bekommt viel „nebenbei“ mit oder wird von Freunden und anderen Kontakten auf Dinge aufmerksam gemacht, die man dann gezielt nachlesen bzw. recherchieren kann. Vieles, was am Morgen dringend erschien, hat sich bereits am Abend erledigt. Die Hauptthemen sind unverändert geblieben – und wenn auch der Tidenhub der Schlagzeilen immer wieder andere Themen nach oben spült, muss ich nicht atemlos hechelnd jeden Tag aufs Neue versuchen auf der Welle ganz oben mit zuschwimmen. Wie sagt man so schön? „In die Zeitung von heute, wickelt man morgen die Fische.“

Aber dennoch sind viele Themen, die mittlerweile in den Nachrichten NICHT mehr auftauchen, noch genauso wichtig; aus den Augen aus dem Sinn? Wer spricht heute noch über den Grexit? Wen interessieren die Flüchtlinge auf Mittelmeerinseln? Wie hieß nochmal dieser Blogger in Saudi-Arabien, der inhaftiert und ausgepeitscht wurde?

Aber nicht nur diese Themen sind aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden. Ich sprach mit einer jungen hebamme, die mir schilderte, welche Odysseen schwangere Frauen (mit Wehen!!) in Deutschland auf sich nehmen müssen, weil keine Klinik Platz für sie hat. Und wie sieht es aus, am anderen Ende der Lebensskala? Renten und Pflege. Bedingungsloses Grundeinkommen versus Grundsicherung … es gibt vieles, das zu komplex ist, um es in eine adrenalingeschwängerte Schlagzeile zu packen.

Mein Fazit: Ich werde an den Themen, die mich interessieren dranbleiben, aber nicht mehr so sehr auf das flüchtige Flimmern und hyperaktive Plappern konzentrieren, sondern (noch) genauer hinschauen. Das beinhaltet aber auch, dass andere Themen an den Rand (der Wahrnehmung) rutschen. Ich muss also die Balance schaffen zwischen dem, was mir guttut und mich aufnahmebereit und neugierig bleiben lässt – und neuen Themen, neuen Aspekten und dem wirklich Dringendem. In Bereichen, in denen ich mich auskenne, kann ich auch etwas bewirken. Wenn ich immer nur hektisch von einem Negativ-Hotspot zum nächsten switche, erschöpft und deprimiert mich das und ich werde handlungsunfähig. Wenn wir alle, in der Vielfalt unserer Interessen und aus persönlicher Betroffenheit heraus, so mit Nachrichten umgehen, bleiben wir denk- und handlungsfähig, informieren uns gegenseitig und können so auch die Dinge verändern.

Also insgesamt: Langsamer, statt hektisch. Positiver, statt verängstigt. Tiefer, statt oberflächlich. Offener, statt filterblasig. An Werten orientiert und nicht am Knalleffekt. Konstruktiv, statt destruktiv.

Und immer politisch denkend. Ganz egal ob Genossen oder Kameraden – wir werden euch weiter auf die Finger schauen!

 

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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