Die Mundart-Misch-Maschine 1

Ab in die Einöde – oder: endlich mal so richtig auf den Hund gekommen

Als Krimiautorin und berufstätige Mutter, hatte ich immer alle Hände voll zu tun und viel zu wenig Muße zum Schreiben. Da kam mir die Idee, meine kriminelle Energie in Taten umzusetzen, mich zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe verurteilen zu lassen (ohne Revision!) und den Knastaufenthalt zum Schreiben zu nutzen.

Ich habe es dann doch nicht gemacht … denn eine Stunde Hofgang ist mir zu wenig. Außerdem wäre ich sicher in der Gefängniswäscherei gelandet, und hätte auch dort zu wenig Zeit zum Schreiben gehabt.

Trotzdem habe ich mir in den folgenden Jahren immer wieder mal kurze Aus-Zeiten fürs Schreiben gegönnt – und zwar im Kloster. Dort wohnte ich zwar ebenfalls in einer Zelle, aber ich hatte zumindest freien Ausgang. Nachteil: mein Hund musste immer daheimbleiben.

Nun, die Kinder wurden älter und nachdem sie mittlerweile beide ausgezogen sind, habe ich mich tollkühn auf ein Residenzstipendium beworben. Ein voller Erfolg! Der Förderkreis „Kreatives Eisenbach“ lud mich zu einem dreimonatigen Aufenthalt in den Hochschwarzwald ein, als „Dorfschreiberin“ – um ganz in Ruhe an meinem sechsten Roman weiterzuarbeiten. Das war zumindest der Plan.

Freude?

Hm. Ja. J-ein. Doch. Aber … ich ginge in die „Einöd“ titelte eine Zeitung und ein Journalist fragte mich, warum ich den Frühling am Bodensee gegen die kargen Schwarzwaldhöhen eintauschen wolle. Und überhaupt – „so ein Dorf  … ist das denn wirklich attraktiv? Gerade für Sie, als Kölnerin, Frau Blatter?!“

Halt! Stopp! Ich lebe doch auf dem Dorf! Und zwar nicht erst, seit ich 2001 nach Gottmadingen zog. Ich könnte jetzt Bevölkerungszahlen aufrechnen: Köln hat 1 Million, Gottmadingen 10.000 und  Eisenbach ca. 2000 Einwohner, aber darauf kommt es gar nicht an, denn tragen wir nicht alle das Dorf in uns? Wer überschaut in seinem Bekannten- und Freundeskreis wirklich eine Gruppe, die größer ist, als der Kreis, der sich früher am Dorfbrunnen zusammenfand?

Ich habe über 1000 Facebook-Freunde – die Einwohnerschaft eines kleinen Dorfes – und treffe mich mit einer überschaubaren Gruppe von ihnen nicht nur am virtuellen Dorfbrunnen, sondern auch in der analogen Realität. Meine Eltern leben in der Millionenstadt Köln – und ihre Kontakte beschränken sich auf die Nachbarschaft und einen Freundeskreis, der aber wirklich „da“ ist, wenn es darauf ankommt. Genauso wie meine Nachbarin, die freitags die frischen Eier in Empfang nimmt, wenn ich nicht daheim bin. Wie die Gemeinderatsmitglieder, die ich beim Joggen oder Gassigehen treffe, oder der Ladenbesitzer und bekennende AfD-Anhänger, mit dem ich mich streite – und über das Wetter rede. Das Lächeln und Grüßen haben wir trotz gegensätzlicher Positionen nicht verlernt.

Mein „inneres“ Dorf begleitet mich schon seit der Kindheit. Ich war ein Stadtkind, und da wir uns Ferien nicht leisten konnten, wurden wir Kinder zur Verwandtschaft aufs Land geschickt. Bullerbü? Ja, definitiv – und ein innerer Schatz, von dem ich heute noch zehre. Ich bin sehr froh, dass ich diesem Dorf in meinem neuen Roman „Der Hütejunge“ ein kleines Denkmal setzen darf. Bullerbü in den dreißiger Jahren? Definitiv nicht … soziale Kontrolle und Ausgrenzung machen auch die Schattenseiten des Dorflebens sichtbar.

Was verbindet mich noch mit dem Dorf? Zum Beispiel meine Zeit als Landärztin im Schwarzwald, als ich nicht nur Menschen behandelte, sondern manchmal auch eine angefahrene Katze. In solchen Fällen wurde ich auch mal mit Naturalien „bezahlt“ (wechselweise Speck, Schokolade oder selbstgebrannter Schnaps). Das war sehr schön, besonders dann, wenn meine Abendsprechstunde nahtlos in den Bereitschaftsdienst überging.

Die nächtliche Rufbereitschaft einer Landärztin war übrigens mehr durch „Städter“ als durch die eingeborenen „Dörfler“ geprägt. Wenn einer nachts um drei wegen Husten und Naselaufen nach einer Skiwanderung anrief, war es mit ziemlicher Sicherheit ein Tourist. Die Dörfler verkniffen sich solche Notfallanrufe. Unvergesslich ist mir der alte Mann, der geduldig in der Vormittagssprechstunde zwei Stunden wartete, um mir dann ein brutal entzündetes Auge zu präsentieren: Beim Melken um vier Uhr morgens hatte ihn ein ziemlich dreckiger Kuhschwanz mitten ins Gesicht getroffen und das Auge verletzt. „Warum er denn nicht früher gekommen sei? „Hä, Frau Doktor, i weiß ja selbscht wie streng Sie es hänt. Sie hänt ja au viel Arbeed ….“ Ja, so sind sie die Dörfler und ganz besonders die im Schwarzwald. Ich erinnere mich daran, dass ich riechen konnte, aus welchem Stall meine Patienten kamen – und das wortwörtlich. Auch die hausgemachte Butter, die auf meinem Tisch stand, schmeckte – je nach Herkunftshof und Jahreszeit  – unterschiedlich.

Wenn ich mir das so überlege, beginnt bei mir eine Vorfreude auf das kleine Dorf im Schwarzwald, auf die Eisenbacher Einöde, die vermutlich keine ist – wenn man nur genau genug hinschaut. Außerdem werde ich gar nicht so furchtbar alleine sein: Django, mein lieber Hund wird mich begleiten.

Obwohl tierische Unterstützung eigentlich nicht vorgesehen ist, fand sich eine Wohnung, in der Hunde erlaubt sind. Die alte Frau in Gottmadingen, die immer Leckerli für Django in der Tasche hat, wird sich jetzt wundern, wenn sie ihn drei Monate nicht mehr trifft. Dabei ist sie so stolz darauf, dass sie, die so vieles vergisst, sich den Namen meines Hundes merken kann: „Tango“, lockt sie ihn. „Tango, kumm emol ….“

Was mich zum nächsten Thema bringt: dem Dialekt … Darüber werde ich vermutlich noch einiges schreiben. In mir mischt sich Rheinisches mit Alemannischem und ein Schuss Züridütsch kam vor vielen Jahren auch dazu. Mittlerweile schreibe ich immer wieder auch im Dialekt und muss aufpassen, dass mir da nicht so einiges durcheinander gerät. Mal sehen, wie sich das Eisenbacher Idiom auf meine Mundart-Misch-Maschine auswirkt.

Vor Kurzem fragte mich in Köln einer, ob ich aus Thüringen stamme, ich spräche so “komisch“  …. Nein, definitiv nicht. Aber ich stamme aus einem inneren Dorf, das ich mit mir trage, ganz egal wo ich unterwegs bin. In Eisenbach werde ich Tagebuch führen – und lade euch ein, an meinen virtuellen Dorfbrunnen zu Klatsch und Tratsch.

Auch Django wird seine Meinung kundtun. Ich werde für euch den Hunde-Dialekt übersetzen 😉

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