Das Ding mit der Kommunikation

Hallo, ich heiße Django und bin ein Windhund. Vor ein paar Tagen bin ich mitten im Schwarzwald, in Eisenbach gelandet, ohne dass ich so recht wusste, wie mir geschah. Jetzt lebe ich hier nur mit meinem Frauchen, der Rest der Familie ist spurlos verschwunden. Zuerst fürchtete ich, dass sie uns ausgesetzt haben; aber wir haben nichts angestellt, und außerdem ist mein Frauchen bester Laune – also kann man davon ausgehen, dass es nicht so schlimm ist. In der Abstellkammer steht ein Riesenvorrat an Hundefutter; das habe ich sofort gecheckt, und das hat mich ebenfalls beruhigt. Also alles im grünen Bereich. Ich habe hier viel Auslauf, es gibt kaum Autos und Freunde habe ich auch schon gefunden. Es könnte so schön sein.

Aber da gibt es ein Problem: Mein Frauchen liest mir ständig irgendwelche Texte vor. Normalerweise ist mein Herrchen, also der Göttergatte meines Frauchens, ihr erstes Opfer, wenn sie etwas geschrieben hat – aber jetzt müssen wir beide eben miteinander auskommen … und …. tja, was soll ich sagen? Gestern meinte sie, ich hätte so ein arrogantes Grinsen im Gesicht beim Zuhören. Das täte ihr irgendwie nicht gut. Das sei so demotivierend.

Arrogant? Ich?! Nie im Leben! Das war ein hochkonzentrierter Gesichtsausdruck. Vielleicht mit einer Spur Mitleid.  Aber zwischen Menschen und Hunden gibt es öfters Missverständnisse. Das ist unvermeidlich und man sollte es mit Geduld nehmen. Oder mit Humor. Aber mein Frauchen war genervt.

„Mach es doch besser!“, fauchte sie. Und jetzt haben wir den Salat: Sie schreibt weiter an dem Ding, dass sie „Roman“ nennt (keine Ahnung, was das ist, aber es macht ziemlich viel Arbeit). Und ich habe den Job bekommen, den nächsten Tagebucheintrag zu verfassen. Na toll!

Dabei kann ich mich gar nicht gewählt ausdrücken – ich habe noch nicht mal einen richtigen Schulabschluss (nur den Grundkurs in der Welpenschule, aber ich glaube, der zählt nicht ….). Und wo soll ich überhaupt anfangen?

„Na, am Anfang“, brummt mein Frauchen und sortiert ihre Notizzettel. „Wo sonst?“

Ich habe keine Notizzettel.

Wenn ich mich richtig erinnere, hat alles mit einer merkwürdigen roten Kiste angefangen, die plötzlich bei uns im Wohnzimmer stand. In dieser Kiste sollte ich ab jetzt schlafen, um mich „daran zu gewöhnen“. Hm. Zugegeben, ich bin ein Gewohnheitstier und hatte noch nie im Leben in einer roten Kiste geschlafen; aber diese war so gemütlich, dass mir die Umgewöhnung leichtfiel. In der Kiste fühlte ich mich sofort sauwohl, nein, hundewohl. Aber dann montierte Frauchen tatsächlich Räder an die Kiste und hängte meinen neuen Schlafplatz an ihr Fahrrad. „Wir werden nämlich da oben kein Auto haben“, erklärte sie mir. Wie? Was? Kein Auto? Unser Kombi stand doch am üblichen Platz und außerdem liiiiiebe ich Autofahren. Aber mein Frauchen liebe ich noch mehr, und so ließ ich mich überreden, es wenigstens mal zu versuchen. Ich saß also in der Kiste, Frauchen trat in die Pedale, ich streckte meinen Kopf oben raus und ließ mir den Wind um die Nase wehen. Das hat was, stellte ich fest. Wirklich toll! Ich renne ja furchtbar gern, aber bei heißem Wetter wird es selbst mir zu viel (ich gebe es nicht gern zu, aber mit 10 Jahren bin ich nicht mehr der Jüngste – bitte sagen Sie es keinem weiter, versprochen?! Man hat auch als Hund so seine Eitelkeiten ….).

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Ich gebe es nicht gern zu – aber manchmal ist so ein Taxiservice etwas wirklich Angenehmes ….

Nun leben wir also hier in Eisenbach, ganz ohne Auto, und ich finde, es ist ein richtiges Hundeleben: Viele lange Spaziergänge oder Fahrradtouren; beim Laufen diktiert mein Frauchen ständig etwas in ihr Handy, das sie „Schreibideen“ nennt oder kritzelt auf Zetteln herum, die dann in diversen Jackentaschen verloren gehen und anschließend verzweifelt gesucht werden. Egal. Nicht mein Problem. Ich habe auch schon eine Freundin gefunden. „Lea“ ist flauschig, riecht gut und hat eine schöne weibliche Figur (im Gegensatz zu mir – ich würde gern mal zwei Kilo zunehmen, schaffe es aber einfach nicht). Sie ist wirklich supersüß, aber ein kleines bisschen übergriffig – als Hütehund hat sie es wahrscheinlich im Blut, alles zusammenzutreiben, was ihr vor die Pfoten kommt. Ich bin zwar kein Schaf, aber bei Lea werde ich lammfromm. Sie ist einfach nett und ich verzeihe ihr, dass sie mich in den Garten lockt – während mein Frauchen mit dem Fahrrad geduldig auf mich wartet.

django in eisenbach 02

Lea begleitet mich dann bis zur Grundstücksgrenze und sieht uns noch lange hinterher. Jetzt beginnt nämlich der sportliche Teil: Mein Frauchen nennt es Höhentraining, weil wir hier immerhin auf 1000 Höhenmetern sind. Das sei superanstrengend, sagt sie, aber ich finde, es hat klare Vorteile im Vergleich zur Bodenseeregion: Hier ist es erfrischend kühl, in den Wäldern gibt es viel Schatten und überall kleine Bächlein zum Trinken und Reinspringen, die Wege sind weich und ich renne, renne, renne (hatte ich erwähnt, dass meine Rasse für Wettrennen gezüchtet wurde?).

Bei längeren Touren zog mein Frauchen dann immer diese rote Kiste am Fahrrad hinterher. Keine Ahnung warum, denn die Kiste war leer. Aber einmal war der Wald urplötzlich zu Ende und es kam eine Asphaltstraße. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, stopfte sie mich in die Kiste und strampelte los. Ich war empört und tief in meiner Rennhundehre gekränkt. „Asphalt ist nicht gut für deine Pfoten“, rief sie mir über die Schulter zu. Ich hielt meine Nase in den Wind und schwieg beleidigt. Aber dann sah ich etwas: Weite Wiesen, einen See und viele, viele Gänse. Was für ein Spaß wäre es, über die Wiese zu rasen und die Gänse ins Wasser zu scheuchen! War mein Frauchen denn auf einmal blind geworden! Aber sie trat unverdrossen in die Pedale und würdigte die Gänse keines Blickes. Ich winselte verhalten. Nichts. Ich fiepte. Nichts. Ok, sie wollte es nicht anders: Ich setzte mich in Positur und brachte mein allerschönstes Heulen zu Gehör. „Sei still“, zischte sie. „Du bist peinlich!“

Von wegen peinlich! Ich bestand lediglich auf artgerechter Hundehaltung. Aber, wie gesagt, Missverständnisse sind in der Kommunikation zwischen Mensch und Hund vorprogrammiert.

Ich liebe mein Frauchen und habe mir viel Mühe mit ihrer Erziehung gegeben (während sie mir nur diesen lausigen Welpenkurs angedeihen ließ – aber Schwamm drüber). In vielen Dingen habe ich sie auch ganz gut abgerichtet: Zum Beispiel muss ich nur meinen magischen Blick einschalten, und schon reicht sie mir widerspruchslos ein Stück Käse. Leider ist sie in puncto Jagd komplett unbegabt (wenn ich sie nicht so liebte, würde ich sogar sagen, sie ist total vernagelt ….). Sicher meint sie es nur gut, wenn sie die Arme hochreißt und in die Hände klatscht, kaum dass sie ein Eichhörnchen gesehen hat. Was sie aber einfach nicht kapiert: Bis ich bei diesem niedlichen, rotpelzigen Spielkameraden angekommen bin – ist bereits alles gelaufen (und zwar im wahrsten Sinne des Wortes). Dann sitzen die Biester nämlich mehrere Meter über mir, weigern sich runterzukommen – und lachen sich halbtot über mein blödes Gesicht. Ich warte nur darauf, dass mal eins tot vom Baum runterfällt – nämlich totgelacht. Ganz ehrlich: Wenn es demnächst ein mysteriöses Eichhörnchensterben im Schwarzwald gibt, ist mein Frauchen dran schuld. Ich will doch nur spielen!! Aber das glaubt sie mir einfach nicht.

Hunde jagen normalerweise im Rudel. Wenn es also mit den Eichhörnchen nicht funktioniert, dachte ich, dass ich mein Frauchen vielleicht zur Hetzjagd einsetzen kann. Zu Fuß hätte sie keine Chance, aber mit dem E-Bike wird sie manchmal ganz schön schnell. Gesagt, getan: Letztens saß mitten auf dem Waldweg ein riesiger Bussard. Eigentlich vollkommen uninteressant für mich, aber dann erkannte ich, dass der Vogel etwas in den Krallen hielt. Etwas Totes. Aber noch ziemlich frisch. Ein Hase! Hurra! Erwähnte ich, dass meine Rasse ursprünglich für die Hasenjagd gezüchtet wurde? Ich schaute mein Frauchen kurz an und flüsterte „Eins, zwei, drei und Los!“ Mein Sprint war nicht von schlechten Eltern, das können Sie mir glauben. Und Frauchen folgte mir – soweit so gut. Aber warum rief sie ständig „Halt!“ und „Stopp!“ Ein Bussard hört doch nicht auf diese Signale – das weiß doch jedes Kind! Natürlich flog der Vogel davon, und obwohl er ziemliche Mühe hatte hochzukommen, schleppte er den ganzen Hasen mit. Mist!

„Du bist peinlich!“, sagte ich meinem Frauchen. „Du lernst es einfach nie.“ Sie lächelte. „Braver Hund“, meinte sie. „Bist ja sofort stehengeblieben!“

Wie gesagt, die Geschichte der Kommunikation ist voller Missverständnisse.

***

Anmerkung von Frauchen: Ihr dürft Django nicht alles wortwörtlich glauben. Er neigt ein wenig zum Dramatisieren (kein Wunder – er lebt mit einer Krimischriftstellerin unter einem Dach!). Aber dafür, dass dies sein erstes Prosastück war, hat er den Spannungsbogen schon ganz gut raus, finde ich. 😉

Übrigens: Ich kann nicht nur mit Hunden reden, sondern auch mit Greifvögeln (aber nicht weitersagen; Django weiß von nichts 😉  ) –

 

 

Hier noch ein paar Angaben zu den Touren:  Unsere erste Fahrradtour ging von den Harzerhäusern über Waldwege des Klosterwaldes (z.B. Lange Allee) bis zum Kirnbergsee und dann rund um den See und wieder zurück. Wir sind knapp 25 km gefahren (bzw. gerannt).

Die zweite Tour ging auf ähnlichen Wegen zum Schwarzwaldpark in Löffingen. Leider ist dieser im Moment wegen Umbau geschlossen; nach Neueröffnung aber sicher ein lohnendes Ausflugsziel (vor allem mit Kindern). Bei Löffingen finden sich entlang des Wanderweges Tafeln mit lesenswerten Informationen zur Bewirtschaftung des Waldes in früheren Zeiten.

Da die Wander- und Wirtschaftswege in diesem Waldteil schnurgerade verlaufen und die Nebenwege rechtwinklig angelegt sind, kann man sich nicht verirren und die Tour beliebig variieren. Natürlich ist sie auch zum Wandern geeignet. Von Eisenbach bis zum See bzw. bis nach Löffingen ist fast nur Gefälle (da läuft der Hund dann mit hängender Zunge hinterher) – zurück sind etwa 200 Höhenmeter Steigung zu bewältigen (mit Fahrradanhänger kommt dann Frauchen ins Schnaufen und der Hund trabt entspannt vorneweg).

 

 

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lesereise06 - Kopie

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

Eine Antwort auf „Die Mundart-Misch-Maschine 3

  1. Ein lustiger Artikel! Django, Du kannst Deinem Frauchen ausrichten, dass Dein Artikel mir supi-gut gefallen hat und dass ich auch 3 Fellnasen habe, die allerdings nicht das Glück haben, durch die Gegend gefahren zu werden :-)! Das mit den Mißverständnissen kommt mir aber bekannt vor, besonders im Zusammenhang mit dem Hüten Noch wunderschöne Sonnen Tage, Nessy http://www.salutarystyle.com

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