Untermieter im Oberstübchen – ein Werkstattbesuch

Als Ärztin in der Psychiatrie war es immer eine wichtige Information, ob meine Patienten „Stimmen“ hörten. Solche Halluzinationen sind ein Kriterium zur Einordnung  psychischer Erkrankungen. Die Stimme im Kopf kann quälen und Angst machen – oder auch nicht. Mittlerweile gibt es nämlich wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass es noch ganz andere Stimmen gibt; solche, die nicht krank machen.

Alle Menschen, die Geschichten schreiben, kennen sie vermutlich. Es sind die Stimmen der Figuren.

Manchmal bin ich taub für sie. Wenn ich zum Beispiel korrigiere, oder gemeinsam mit meinem Lektor den Text auf Punkt- und Kommafehler durchforste, wären kommentierende Stimmen eher störend  („Wie oft soll ich dir noch sagen, dass man Kommata nach Regeln setzt und nicht mit der Streubüchse über den Text verteilt!“). Auf so etwas kann ich wirklich verzichten.

In den letzten zwei Wochen war ich meist mit der Abschlusskorrektur des Romans „Der Hütejunge“ beschäftigt, der im September erscheinen wird. Strukturierte Kleinarbeit mit Abgabetermin. Ganz ohne Stimmen. Die Verlagszusage für diesen Roman erreichte mich fast zeitgleich mit dem Stipendium und brachte mich ganz schön in die Zwickmühle: Hier in Eisenbach hatte ich mich nämlich mit einem ganz anderen Projekt beworben. Das musste nun warten.

Aber ich habe Schreibdruck. Und wie! Für alle, die diesen Begriff nicht kennen: Es ist fast wie Presswehen beim Kinderkriegen. Da steckt etwas Ungeborenes in dir drin – und das will raus. Mit aller Kraft. Genauso, wie meine Figuren aufs Papier wollen. Und deshalb höre ich zwischendurch Stimmen. „Gemach, gemach“, sage ich meinen Figuren. „Eins nach dem anderen – zuerst muss ich Korrektur lesen.“ Dann geben sie Ruhe. Aber nicht lange. Also haben wir uns geeinigt: Mein neuer Roman bekommt ein eigenes Zimmer. Es ist ein wirklicher Luxus, dass ich hier ein ganzes Häuschen zur Verfügung habe! Nun korrigiere ich am Küchentisch, und der neue Roman bekommt das große Dachzimmer. Sozusagen das „Oberstübchen“.

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Hier arbeite ich am Plot und an den Figurenbiographien. Ich habe bereits vor zwei Jahren mit diesem Roman begonnen und will ihn hier komplett überarbeiten. Es steckt also schon viel Arbeit in diesem Text. Deshalb kenne ich einige meiner Figuren bereits ganz gut. Und hier beginnen die Merkwürdigkeiten:

Zum Beispiel der junge Mann an der Seite meiner Protagonistin (eigentlich muss ich sie Heldin nennen, denn das ist sie wirklich!). Vor zwei Jahren dachte ich mir den jungen Mann aus. Ich hatte ein genaues Bild von ihm. Er hat ein sehr charakteristisches Äußeres und zusätzlich eine spezielle Art zu sprechen. Ich fand ihn gut gelungen, und er war mir sympathisch, obwohl er ein paar Macken hat (die ich hier nicht verrate).

Soweit so gut – aber dann lernte ich etwa vor einem Jahr einen jungen Mann kennen, der bis ins Detail genauso aussah wie meine Romanfigur. Und nicht nur das: gewisse biographische Details stimmten überein, und er hat exakt diese spezielle Art zu sprechen. Magie? Vielleicht.  AutorInnen kennen solche Phänomene – um ehrlich zu sein, es war nicht das erste Mal, dass mir so etwas passierte. Später mehr dazu.

Wo ein Held (oder eine Heldin) auftaucht, ist auch das Böse nicht weit. Natürlich gibt es in meiner Story einen Gegenspieler (oder ist es eine Gegenspielerin?) Ich habe in den letzten Tagen sehr auf die Stimme dieser, hm, sagen wir mal „Persönlichkeit“ geachtet. Anfangs wisperte sie nur leise und kaum verständliches Zeug. Begreiflich, denn sie hatte einiges zu verbergen. Ich bin ihr trotzdem auf die Schliche gekommen. Was dahintersteckt, gehört wirklich in einen Krimi. Aber dennoch … ich kann mich nicht wehren – je mehr dunkle Geheimnisse mir die Stimme des Bösen verrät, desto stärker wächst auch mein Mitgefühl mit dieser Figur. Denn nichts geschieht zufällig. Als Polizist darf man nicht zu empathisch sein mit den Verbrechern. Als Autorin habe ich die Wahl. Ob das Böse gewinnen wird? Wir werden sehen …

Und dann gibt es noch diese Figuren, die sich einschleichen. In meinem Plot war als Nebenrolle ein kleiner Junge vorgesehen. Im „Oberstübchen“ ist er nun überraschend schnell gewachsen, hat Konturen gewonnen – und eine eigene Stimme. Wie Kinder so sind, hat er einfach drauflosgeplappert und mir viel von seinen Träumen und Sorgen erzählt. Er ist ein helles Köpfchen, und ich mag ihn sehr. Außerdem ist er ziemlich witzig. Sie ahnen es bereits: Er ist aus seiner Nebenrolle herausgewachsen und wird noch ziemlich wichtig werden für die Geschichte.

Etwas Ähnliches ist mir schon einmal passiert: Im ersten Band der Bloch-Trilogie tauchte ein Hund auf. Churchill war ein übergewichtiger Mops, der im Archäologischen Landesmuseum in Konstanz lebte. Ich hatte ihn nicht eingeplant. Er war auf einmal da und hatte als einziger Mordzeuge auch noch eine wichtige Funktion. Das Magische (siehe oben) an der ganzen Angelegenheit war, dass ich bei meiner Premierenlesung im genannten Museum erfuhr, dass dort tatsächlich ein übergewichtiger Hund vom Team durchgefüttert wurde. Eigentlich sollte ich mit solchen Zufällen inzwischen routiniert umgehen, aber so ganz will es mir immer noch nicht gelingen. Aber vielleicht ist das permanente Staunen und die unerschöpfliche Neugier auch ein Motor meiner Schreibphantasie?

Die Sache mit dem Hund hatte jedenfalls ein Nachspiel: Nachdem uns Churchill über drei Jahre literarisch begleitet hatte, beschloss der Familienrat, dass wir uns ein Leben ohne Hund nicht mehr vorstellen konnten. Es wurde dann kein Mops, sondern ein Windhund. Django hatte als Welpe allerdings die gleiche Farbgebung wie ein Mops – auch wenn die Gesichtsmaske mittlerweile weiß geworden ist.

Wie geht es nun weiter? Ich schreibe schon fleißig am Plot – also am „Schalt- und Fahrplan“ meiner Geschichte. Das ist aber ein anderes Thema. Erst einmal freue ich mich, dass meine Figuren zum Leben erwachen. Jeden Abend mache ich die Tür hinter ihnen zu und bin gespannt, was sie über Nacht ausbrüten werden. Und dann setze ich mich wieder mit der Komma-Streubüchse an meinen Korrektur-Text.

Die beste Therapie bei Stimmenhören ist nämlich eine schöne heiße Tasse Tee.

Meistens.

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Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

2 Antworten auf „Die Mundart-Misch-Maschine 4

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