Alles so schön gelb hier!

Seit ein paar Tagen stöhnen alle über den extremen Pollenflug, der nun auch die Hochlagen des Schwarzwaldes erreicht hat.

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Beim Betrachten der gelben Wolken, die über Fichtenwipfeln schweben, kamen mir – hm, nun ja – ein paar despektierliche Gedanken. Ist das nicht Sex in Reinkultur? Sozusagen:

Blümchensex

„Das muss alles weg – das hat viel zu viele geile Triebe!“ Niemals hätte ich so explizite Worte aus dem Mund meines Vaters erwartet. Aber er sprach gar nicht über Sex. Es ging um auskeimende Kartoffeln. Und beim Fachsimpeln über Pflanzen erscheint sogar das Wörtchen ‚geil‘ aus dem Munde eines älteren Herrn unbedenklich. Aber sonst?

Noch vollkommen ohne „Trieb“ – die Kartoffeln im Dorfladen von Isolde 🙂

Was die Sexualität betrifft, wuchs die Generation meiner Eltern in einer ziemlich verdrucksten Atmosphäre heran. Kirche, Elternhaus, Politik und Medien – alle hatten ein Wörtchen mitzureden – und zwar ein strenges; aber die richtigen Worte im Privaten zu finden, fiel unglaublich schwer. Denn diese Worte gab es nicht. Das änderte sich erst im Überschwang der Sechziger Jahre, als im Kielwasser des allgemeinen gesellschaftlichen Umschwungs auch die sexuelle Befreiung im hohen Bogen übers Volk schwappte. Eifrig wurde an den Gartenzäunen der Tabus gerüttelt, bis alle Blümchen entblättert waren, bis es kein Geheimnis mehr gab, kein einziges. Am gesellschaftlichen Umschwung samt Chancengleichheit arbeiten wir uns heute noch redlich ab, aber zumindest ist heute unser Alltag auf eine noch nie dagewesene Weise durchsexualisiert. Da erscheint das Verhalten junger Leute fast schon wie Ironie: Sie zelebrieren neuerdings wieder eine Art neuer ‚Schamhaftigkeit‘ (fast schäme ich mich, dieses Wort in den Mund zu nehmen, so unmodern klingt es). Statt Generation Porno wächst da eventuell eine Generation Blümchensex heran?

Bei sogenanntem Blümchensex winken wir schnell ab. Er gilt als Synonym für eine harmlose, weil hoffnungslos eingefahrene Begegnung der Geschlechter. Langweilig, unerotisch, einfach zum Gähnen. Meiner Meinung nach tut man damit den Blümchen aber gewaltig Unrecht. Denn was sind Blüten anderes als Geschlechtsorgane, die alle Mittel einsetzen, um ein einziges Ziel zu erreichen: Sex. Und zwar möglichst vom frühen Morgen bis zum Abend. Manche treiben es sogar noch in der Nacht. Und zwar ziemlich bunt. Das Gänseblümchen wird wenigstens noch rot dabei, aber lediglich an den alleräußersten Spitzen seiner Blütenblätter, denn auch das Gänseblümchen weiß, was Spaß macht. Mit Farben, originellen Formen, ja dem Nachbau von Geschlechtsorganen möglicher Kopulationspartner buhlen Blüten um die Aufmerksamkeit von Insekten, die es ihnen dann auch gehörig besorgen.

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In früheren Zeiten stand vielen Menschen die geballte erotische Kraft, die von einem derart hemmungslos es vor sich hin treibenden Garten ausging, offenbar deutlicher vor Augen als heute. So galt damals wie heute die Rose als Symbol vollendeter Weiblichkeit und leidenschaftlicher Liebe, aber viele Botschaften, die man noch im letzten Jahrhundert den Blumen ganz selbstverständlich zugeordnet hat, sind mittlerweile in Vergessenheit geraten. Ein wenig klingt es noch an in volkstümlichen Namen (die aber auch kaum noch jemand kennt): Tausendschön und Männertreu, Maßliebchen und brennende Liebe; Namen, die für sich sprechen und die enge Verbindung von Botanik und Erotik betonen. Wer kennt nicht das Blumenorakel, bei dem man einer Margerite die Blätter von der Blütenkrone rupft: ‚Er liebt mich, von Herzen, mit Schmerzen, klein wenig,  gar nicht …‘ – wenn man keine Margerite zur Hand hat, tut es auch ein Gänseblümchen, auch genannt Maßliebchen – weil es den Grad der Liebe misst. Aber kaum jemand weiß, welch kleine schlüpfrige Geschichte sich im Tränenden Herz verbirgt. Nein, ein Aufguss aus seinen Blättern hilft nicht, wie der Name vermuten lässt, gegen Liebeskummer – die Blüte sieht nur aus wie ein gebrochenes Herz, aus dem ein Tropfen quillt. Aber wenn man eine einzelne Blüte umdreht und die rosigen Hüllblätter auseinanderzieht, dann kann man sie sehen: die bleiche Jungfrau in der Badewanne – und zwar splitterfasernackt. Zugegeben, ein wenig Fantasie braucht man schon, aber was wäre Erotik ohne Fantasie?

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Die Altvordern verstanden sie nämlich noch – die Sprache der Blumen. Wie heißt es in einem alten Volkslied: ‚Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß – als eine heimliche Liebe, von der niemand weiß.‘ Solche verbotenen Lieben, die zum Beispiel Standesgrenzen verletzten, gab es zuhauf – und wenn man die Gefühle nicht mit Worten ausdrücken konnte, dann ließ man eben Blumen sprechen.

Was im Barock als vergnügliches Blumenorakel begann, entwickelte sich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein zu einer Art ausgeklügelter Geheimsprache, mit der man(n) der Geliebten ebenso raffinierte wie eindeutige Botschaften übermitteln konnte. Die Akelei war Bestandteil in Liebestränken und so galt es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als extrem unschicklich, einer jungen Frau einen Strauß mit Akeleien zu schicken. Aber schauen Sie sich doch einmal im eigenen Garten um! Wie gut ist Ihr eigenes erotisches Vokabular bestückt? Und vielleicht offenbart auch der Blick über den Gartenzaun prickelnde Erkenntnisse. Wohnt rechts von uns nicht dieser junge Mann, der sich wochentags kaum blicken lässt, aber immer samstags beim Rasenmähen einen extrem gut trainierten Oberkörper präsentiert? Welche Botschaften finden wir auf seinen Blumenbeeten? Hier ist das erotische Vokabelverzeichnis der Blumen: Rosen finden wir fast überall. Diese elegante Dame und ihre Botschaft kennen wir ja schon. Auch die schwülen Duftwolken des üppigen Flieders senden  eindeutige Signale, stellen aber auch die bange Frage: ‚Bist du mir treu?‘  Für frisch Verliebte eignen sich blaue und weiße Glocken: ‚Unsere Herzen schlagen im gleichen Takt‘ sagt die Glockenblume und das Schneeglöckchen flüstert hinter vorgehaltener Hand: ‚Komm, lass deine Liebe zu und geh noch einen Schritt weiter!‘ Etwas diskreter sagt es das Veilchen: ‚Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben. Ich bin verschwiegen – aber vielleicht auch ein wenig schüchtern.‘ Ich erinnere mich: Meine Oma trug gern einen kleinen Strauß aus Veilchenblüten am Dekolleté. Oh, lá lá!

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Frühlingsboten am Wegrand in Eisenbach

Aber auch dann, wenn es mit der Liebe nicht so ganz rund läuft, bietet die Blumensprache einiges. Man kann sogar Vorwürfe machen: ‚Du bist mir zu eitel‘, sagt die Narzisse und der Löwenzahn knurrt missmutig zurück: ‚Deine Ablehnung schmerzt mich sehr!‘ Kamille und Kornblume spenden Hoffnung und Trost, das Vergissmeinnicht trägt die Botschaft schon im Namen, und die Iris hofft auf gute Nachrichten. Als Antwort eignet sich bei großen Zweifeln in Liebesdingen die schlichte Ringelblume, die erst mit dem Frost aufgibt: ‚Ich weiß, du bist mir treu!‘

In finsterstem Liebeskummer steht der Mohn als zweifelhafter Tröster bereit – Traum und erholsamer Schlaf oder Wahn und Sucht; wofür wird der Liebeskranke sich entscheiden? Manchmal kehrt sich die Sache zum Guten: Die Hyazinthe symbolisiert die Wiederkehr starker Leidenschaften. Fast vergessene Gefühle erwachen, wenn ein mit duftenden Blütentrauben besetzter Stängel sich mit phallischer Zielstrebigkeit durch eisige Schneekrusten hindurcharbeitet. Wird es gelingen? Wird die Glut der Leidenschaft seelische Vereisungen schmelzen lassen? Fürs Happy End gibt es dann eine seltene grün-weiße Euphorbien-Art (Eu. marginata): Man nennt sie Braut und Bräutigam – aber Achtung! Ein zweiter Name derselben Pflanze lautet: Schnee auf den Bergen. Alle Liebenden seien also gewarnt: Ganz oben auf dem Gipfel – und sei es auch der Gipfel des Glücks, kann es empfindlich kalt werden.

Und auch der rasenmähende Nachbar mit dem gutgebauten Oberkörper erweist sich bei genauer Betrachtung leider als  ziemliche Enttäuschung: Sein Garten bietet wenig mehr als eine zwar gut gepflegte, aber absolut langweilige Rasenfläche. Auf der Terrasse stehen ein zusammengeklappter Liegestuhl, in dem nie jemand liegt, und eine Sitzgarnitur, die auch im Sommer abgedeckt ist. Ein paar Terrakottakübel suggerieren vergeblich mediterrane Leichtigkeit: Dort kümmern ein paar vernachlässigte Geranien ihrem Hitzekollaps entgegen. Ob dieser Trostlosigkeit wenden wir uns ernüchtert ab. Lieber würzen wir ab heute die Niederungen unserer Alltagserotik mit einer guten Portion Blümchensex würzen! Und auch wenn wir die Sprache der Blumen nicht in allen Feinheiten verstehen, so können wir dennoch die Süße des Augenblickes auskosten, in Farben und Düften schwelgen, dem Geliebten eine Erdbeere zwischen die Lippen schieben oder uns selber genussvoll  füttern lassen. Schauen wir in den Garten: Dort bietet sich dem Auge des geneigten Betrachters ein einziges erotisches Gewimmel. Sogar die Schnecken mischen munter mit, obwohl sie es gar nicht nötig haben. Schnecken sind nämlich Zwitter, und zum Kinderkriegen tut es ihnen auch die Selbstbefruchtung; sie ist ohne großen Aufwand zu erledigen und alles bleibt quasi in der Familie. Aber was machen die Schnecken? Sie richten sich auf, sie schleimen sich gegenseitig ein und widmen sich selbstvergessen stundenlangen Liebesspielen. Weil Schnecken bekanntlich alles sehr langsam erledigen, schießen sie sich gegenseitig Liebespfeile in den Körper, um sich wachzuhalten und zu stimulieren.

Es gibt in verschiedenen Kulturen teilweise bizarre Rituale und Tabus rund um die Sexualität. Hüllt man Frauen in Ganzkörperschleier, dann werden sogar Wimpern und Augenbrauen zu Signalen, die Herzflimmern auslösen können. Im viktorianischen England waren es wohlgeformte Waden und Knöchel der Damen, welche die Männer um den Verstand brachten. Damals verhüllte man sogar die gedrechselten Beine von Tischen und Stühlen, damit junge Männer nicht auf unziemliche Gedanken kamen. In diesen äußerst sittsamen Zeiten fand man für Sexualität überhaupt keine Worte und auch unsere Eltern speiste man noch häufig ab mit der Geschichte von den Blümchen und den Bienchen. Aber jetzt mal im Ernst: wenn man menschliche Sexualität mit solchen Beispielen erklärt – wer kann dann noch ohne rote Ohren durch einen Garten gehen? Dann wird ein Spaziergang  zwischen Blumenbeeten zum reinen Porno; sozusagen zum Lust-Wandeln. Denn die Blümchen treiben es bunt. Sie wissen auch warum: Denn schon morgen kann alles vorbei sein – denn da kommt nämlich der Schnitter – und der heißt Tod.

Noch mehr Texte über „meine“ Gärten finden Sie hier:

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Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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