Das Kreuz mit dem Kreuz

Hier im Hochschwarzwald wurden beim Bau großer Bauernhöfe nicht nur Wirtschaftsgebäude wie ein „Schopf“ oder Speicher mit eingeplant, sondern oft auch ganz selbstverständlich eine Kapelle. Sie war (meist) nicht geweiht, diente aber Familie und Gesinde als Andachtsraum. Das Glockentürmle auf dem Dach historischer Schwarzwaldhäuser war kein Zierrat, sondern es rief zum Gebet – und zu den Mahlzeiten. Die Hofkapellen werden manchmal auch heute noch genutzt. Zurzeit finden rund um Eisenbach dort reihum die traditionellen Mai-Andachten statt.

„Großhof“ (Bildausschnitt aus dem Gemälde von Nikolaus Ganter; 1847)

Aber auch in Eisenbach sind die Gemeinden schon längst zu sogenannten „Seelsorge-Einheiten“ zusammengelegt worden, und die Gottesdienstordnung liest sich wie ein Fahrplan oder Ratgeber für Ausflüge in die nähere Umgebung. Wenn ich mich dann zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf einen solchen Ausflug begebe, finden sich weitere Zeichen traditioneller Volksfrömmigkeit: Wegkreuze.

 

Manche sind liebevoll geschmückt, andere verwittert, mit kaum noch lesbaren Inschriften. Die aktuelle Kreuzdebatte diskutiert die Präsenz von Kreuzen im öffentlichen Raum. Gehören Wegkreuze dazu?

Immer wieder bin ich in letzter Zeit über dieses Thema gestolpert, und spürte auf einmal wieder das leichte Holzkreuz, das ich fast immer trage. Es wäre zu viel zu behaupten, dass dieser kleine Anhänger aus Assisi mich „gerettet“ hat – aber er hat mich in einer extrem schwierigen Lebenssituation begleitet, und ich habe ihn liebgewonnen. Viele würden in dem „Tau-Zeichen“ wahrscheinlich noch nicht einmal ein Kreuz erkennen. Tatsache ist jedoch, dass ich mich diesem Kreuz und damit der franziskanischen Sicht auf das Leben verbunden fühle.

Befürworte ich dann auch automatisch Kreuze in Gerichtssälen, Behörden und Schulen? Für mich hat die Verquickung von Obrigkeit und religiösen Symbolen immer ein „Gschmäckle“, also etwas Anrüchiges (die hiesigen Badener werden mir diesen verbalen Ausflug ins Schwäbische hoffentlich großmütig verzeihen …). Um das genauer zu erklären, lade ich meine LeserInnen zu einem kurzen Spaziergang durch die Geschichte ein. Was haben Obrigkeitsdenken, Kleinstaaterei und Frauenwahlrecht mit dem Kreuz zu tun? Schauen wir mal genauer hin:

Der Begriff des „Gottesgnadentums“ klingt verstaubt. Aber die Idee (bzw. das Ideal), dass ein Herrscher und seine Nachkommen von Gott persönlich autorisiert seien, war eine so mächtige Vorstellung, dass sie noch nicht einmal der Reformator Martin Luther in Frage stellte. In England war es die Bill of Rights (1688), in Amerika die Unabhängigkeitserklärung mit Deklaration der Menschenrechte (1776) und in Frankreich die Revolution (1789), welche die Herrscher entthronten. Und in Deutschland? Da gab es 1848 die deutsche Revolution, die ja auch eine badische war. Ergebnis? Die Paulskirchenverfassung, als erster Schritt auf dem Weg zur parlamentarischen Demokratie. Geplant war eine konstitutionelle Monarchie mit einem „unverletzlichen“ Kaiser. Friedrich Wilhelm IV von Preußen lehnte diese Kaiserkrone „aus Volkes Hand“ dankend ab – das Gottesgnadentum war für ihn wesentlich attraktiver. Dieses Herrschaftskonzept endete in Deutschland erst 1918, als Wilhelm II abdankte. Sein Wahlspruch, mit dem er zwei Millionen deutsche Soldaten in den Tod hetzte, lautete „Gott mit uns!“

Der deutsche Untertanengeist mit preußisch geprägtem Obrigkeitsdenken ging jedoch nicht mit dem Kaiserreich unter. Die Sehnsucht nach einem „starken Mann“ überdauerte nicht nur das kurze Intermezzo der Weimarer Republik, sondern sorgte auch dafür, dass bald in allen Amtsstuben wieder funkelnagelneue Kreuze hingen. Bekanntlich hatte die Sache aber mehr als nur einen Haken …

Und die Kirchen? Die konnten es schon immer prächtig mit den Mächtigen. Die Verflechtung war (weiß Gott!) nicht nur spiritueller Art. Bischöfe hatten auch weltliche Macht. Kirchenfürsten führten Kriege. Es ging um Land, um politischen Einfluss und – wie immer – um Geld. Aber es waren nicht nur Kirchenfürsten, die im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ herrschten, sondern es gab um die 400 souveräne, „reichsfreie“ Herrschaften. Die deutsche Kleinstaaterei ist sprichwörtlich. Am Beispiel Eisenbachs lässt sich das eindrucksvoll zeigen. Heute besteht Eisenbach aus vier ursprünglich eigenständigen Teilorten: Bubenbach, Eisenbach, Oberbränd und Schollach. Bis 1806 gehörte Bubenbach zum Habsburger Reich (Vorderösterreich), Eisenbach zum Fürstentum Fürstenberg und Schollach zur Klosterherrschaft Friedenweiler. Was heutzutage kaum noch jemand weiß, ist, dass die Untertanen der Fürstenberger und des Klosters Friedenweiler Leibeigene waren.

Die Herrschaft des Kreuzes war also eine ganz und gar irdische: sie legte den Menschen Abgaben auf. Der Begriff des Zehnts ist bekannt (Abgabe eines Zehntels an Felderträgen und Vieh), es bestanden aber auch Hilfspflichten bei Holzarbeiten und bei der Jagd, sowie willkürlich oder sogar grausam  wirkende Pflichten, wie die Abgabe des besten Stücks Vieh bei einem Sterbefall. Ja, es bestand sogar eine spezielle Abgabe, wenn ein neuer Ofen gebaut wurde. Konnten Abgaben nicht entrichtet werden, liefen Schulden auf, die auch die nachgeborene Generation noch belasteten. Manch einer wollte dieser Last durch Auswanderung entfliehen – aber zuerst mussten die alten Schulden bezahlt werden. Und wen wundert es, dass auch die Auswanderung abgabepflichtig war.

Wie praktisch, wenn die „Herrschaft“ – egal ob kirchlich oder fürstlich – sich auf eine gottgewollte gesellschaftliche Ordnung berufen konnte. Schuster bleib bei deinen Leisten, ist ein sehr deutsches Sprichwort; und meine Oma war sehr beunruhigt, als ich begann mich auf das Abitur vorzubereiten. „Man soll sich nicht über seinen angeborenen Stand erheben“, sagte sie mir mehr als einmal. Diese Ständelehre wurzelte tief im Feudalismus, auch wenn dies meiner Oma nicht bewusst war. Sie wurde jahrhundertelang von den Kanzeln gepredigt, in Klassenzimmern praktiziert und in den Amtsstuben durchgesetzt – jeweils unter dem Zeichen des Kreuzes.

Und dann ist da noch die Sache mit den Frauen … Eine Maiandacht, z.B. in einer der Eisenbacher Hofkapellen, ist etwas Schönes: Die Marienaltäre sind mit duftenden Blumen bekränzt, und man huldigt der Gottesmutter mit alten Liedern. „Gegrüßet seist du Maria“, betet man. „ … der Herr ist mit dir.“ Ich könnte jetzt viel schreiben zur historischen und aktuellen Situation der Frau in der katholischen Kirche. Aber das würde zu weit führen. Nur so viel: Auch tausend Rosenkränze haben den deutschen Frauen nicht das Stimmrecht gebracht. Das kam erst 1918  – aber nicht durch Gottes Gnade oder durch Kaisers Huld, sondern es wurde ganz irdisch erstritten – gegen den teilweise erbitterten Widerstand der Kirchen.

maialtar schollach
Mai-Altar in der Pfarrkirche Schollach

Ich möchte dort schließen, wo ich angefangen habe: bei den Wegkreuzen. Zwischen Eisenbach und Friedenweiler stehen einige sogenannte „Russenkreuze“. Sie erinnern an den Winter 1813/14. Damals waren österreichische und russische Truppen als Verbündete des Großherzogs von Baden in Eisenbach einquartiert. Es kam zum Ausbruch einer Typhusepidemie, die auch viele Opfer unter den Einheimischen forderte. Allein in der Umgebung des Klosters Friedenweiler wurden schätzungsweise  1.500 russische Soldaten beigesetzt. 1911 wurden zum Andenken an diese Opfer, auf private Initiative eines Arztes hin, die markanten orthodoxen Kreuze am Ort der vermuteten Massengräber aufgestellt. Ein solches „Russenkreuz“ ist, wie auch andere Wegkreuze, ein Ort des Innehaltens – eine Art Denkmal. Genauso, wie die beiden Kreuze im Wald bei Schollach, die an US-Soldaten erinnern, die 1944 auf „Anordnung der NS-Kreisleitung ermordet wurden“.

 

Das Wort funktioniert auch als Imperativ: Denk mal!

Die Befehlsform „Glaub mal!“ funktioniert einfach nicht. Probieren Sie es ruhig mal aus. Glauben ist – je nach Sichtweise – eine Illusion oder ein Geschenk. Er lässt sich – glaub-würdig – jedenfalls nicht von oben herab verordnen.

Viele, die das Kreuz heute wieder im öffentlichen Raum sehen wollen, begründen dies kulturell und nicht religiös. Mal abgesehen davon, dass diese Begründungen vor Schein-Heiligkeit triefen – es ist gerade diese kulturelle Komponente, die mich zutiefst beunruhigt: steht das Kreuz doch in der deutschen Tradition für Obrigkeitsdenken, Mucker- und Mitläufertum und Ausbeutung. Deshalb möchte ich es endgültig „an den Nagel hängen“ – und nicht in deutschen Amtsstuben sehen.

 

 

Wer mehr über die historischen Zusammenhänge lesen möchte, findet Interessantes im Buch „GANTER – Die Eisenbacher Malerbrüder und ihre Zeit

Herzlichen Dank an Jürgen Holtz vom Förderkreis Kreatives Eisenbach, der mir viel über Eisenbach erzählt hat.

Bildquellen: Ausschnitt aus dem Gemälde Großhof mit Hauskapelle (von Nikolaus Ganter) aus dem o.g. Buch „GANTER“

Bildquelle Russenkreuz: wikipedia

Die online-Ausgabe der ZEIT Nr. 21 finden Sie hier

Gedanken zum Tau-Kreuz

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

2 Antworten auf „Die Mundart-Misch-Maschine 7

  1. Sehr nach-denkens-Wert und glaub-würdig!
    Ich staune und freue mich, wie ein mir völlig fernes Örtchen durch seine Stadtschreiberin Kontur gewinnt und mich zu einem Besuch verlockt.
    Die Geschichte der Russischen Typhusopfer ist sehr spannend. Da würde ich gern mehr erfahren.

    Gefällt 1 Person

  2. Zugegeben, ich kommentiere selten unter Blogs. Diesmal jedoch juckt es mich in den Finger, dir zu einer grandiosen Schreibweise zu gratulieren. Mit viel Genuss habe ich deinen Beitrag gelesen und mir gewünscht, er wäre in einem Medium vertreten, wo er mit noch mehr Aufmerksamkeit von einer breiteren Masse konsumiert würde. 👍

    Gefällt 2 Personen

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