Viechereien

„Wie konnte das denn nur wieder passieren“, sagt Frauchen. „Da hat sich doch tatsächlich ein Viech in mein Manuskript eingeschlichen. Das hatte ich aber ganz anders geplant.“ – Ich muss lachen: „Das ist wirklich nix Neues.“ Ohne den Hund in deinem ersten Roman hätten wir zwei uns auch nie gefunden, stimmts? (vgl. hier) Was ist es denn jetzt? Eine Katze?“ – „Nein, Katze hatte ich schon“, sagt Frauchen und guckt ein bisschen unglücklich. „Diesmal hatte ich wirklich einen garantiert tierfreien Roman geplant.“

„Warum eigentlich?“, erkundige ich mich. „Tiere sind doch interessant.“ – Frauchen seufzt: „Manche Leute haben Allergien – auch beim Lesen. Die einen können Katzen nicht leiden, und die anderen hassen Hunde. Aber weißt du was …? Du könntest doch eigentlich …“

„Nein, nicht schon wieder“, murre ich, denn ich weiß, was jetzt kommt. „Stell dich nicht so an; du liegst doch sowieso nur faul in der Sonne. Du kannst auch mal wieder deinen Beitrag leisten.“ Frauchen lässt nicht locker. „Schreib doch mal was über die Tiere hier im Schwarzwald. Das kannst du besser, du bist doch auch …“ – „Sag, jetzt nicht, dass ich ein Tier bin“, empöre ich mich. „Ich bin dein bester Freund – schon vergessen???!“

„OK, reg dich nicht auf. Aber du wirst zugeben, du bist ein bisschen, hm …. näher dran am Thema? Außerdem habe ich so viel zu tun.“ Frauchens Standardausrede. Unter uns: Sie hat immer viel zu tun. Aber lassen wir das. Diese Diskussion führt zu nichts. Also schreibe ich jetzt was über Tiere. Aus Hundesicht. Ich habe eine Liste von den wichtigsten  Tieren gemacht, die uns hier begegnet sind, und mir wurde schwindelig, weil es so viele waren. Ich fange mal rund ums Haus herum an:

Meine Freundin Lea hatte ich ja schon erwähnt. Es gibt noch andere Hunde im Dorf. Sagen wir es mal so: Nicht alle sind Freunde. Aber im Zweifelsfall laufen alle an der Leine. Das entspannt die Situation beträchtlich. Der rote Kater hat keine Leine. Er ist überall, gehört niemandem (oder allen), und die ganze Straße ist sein Zuhause. Es ist ein völlig unberechtigtes Vorurteil, dass sich Katzen und Hunde nicht verstehen. Der rote Kater sitzt regelmäßig bei uns am Küchenfenster und darf sogar ins Haus (bzw. er würde es sich auch nicht verbieten lassen). Er ist weich. Er hat schöne Augen. Was kann ich noch über ihn sagen? Er mag kein Hundefutter. Sein Glück. Wir kommen prima miteinander aus. temporär1

Direkt hinterm Haus sind zahlreiche Weiden. Vor allem mit Pferden. Ich erinnere mich an ein fürchterliches Erlebnis vor zwei Jahren in Holland, als sich vier Pferde verabredet hatten, mich rund um die Koppel zu jagen. Es ist mir heute noch peinlich, dass ich in meiner Panik nicht auf die Idee kam, einfach unter dem Weidezaun durchzuschlüpfen. Jedenfalls hatte ich seitdem eine „tierische“ Angst vor diesen großen Tieren. Hatte … denn Frauchen hat eine Desensibilisierungstherapie mit mir durchgeführt. Schwieriges Wort, aber glauben Sie mir, die praktische Durchführung war noch weitaus schwieriger. Das hieß nämlich: nah ran an den Zaun und Möhrchen füttern, streicheln und reden. Von Nahem betrachtet, sind Pferde noch größer!! Aber ich mag auch Möhrchen. Allerdings nur, wenn Pferde in der Nähe sind …. Zuhause spucke ich Gemüse aus. Während Frauchen sich also mit den Pferden unterhielt, habe ich nebendran den Karottenvorrat dezimiert. Futterneid ist ein guter Appetitanreger. Außerdem hilft Essen gegen Angst. Und als letzte Woche der große Braune abgehauen war und laut wiehernd die Dorfstraße runtergaloppierte, blieb ich auch gaaaanz gelassen und genoss das Schauspiel, als die Pferdehalterin auf dem Fahrrad hinterherjagte. Es ist nichts passiert. Er rannte nur zu seinen Kumpels auf der Koppel. Hätte ich auch gleich sagen können. Im Grunde genommen sind Pferde …. Naja, bleiben wir höflich: Hunde sind intelligenter.

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Mit meinem neugewonnen Selbstbewusstsein habe ich dann die Nase doch wieder ein wenig hoch getragen und sofort einen Dämpfer kassiert: Seit einiger Zeit sind nämlich auch die Kühe wieder auf der Weide. Und die hassen Hunde … Frauchen musste ein paar Tage Überzeugungsarbeit leisten, bis sie sich an mich gewöhnt hatten, aber ich gebe es unumwunden zu: Als der Jungbulle mit trommelnden Hufen und hochgerecktem Schwanz auf mich zuraste, bin ich rückwärts aus dem Halsband geschlüpft und wieder nach Hause gerannt …

Auf einer Wanderung im Ortsteil Schollach, habe ich mich dann an Kühe gewöhnt: Hier wird nämlich noch mehr Viehhaltung betrieben als in den höhergelegenen und „industrialisierten“ Ortsteilen. Außerdem sind die Kühe dort wesentlich gelassener gegenüber Hunden. Dort kann man noch etwas ganz Altmodisches beobachten: Kälbchen, die bei ihren Müttern Milch trinken und in Gruppen übermütig über die Weide tollen. Sehr hübsch. Aber leider relativ unwirtschaftlich, wie ich erfahre. Kühe in Elternzeit oder sogenannte Ammenkühe gibt es nur auf wenigen Bauernhöfen und ohne Subventionen (schwieriges Wort!) geht es wohl nicht. Aber einige Bauernhöfe bieten diese Milch schon an. Übrigens: die typische Kuhrasse hier im Schwarzwald heißt „Hinterwälder“ – und nicht Hinterwäldler.

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Frauchen sagt, die „hinterm Wald“ seien oft ganz schön fortschrittlich – keine Ahnung, was sie damit meint, aber die Sache mit der Milch gehört wohl auch dazu. Hier ist eine Liste, wo man diese  artgerechte Milch kaufen kann. Es sind einige Höfe aus dem Schwarzwald dabei …

„Schreib doch noch etwas über die Tiere im Wald“, sagt Frauchen. „Die sichtbaren oder die unsichtbaren?“, frage ich. „Du machst das schon richtig“, meint sie. Ob sie damit meint, dass ich manche Tiere sichtbar mache? Zum Beispiel Hasen. Ich muss nur kurz die Nase ins Gebüsch stecken, und schon laufen sie Frauchen über die Füße. Wir kennen inzwischen einige Stellen, an denen Hasen wohnen. Und ich muss dort an die Leine. Leinenzwang herrscht auch bei indischen Laufenten. Wenn wir dort vorbeigehen, kann man sehen (und hören!) wie sie mich auslachen. Das Leben ist ungerecht.

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„Du willst mein bester Freund sein“, sagt Frauchen, „also mach uns keinen Ärger.“ Ich mache keinen Ärger, aber ich ärgere mich. Vor allem darüber, dass hinter uns Hunderte von Rehen, Auerhähnen und Füchsen auf dem Wanderweg stehen und sich kaputtlachen. Jedes Mal, wenn Frauchen sich umdreht, verschwinden sie. Aber es gibt sie. Garantiert. Der Jäger, dem wir abends mal begegneten, hat das bestätigt. Frauchen hatte Angst, dass er mich mit einem Reh verwechselt. Da haben wir aber herzhaft gelacht. Der Jäger und ich.

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Der Förster hat uns auch erzählt, dass ganz selten einmal hier auch ein Wolf durchkommt, also ein entfernter Verwandter von mir. Auch ein Luchs habe sich einmal hierher verirrt, aber diese großen Räuber wurden in Eisenbach nicht heimisch. Genauso, wie die versprengten Gemsen, denen der Boden hier zu weich ist. Sie können ihre Hufe nicht abnutzen, was zu Wucherungen führt. Deshalb ziehen sie weiter Richtung Feldberg, in raueres Gelände. Dort wurden sie in den dreißiger Jahren übrigens ausgesetzt und haben sich prächtig vermehrt. Dem Kamel, das wir in Oberbränd sahen, ging es zwar ebenfalls prächtig, aber es war ebenfalls nur ein Gast auf der Durchreise – nämlich ein Zirkustier.

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Interessant wurde es einmal abends, als wir gemeinsam mit dem Förster in einem sehr abgelegenen Teil des Waldes unterwegs waren, dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Frauchen und der Förster redeten, mir war langweilig  …. und plötzlich hatte ich was in der Nase. Um es kurz zu machen: Ich wurde rücksichtslos wieder aus dem Loch herausgezerrt, aus dem nur noch mein Schwanz herausragte. Frauchen sagte ihren Standardspruch: „Das macht er doch sonst nie.“ Und der Förster erklärte mir, dass ein Dachs mehr als doppelt so schwer werden kann wie ich und dass ich meine neugierige Nase nicht überall reinstecken soll, wenn ich sie behalten will. Übrigens: Dachse graben so weitläufige Baue, dass sich oft Füchse dort als Untermieter einfinden und ebenfalls ihre Jungen aufziehen. Dachse sehen schlecht und riechen dafür extrem gut. Bei mir ist es genau umgekehrt …

Unter den Wildtieren gibt es auch richtige Prominente, denen sozusagen der rote Teppich ausgerollt wird: Auerwild; also Auerhähne und Auerhennen, von denen es nur noch wenige im Schwarzwald gibt. Sie brauchen ganz spezielle Umweltbedingungen, um sich artgerecht zu ernähren: Im Winter fressen sie ausschließlich Kiefernnadeln. Fragt mich bitte nicht, wie man aus diesem Zeugs auch nur eine einzige Kalorie rausquetschen kann – aber jetzt verstehe ich, warum man sie im Winter nicht aufscheuchen sollte. So viele Kiefernnadeln kann man fast nicht fressen, wie einmal Todesangst  an Energie verbraucht! Im Sommer frisst das Auerwild alles von der Blaubeere: Knospen, Triebe, Blätter, Beeren – und die Wälder sind voll von diesem gesunden Grünzeug. Die Küken ernähren sich vorwiegend von Ameisen – und auch davon gibt es reichlich. Frauchen hat ja keine Angst vor Tieren, aber als sie das erste  Mal im Wald Sandalen anhatte, stand sie einmal quietschend auf einer Holzbank und legte einen ziemlich beeindruckenden Stepptanz hin. Die Waldameisen hier sind wirklich riesig.

 

Womit wir beim Kleingetier wären:

Zum Beispiel Molche und Kaulquappen. Frauchen hat sich tierisch aufgeregt, als die Wassergräben austrockneten und die Kaulquappen mit ihnen. Später haben wir noch einige Tümpel gefunden, in denen sie überlebt haben und sich prächtig entwickeln. Die Molche hatte es einfacher: sie überstanden die Trockenzeit im dicken Moospolstern, und die Männchen haben sich zur Paarungszeit richtig schön rausgeputzt (also ich find’s ja affig – aber jedem Tierchen sein Pläsierchen.  Ich stehe mehr auf britischem Understatement.) Übrigens: Blindschleichen sind keine Schlangen, sondern Eidechsen. Sie sehen wirklich elegant aus, oder?

 

 

Um uns herum summt und brummt es. Die Fliegen im Arbeitszimmer von Frauchen fange ich manchmal weg. Bei Bienen lasse ich das. Es gibt sowieso zu wenige Bienen, sagt Frauchen. Finde ich persönlich nicht. Hier gibt es sogar guten Honig. Unser Glas ist schon halb leer ….

Sonst noch was? Ach ja, Zecken. Angeblich gibt es auf über tausend Höhenmetern keine. Stimmt definitiv nicht. Siehe Beweisfoto. Aber hier oben scheint eine stechmückenfreie Zone zu sein. Bis jetzt habe ich jedenfalls noch keine einzige gesichtet. Um Stechmücken anzutreffen, müssten wir einen Ausflug ins nahegelegene Freiburg machen. Aber uns fehlt hier oben nichts.

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Doch, eine Sache fehlt uns: Welches der hier aufgezählten Tiere hat sich in Frauchens Manuskript eingeschlichen? Sie dürfen gern raten ….

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Herzlichen Dank an den Revierförster Karl Meister, der mich mit Informationen versorgte und mir Waldwege zeigte, die dem Wanderer normalerweise nicht gestattet sind …

Bildquellen: Auerhahn, Kalb und MAkroaufnahme einer Ameise pixabay; Nachtaufnahme stammt von einer im Wald gefundenen Speicherkarte (der Besitzer kann sich gern bei mir melden); alle anderen Bilder: Ulrike Blatter

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

Eine Antwort auf „Die Mundart-Misch-Maschine 8

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