DURCHATMEN!

Es ist kaum zu glauben – drei Monate Schreibklausur sind vorbei. Obwohl … eingeschlossen habe ich mich in Eisenbach nie gefühlt. Es gibt dort zu viele nette Menschen.

Kaum zu glauben: mein Roman ist tatsächlich fertig geworden.

roman ende

Obwohl … eigentlich sind es sogar zwei Bücher geworden: der „Hütejunge“,den ich hier druckfertig machte und der im September erscheinen wird. Und das Buch, mit dem ich mich um das Stipendium in Eisenbach bewarb.

lesung
Viel geschrieben. Aber ich verrate nicht alles … noch nicht 😉

Viel Arbeit. Geschafft. Die Abschluss-Lesung. Geschafft. Trotz Lampenfieber. Aber viele bekannte Gesichter im Publikum machten es mir leichter, eine Geschichte, die mir sehr nahe ist, zum ersten Mal laut zu lesen. Alles erledigt. Und nun?

Durchatmen.

Wo?

Im Wald. Wo sonst?

Ich atme den Wald ein. Die Wissenschaft nennt das, was mir in die Nase steigt „Terpene“ und angeblich sind sie furchtbar gesund. Terpene bestehen aus zigtausend Einzelsubstanzen und entfalten ihren Duft wie ein Parfüm, das je nach Wetter, Tageszeit und Stimmung andere Nuancen hervorbringt: holzig, harzig, würzig, belebend, betäubend, berauschend.

Nicht nur der Wald „riecht“ – auch Menschen können sich gegenseitig „gut riechen“ – oder nicht.  Das entscheidet sich oft in Zehntelsekunden. Manch einer riecht so gut, dass man sich Hals über Kopf verliebt. Schuld daran sind die Pheromone: kleine Duftmoleküle, die uns umwabern wie eine Wolke. Und genauso ist es mit den Terpenen: ich öffne morgens mein Fenster, schnuppere … und schon bin ich hin und weg. Nämlich mitten im Wald.

Auch wenn ich dort jeden Tag die gleichen Wege gehe, es sind nie dieselben. Füchse schnüren gleichmütig ihren Wechsel, Fuchswelpen beäugen uns neugierig. Nach einer Weile kenne ich die Rastplätze einiger Hasen, die sich ins Gras ducken und die Nerven behalten, so dass Django sie übersieht. Ich besuche „meine“ Spechthöhle, aus der manchmal ein kleiner Vogelkopf lugt. Gestern stolperte uns ein junges Reh über den Weg und Django war so verblüfft über diesen „Windhund“ (die Ähnlichkeit war wirklich verblüffend …), dass er sich hinsetzte und ratlos die Pfote hob.  Das Reh versteckte sich hinter einem riesigen Bären … glücklicherweise eine Attrappe. Der „Pfeil-und Bogen-Parcours“[1] wartet nämlich mit einigen lebensechten Gummitieren auf, die nicht gerade schwarzwaldtypisch sind: unter anderem verstecken sich Nashorn und Elefant im Unterholz.

Es gibt neuerdings den  Begriff des „Waldbadens“, was bedeutet, absichtslos im Wald herumstromern, so, wie es Kinder tun. Den eigenen Füßen folgen und nicht den ausgeschilderten Wanderwegen, lauschen, stehenbleiben, atmen, den Wolken hinterherschauen. Zur Ruhe kommen. Die lebendige Stille genießen. Im April fand ich letzte  Schneeplacken, während sich auf den Sonnenseiten Blätter und Stängel der Pflanzen wie im Zeitraffertempo entwickelten. Ich beobachtete über Tage, wie sich Blüten von Knabenkraut und Waldhyazinthe öffneten.

 

Wie der Boden nach einem Sturzregen dampfte und die Sonne ein magisches Licht- und Schattenspiel inszenierte. Ein Teil des Waldes wurde im Januar durch das Orkantief „Burglind“ schwer getroffen: Die umgekippten Bäume mit ihren flachen Wurzeltellern wirkten wie Beine und Füße riesiger urzeitlicher Elefanten.

 

Dann die kleinen Dramen: eine Hummel sucht Schutz vor dem Regen und wird von einer Spinne blitzschnell eingewickelt. Ein junger Hase wird von einem Greifvogel erwischt. Hagel zieht in wenigen Minuten eine Schneise der Verwüstung. Die ganz großen Dramen jedoch sieht man nicht. Dazu später.

Natürlich ist der Wald nicht nur romantischer Rückzugsort, sondern auch knallharter Wirtschaftsfaktor. Als ich nach Eisenbach kam, dachte ich, dass die vielen klein- und mittelständischen Betriebe dort die wirtschaftliche Basis der Gemeinde bilden. Das stimmt jedoch nur zum Teil: Eisenbach bietet zwar eine bundesweit einmalige Arbeitsplatzdichte (1.650 Arbeitsplätze bei 2.150 Einwohnern), so dass sogar viele Menschen täglich zur Arbeit ins Dorf einpendeln, allerdings ist der Wald immer noch eine unverzichtbare Einnahmequelle der Gemeinde. Mit einer Fläche von 486 Hektar beläuft sich der Holzeinschlag auf 4.300 fm. Das Holz wird zum größten Teil in regionalen Sägewerken verarbeitet, aber besonders schöne Tannen werden nach Japan exportiert – zu religiösen Zwecken[2].

Die meisten Nadelbäume im Eisenbacher Forst sind 120 bis 170 Jahre alt. Damals geschah im Tal auf 1000 Höhenmetern nämlich Umwälzendes: Zum einen veränderte sich das Klima. Es wurde kälter und die Bedingungen für die damals noch üppig wachsenden Laubbäume schlechter. Entscheidend waren jedoch die Glashütten: Sie hatten einen nahezu unersättlichen Hunger nach Holz. Nach Rodung und Kahlschlag zogen sie weiter an unbesiedelte Orte (so entstanden z.B. die Ortsnamen „Altglashütten“ und „Neuglashütten“). Einerseits waren die Glasbläser Wegbereiter für nachfolgende Siedler, die auf den entwaldeten Hängen ihr Vieh weiden ließen. Andererseits kam es durch die Entwaldungen zu Umweltproblemen z.B. Bergstürze und Muren. Mit Zunahme der industriellen Glasproduktion, verschwanden die Glashütten und die Wiederaufforstung begann. Der Wald, den wir heute sehen, ist also ein Zeitzeuge der damaligen Umstrukturierung. Aufgeforstet wurde vor allem mit robusten und schnellwachsenden Tannen und Fichten. Jede Dorfschreiberin lernt von Revierförster Karl Meister den Unterschied zwischen Tannen und Fichten. Merkspruch: Die Fichte sticht, die Tanne nicht! Und mir wird schnell klar, dass das berühmte “Tannezäpfle“ aus der Rothaus-Brauerei, eigentlich (laut Logo) „Fichtenzäpfle“ heißen müsste.

tannenzäpfle

Tannen und Fichten orientieren sich nach dem Licht, erfahre ich. Deshalb wachsen sie kerzengerade nach oben. Kiefernäste orientieren sich jedoch an der Schwerkraft. Besonders bizarre Auswirkungen hat das bei den Latschenkiefern, von denen es hier auch einen kleinen Bestand gibt – je nach Gelände kriechen sie auch mal bergab. Überhaupt gibt es bei den Kiefern solch eigenwilligen Individualisten, dass man versucht ist, ihnen Namen zu geben (was wir auch tun …).

 

Holzbewirtschaftung – das hört sich nüchtern, ja vielleicht sogar naturfeindlich an, ist aber ein vielschichtiger und vor allem langsamer Prozess, der die Lebensgrundlage von Mensch und Natur sichern kann.   Nachhaltigkeit bedeutet, nicht in kurzfristigen Gewinnspannen und Produktzyklen zu denken, sondern für Generationen zu planen.

So muss sich der Wald permanent verjüngen, was er in Eisenbach weitgehend aus eigener Kraft schafft. Er muss fit gemacht werden für den Klimawandel: Mit Laubbäumen, wie Buche, Eberesche und Ahorn. Und last but not least: es muss Lebensraum bleiben für das Auerwild. Deshalb geht es oft nicht um reine Aufforstung, sondern um kluges „Auslichten“ – damit die Auerhähne mit ihren Hennen einen lichten Wald als idealen Lebensraum vorfinden. Im gesamten Schwarzwald gibt es noch ca. 270 Brutpaare. In Eisenbach lebt noch eine kleine Population, aber hier (wie überall) ist der Bestand dramatisch rückläufig. [3]

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Auerwild hat sehr spezielle Ansprüche an die Umgebung, die eigentlich in Eisenbach perfekt gegeben wären: Lichte Nadelwälder mit vielen Blaubeeren und Ameisen. Die Küken fressen Ameisen, die erwachsenen Tiere im Sommer alles, was die Heidelbeerpflanze bietet. Im Winter ernähren sich die großen Vögel ausschließlich von Kiefernnadeln. Eine kalorienarme und schwer verdauliche Kost. Es wird klar, warum man die Tiere nicht aufscheuchen darf: auf der Flucht sind sie gestresst und verbrauchen so viele Reserven, dass dies für sie lebensbedrohlich werden kann.

Der letzte „gute“ Brutjahrgang war vor 13 Jahren – wer weiß wie viele dieser „Methusalems“ noch leben. Die diesjährige Brutsaison begann trocken und warm. Ideale Verhältnisse. Leider folgten Kälteeinbrüche und Dauerregen. Eine erste Bilanz wird man in der Balzzeit (ab März 2019)  ziehen können. Dann schlägt sich Karl meister die Nächte um die Ohren. Auerhähne wirken bei der Balz zwar so, als ob sie nichts ablenken können, aber es ist wenig ratsam eine „Balzarena „ zu durchqueren, wie dieses Video eindrucksvoll zeigt.

Überstunden? Die Försterei ist eben kein nine-to-five-Job, erklärt Karl Meister, als er mich in einen verzauberten Wald führt, weitab der Wanderwege. Während ich Django aus einem Dachsbau zerre, in dem er zu Hälfte verschwunden ist, schaue ich mich um und weiß, warum es ein Segen ist, dass diesen Winkel kein Tourist finden wird.

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Dann verlasse ich den „Zauberwald“ und gehe wieder „Waldbaden“ – in den letzten Tagen aber nicht ganz absichtslos … man kann nämlich auch einiges finden, wenn man nicht angestrengt sucht. Der Sommerregen lässt nämlich die Pilze sprießen.

 

Übrigens: wer für alle Zeit und Ewigkeit im Wald bleiben will, findet eine letzte Ruhestätte im Friedwald Friedenweiler … ebenfalls ein magischer Ort.

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[1] http://www.bogensporthotel.de/parcour.php

[2] Mehr dazu von meiner Dorfschreiber-Vorgängerin Merle Hilbk: http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/suedbadisches-holz-reist-bis-nach-japan–132381733.html

[3] Mehr zum Auerwild-Schutz hier: http://www.forstbw.de/schuetzen-bewahren/waldnaturschutz/gesamtkonzeption-waldnaturschutz/bestehende-naturschutzfachliche-programme-und-konzepte/menue/aktionsplan-auerhuhn/

Schon entdeckt? Ich habe eine neue Autorenseite auf facebook!

lesung

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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