Zugegeben, als ich hier ankam, wusste ich so gut wie nichts über Riga. Noch nie bin ich so schlecht vorbereitet zu einer Reise gestartet. Das hat Gründe, ist aber keine Entschuldigung. Also lerne ich auf der Reise ständig dazu. Sozusagen learning by travelling. Nicht ganz einfach, wenn man jeden Tag ca. 100 Kilometer Fahrradfahren bei weit über 30 Grad in den Knochen hat – da arbeitet auch das Gehirn deutlich langsamer … Allerdings stellt sich ziemlich schnell heraus, dass es ein ganz heißer Tipp ist, Riga mit dem Fahrrad zu entdecken. Wir sind jeden Tag ca. 20 km auf Sightseeing-Tour geradelt, um verschiedene Stadtviertel zu erkunden und der „Touristenfalle“ Altstadt zu entliehen. Zu Fuß wäre das bedeutend mühsamer gewesen. Es gibt auch ein dichtes Netz von Tram- und Buslinien, aber mit dem Fahrrad ist man doch bedeutend flexibler. Gute Fahrräder kann man hier problemlos ausleihen. Allein über die Brücken zu radeln, ist ein Erlebnis. 

Riga also. Vorerst ist es nur ein Punkt auf der Strecke und für mich aus zweierlei Gründen interessant: die Großstadt ist – nach vielen Tagen in ziemlich menschenleerer Landschaft – eine willkommene Abwechslung. Außerdem ist schlechtes Wetter angesagt und nach sechs Tagen Fahrradfahren im Gegenwind (siehe oben) täte uns eine Pause ganz gut.

 

Wir träumen von einem normalen Bett. Wie naiv! Es ist August, also Hochsaison und neben dem üblichen Sommer-Massentourismus wimmelt die Stadt von Besuchern diverser Festivals und eines Orientierungslaufes. Gefühlt radeln wir 30 Kilometer durch den Stadtverkehr, der eigentlich gar nicht so schlimm ist, denn hier wird kräftig kontrolliert. Aber die letzten Kilometer auf der Schnellstraße waren anstrengend und mittlerweile haben die Faxen dicke von Autofahrern, die Radler lediglich als weiche Hindernisse betrachten. Leicht gestresst kurven wir zuerst durch weitläuige Vororte mit Plattenbauten und irren dann in Gründerzeit- und Art Deco-Häuserschluchten umher. Dass die Fassaden bröckeln, ist unschwer zu erkennen. Dass sie wunderschön sind auch. Aber wir sind  müde. Und haben Hunger. Aber die Quartiersuche hat Vorrang. Eigentlich klingt es ganz einfach: Es gibt eine Liste mit Hostels und B&Bs sowie kleineren Hotels. Die meisten im Viertes um die Gertrudes iela. Ein wunderbar lebendiges Viertel mit vielen kleinen Restaurants. Gleich, in wenigen Minzuten werden wir auf einer der Straßenterassen sitzen, ein kühles Bier trinken und etwas Regionales essen. Denn wir stehen im Nu vor dem richtigen Haus mit dem schnuckeligen kleinen Doppelzimmer, das uns angepriesen wurde. Nur leider weiß niemand vom Zimmer, die Telefonnummer ist tot und auch die netten Nachbarn, die sich sehr viel Mühe mit der Recherche geben, können uns nicht weiterhelfen. Auch die Dame an der Rezeption des ausgebuchten Luxushotels will gerne helfen und sucht in ihrem Computer ein Hostel mit freiem Doppelzimmer raus – das genauso wenig existiert, wie die anderen … Und wir haben immer noch Hunger. Die Stadt kann mich mal, denke ich. Ich will endlich mal wieder in einem richtigen Bett schlafen, verdammt noch eins. Mir tun die Knie weh und der Rücken und überhaupt irgendwie der ganze Mensch innen wie außen. Das hier ist schließlich ein Spendenlauf und kein Martyrium, oder? – Joachim weiß Rat und betritt – gerade noch rechtzeitig vor Ladenschluss – eine kleine Konditorei und ergattert dort aromatisch duftende Minipizza und zwei Mohnschnecken, die nach Elysium schmecken. Auf die Toilette darf ich auch noch, obwohl inzwischen eigentlich schon geschlossen ist. Am nächsten Tag werden wir die Konditorei nochmal besuchen. Und die Sachen schmecken noch genauso gut – und sind sagenhaft günstig – kein Vergleich zum Touristen-Nepp in der Altstadt. Die Konditorei SALA findet man dreimal in Riga. Wir waren in dem kleinen Café Ecke Brivibas iela / Gertrudes iela. 

 

Aber noch ist es unser erster chaotischer Abend. Staubig, durchgeschwitzt, mit leicht wirrem Blick und Sonnenbrand  wirken wir wohl eher wie Wegelagerer. Vielleicht will uns deshalb kein Hotel? Wir radeln ja für ein Kinderprojekt, aber mich würde es nicht wundern, wenn Eltern ihre Kinder vor uns warnten …

Die Sonne geht unter und wir entscheiden uns fürs Camping. Was bleibt uns auch anders übrig? Eigentlich HASSE ich Großstadtzeltplätze. Aber das City Camping auf der Halbinsel Kipsala ist ok. Zu einem höheren Lob kann ich mich im Moment nicht durchringen. Eigentlich möchte ich nur noch weg von hier. Aber meine Knie und mein Rücken und meine Hüften schreien: Hiergeblieben. Und ich ergebe mich. Der Zeltaufbau funktionier wie im Schlaf (vielleicht schlafe ich auch schon?), ein kühles Bier gibt mir den Rest: geduscht und wieder einigermaßen wohlriechend verkrieche ich mich im Schlafsack und weiß von nichts mehr.  

 

***

 

Trotz schlechter Vorbereitung: Riga ist für mich kein vollkommen weißer Fleck auf der Landkarte. Nicht ganz. Der Stiefvater meiner Mutter, hinterließ mir ein paar Fotos aus dem zweiten Weltkrieg, der ihn ins Baltikum verschlug. „Einmarsch ins völlig zerstörte Riga“ steht auf einem Foto. Ein weiteres zeigt einen bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsenen Toten, der in der Dünung der Ostsee treibt. „Leiche eines russischen Soldaten“ steht auf der Rückseite des Fotos. Mit diesen traurigen Bildern hat die Stadt, die sich uns am Morgen präsentiert, wahrhaftig nichts mehr zu tun. 2014 war Riga europäische Kulturhauptstadt, aber schon vorher floss viel Geld, um die Altstadt schön herzurichten. Die Häuser aus Mittelalter, Renaissance, Jugendstil und Gründerzeit zeigen frisch verputzte Fassaden in Zuckergussfarben.

„Die drei Brüder“ (das dritte Haus liegt etwas zurück und ist hier nicht zu sehen; zwei Straßenmusikanten standen davor und brachten eine Gruppe spanischer Touristen in Stimmung – siehe Video)

Wir schieben die Räder über holperiges Kopfsteinpflaster durch die feingemachte Altstadt und schwimmen mit im Touristenstrom, schlendern zwischen Kaffes, Souvenirsshops und der bunten „Buddy-Bären“ aus Berlin. Unter dem Motto „Tatzen hoch“ stellen die von Künstlern gestalteten Bären je ein UN-repräsentiertes Land dar. Die Bärenparade steht für Toleranz und Völkerverständigung und ist ein Geschenk Deutschlands zur Hundertjahrfeier Lettlands im November 2018. Die „United Buddy Bears“ tourten bereits auf fünf Kontinenten und haben Millionen Besucher erfreut. Alle Einnahmen der Ausstellung kommen wohltätigen Zwecken zugute.

***

Allmählich wird uns der Rummel zu viel. Wir radeln weiter über Prachtchausseen und besuchen wieder das Viertel um die Gertrudes iela. Kleine Läden, Menschen, die einen anlächeln. „Kann ich helfen“ – dieser Satz war in den letzten Tagen keine Selbstverständlichkeit. Im bettelarmen Livland sind wir oft auf ausweichendes Verhalten gestoßen. Die Sprachbarriere war hoch, nur junge Menschen sprechen englisch; mit zusammengestoppeltem Russisch kam man ebenso wenig weiter wie mit Deutsch. Deutsch war jahrhundertelang offizielle Sprache in Lettland; viele Inschriften an Häusern und Altären sind deutsch. Die Sprache wurde unter der sowjetischen Besetzung verboten – und ich erlebe zweimal, als ich alte Menschen auf Deutsch anspreche, dass sie ganz offensichtlich Angst bekommen. Ob ihnen das russische Verbot noch in den Knochen steckt, oder ob sie unter den Deutschen Fürchterliches erlebten, kann ich nicht sagen. Jedenfalls sind sie alt genug, um den zweiten Weltkrieg bewusst erlebt zu haben.

Und der Krieg holt uns weiter ein: Wir besuchen das Ghetto-Museum in der Maskavas iela. In den abgesperrten Bereich der Maskavas forstate (Moskauer Vorstadt) wurden zuerst alle lettischen Juden gebracht. 1941 musste das Ghetto „geräumt“ werden – um Platz zu schaffen für die Juden aus dem „Reich“,  als die Güterzüge begannen in Richtung Osten zu rollen. Was „geräumt“ bedeutet, wird mir knallhart erklärt: Innerhalb weniger Tage wurden in den Wäldern rund um Riga 27.500 Juden ermordet. Der erste Transport aus dem „Reich“ stammte übrigens aus meiner Heimatstadt Köln.

Mein Großonkel ließ sich damals von seiner jüdischen Ehefrau scheiden. Sie verschwand. Der Stiefvater meiner Mutter war damals  im Baltikum. Meine Mutter war knapp  5 Jahre alt und fragte sich, wer dieser fremde Mann in Uniform war, der manchmal kam und dann wieder lange fort war, Die Antwort blieb er ihr auch nach dem Krieg schuldig. Neben den Bildern von Ruinen und Zerstörungen brachte er Fotos mit von Kameradschaftsabenden und ähnlichen Vergnügungen. Das wars. Ein Leben geronnen in Anekdoten und Schweigen. Mir fällt ein, dass das lettische Wort für Wanderweg klingt wie „Marschrouta“.   Wir fahren durch die Straßen des ehemaligen Ghettos, durch die Moskauer Vorstadt, die geprägt ist von kleinen Holzhäusern und Miethäusern der Gründerzeit – ein Arbeiterviertel mit vielen mittelständischen Betrieben und kleinen Fabriken, die allerdings heute größtenteils verfallen.

im Hinterhof versteckt
es ist ein großer Aufwand die alten Holzhäuser zu erhalten

Ein eigenartig morbider Charme geht von diesem Stadtteil aus, dessen teilweise an grobgepflasterten Straßen liegen – wo man immer noch das Klappern von Pferdehufen und das Rollen von Kutschenrädern zu hören glaubt. Unübersehbar ist der Turm der „Akademie der Wissenschaften“ – ein Hochhaus im stalinistischen „Zuckerbäckerstil, sprich sowjetischem Klassizismus. Direkt daneben die Lutherkirche – der größte (sakrale)  Holzbau des Baltikums. Wir verbringen einige Zeit im Inneren dieser ebenso imposanten wie schlichten Kirche – angetan von der angenehmen Atmosphäre – und überrascht von der Akustik. Spricht oder singt man direkt unter der Kuppel, steht man in der Echo-Klangwolke der eigenen Stimme.

Ein weiteres Stadtviertel ist bekannt für seine schönen Holzhäuser, die sogar zum U/NESCO-Weltkulturerbe zählen. Im Kalnciema-Quartier stehen prächtige Gründerzeithäuser im städtischen Stil, deren Fassaden komplett aus Holz geschaffen wurden. Anfang der 2000er Jahre wurden einige der Häuser nach modernem Standard restauriert, und das Viertel ersteht allmählich wieder neu mit einem Bauernmarkt am Samstag, Förderung von Musik, regionaler Küche und Künstlern. Ein lohnenswerter Abstecher. 

dicht beieinander: unterschiedliche Epochen und unterschiedlicher Sanierungsaufwand

Apropos Märkte: Es gibt nicht nur den kleinen Samstags-Markt im Kalnciema Quartier. Märkte sind für die Bewohner Rigas übliche Einkaufsstätten. Supermärkte sind nämlich für den Durchschnittsverdiener viel zu teuer. Die riesigen, pittoresken Markthallen direkt hinter dem Hauptbahnhof bieten alles, was Herz und Magen begehren und mehr zufällig entdecken wir auch den Nachtmarkt auf den Straßen vor den Markthallen, wo Obst und Gemüse bis 23.00 Uhr angeboten werden. 

Übrigens – unsere Fahrradreise war ein Spendenlauf für Kinderprojekte in Bosnien. Mehr dazu findet Ihr auf betterplace und unter @HolidayChallenge2018 auf Facebook und Instagram

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier: www.ulrike-blatter.de

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

Eine Antwort auf „Riga auf zwei Rädern

  1. Vielen Dank für den tollen Einblick! Sofern die Reisevorbereitung bzgl Riga schlecht war, kann ich nur sagen, dass das mittlerweile gut aufgearbeitet wurde. Sehr viele interessante Einblicke, vielen Dank dafür! LG Antje

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