Ein Gruß aus der Stille

Ich weiß, viele von Euch warten auf Bilder und Berichte unserer langen Radreise. Seit zwei Wochen sind wir wieder daheim und ich sollte … so vieles.

Aber alles geht zurzeit langsamer. Ich funktioniere nicht „einfach so“. Das letzte halbe Jahr war eine spürbare Zäsur in meinem Leben: Drei Monate lebte ich zurückgezogen im Rahmen eines Schreibstipendiums im Schwarzwald – quasi mitten im Wald – und hatte nur meinen Hund als täglichen Begleiter. Danach ging ich gemeinsam mit meinem Herzensmenschen Joachim auf eine 2.700 Kilometer lange Radreise.

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Ich kehre verwandelt zurück und nun lasse ich es zu, dass mein innerer Rhythmus stärker als zuvor Leben und Schreiben bestimmt. Mal sehen, wie ich auf meiner Lesereise klarkomme, die Mitte Oktober beginnt – aber ich habe ja noch etwas Zeit zum Üben …

Ich beginne also die Reiseberichte von hinten, nämlich beim Ankommen.

Ankommen ist nämlich mehr, als einfach nur wieder zurück sein.

Das Gewohnte fühlt sich auf einmal fremd an – so musste ich mich erst einmal wieder an den stundenlangen Aufenthalt in geschlossenen Räumen gewöhnen. In andere Gewohnheiten plumpse ich wohlig hinein, wie in das sprichwörtlich gemachte Bett: nach sechs Wochen auf einer kaputten Isomatte war es purer Luxus mal wieder in einem Bett zu schlafen (in der ersten Woche habe ich sagenhafte 10 Stunden geschlafen, was ich sonst kaum jemals schaffe …). Auch an unsere bunten Gemüsepfannen gewöhne ich mich gern wieder – auf dem Campingplatz lässt sich so etwas nur eingeschränkt zubereiten. Das hier war eine der seltenen Ausnahmen (als es auf dem Campingplatz in Estland eine gut ausgestattete Küche gab).

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Im letzten halben Jahr waren meine Haushaltspflichten überschaubar: Es macht kaum Arbeit für lediglich eine Person zu kochen, zu waschen und einzukaufen. Auf der Radreise lebten wir von der Hand in den Mund, da wir immer nur unseren Tagesbedarf an Lebensmitteln dabeihatten. Aber auf einmal sind da wieder Kühl- und Gefrierschrak und das Regal mit Vorräten. Die Äste unserer Apfelbäume biegen sich unter ihrer Last. Marmelademachen ist angesagt. Mein Sauerteig, der lange eingefroren war, erwacht zu neuem Leben. Ich backe Brot. Die Küche wird schmutzig. Der Wäscheberg wächst. Auf einmal greift der Alltag mit Riesenhänden nach uns. Aber ich will doch schreiben!

Nix da, sagt mein innerer Rhythmus und zwingt mich zur Verzettelung. Und zwar wortwörtlich: mein Schreibtisch quillt über von Zetteln. Gedankensplitter. To-do-Listen. Und ein paar Rechnungen müssen auch noch gezahlt werden …

Ich schreibe. Kurzes. Meist online. Man sagt mir nach schlagfertig zu sein. Aber auf einmal hinterlässt das Wort einen miesen Nachgeschmack: Schlag. Fertig. Ich gehe in den Garten. Greife in die Erde. Das tut mir gut.

Die Luft riecht hier anders und erscheint mir seltsam unbewegt. Der Fahrtwind fehlt mir. Ich nehme das Fahrrad zum Einkaufen. Wie leicht es ist, ohne die fast 20 Kilo Gepäck! Ich fliege förmlich dahin. Aber sechs Kilometer, was ist das schon? Wochenlang bin ich im Schnitt 90 Kilometer pro Tag gefahren.

Meine Mentees warten auf mich. Viele Dinge sind zu klären: Sprachkurse, Visa-Angelegenheiten, Wohnungssuche. Eine Lesung ist zu organisieren. Ich funktioniere. Es macht sogar Spaß. Aber die vielen Stimmen sind mir fast zu viel. Ich ziehe mich immer wieder zurück.

Ich brauche diese Momente der Stille. In meinen Tagesablauf habe ich Pausen eingebaut, in denen ich kurz meditiere. Es ist wie ein Aufatmen. Auch wenn im Moment alles langsamer geht, bleibt seltsamerweise nichts liegen. Jedenfalls nichts, was nicht auch Zeit hätte bis morgen. Das fühlt sich gut an.

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Nun blättere ich in meinem neuen Buch, das druckfrisch vor mir liegt. Zwanzig Jahre habe ich mich mit dem Thema Kriegskindheit beschäftigt, habe Zeitzeugen interviewt und immer weiter an diesem Roman gearbeitet. Auch dieses Buch ist langsam entstanden, im eigenen Rhythmus. Ich dachte, ich werde verrückt vor Freude, wenn es endlich erscheint. Aber nun bleibt es still in mir. Es ist nicht dieses Schweigen, das „meine“ Kriegskinder über Jahrzehnte quälte – dieses Schweigen, das durch Tabus und anerzogene Sprachlosigkeit entsteht. Es ist eine gute, nahrhafte Stille, da die Dinge nun endlich benannt und ausgesprochen sind. Gespräche und Diskussionen werden folgen. Aber jetzt ist erst einmal Ruhe. So steckt auch in diesem Buch ein großes Stück „Ankommen“. Vieles, was zwischen diese Buchdeckel gepackt wurde, hat mich zutiefst geprägt. Jetzt kann ich es loslassen. Und bin mir dennoch meiner Wurzeln bewusst.

In mir ist es still. Und zwar wortwörtlich: Nach einer Reihe traumatischer und zutiefst verstörender Ereignisse plagte mich seit einigen Jahren ein andauernder Tinnitus. Ich hatte noch Glück im Unglück, denn mein Tinnitus hatte eine „angenehme“ Frequenz. Etwa so wie Regenrauschen oder Wellenschlag am Meer. Nachts wachte ich manchmal auf und lauschte dem Regen, um am Morgen verwundert festzustellen, dass draußen alles trocken war. Ich habe meinen Tinnitus nie bekämpft, sondern mich bemüht, ihn ins Leben zu integrieren. Seit zwei Wochen ist er komplett verschwunden.

Ich habe fast den Eindruck, dass ich nicht nur von einer langen Reise zurückgekehrt bin, sondern in einem neuen Lebensabschnitt ankomme. Mal sehen, wohin diese Reise mich führen wird.

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Übrigens – unsere Fahrradreise war ein Spendenlauf für Kinderprojekte in Bosnien. Mehr dazu – und das Bilderbuch unserer Fahrradreise findet Ihr  unter @HolidayChallenge2018 auf Facebook und Instagram

 

 

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

3 Antworten auf „Über die Kunst des Ankommens

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