Holiday Challenge 2018 – die Anreise

Der Start unserer Reise fühlt sich an wie ein Pauschalurlaub: Als Erstes schippern wir mit der Fähre von Travemünde nach Helsinki – mit bescheidenem Komfort, da wir keine Kabine gebucht haben. Allerdings müssen wir die zwei Nächte nicht in den Folterstühlen verbringen, die euphemistisch als „Liegesessel“ bezeichnet werden. Mit Schlafsack und Isomatte sind wir autark und liegen bequem. Außerdem finden wir einen abgelegenen Ruheraum, den wir zwei Nächte lang für uns allein haben. Tagsüber entspannen wir an Deck und nutzen fleißig die bordeigene Sauna.

1.etappe1a

 

In Helsinki staunen wir, wie weit die Häfen voneinander entfernt sind. Etwa 20 Kilometer radeln wir, bis wir den Fährterminal nach Estland erreicht haben. Die Strecke führt uns quer durch die größte Stadt Finnlands, was wir zu einem ausführlichen Bummel nutzen wollen – aber zuerst einmal wird die Orientierung zu einer echten Herausforderung: Die Richtung stimmt zwar, aber die Strecke führt entlang großer, grauer Straßen. Viel Verkehr. Es ist laut und unangenehm. Gemeinsam mit Aaron, den wir auf dem Schiff getroffen haben, suchen nach Wegweisern zum Hafen – und nach Radwegen.

Es gibt viele Schilder. Aber leider sind alle in finnischer Sprache beschriftet, die als eine der schwierigsten der Welt gilt. Jedenfalls überfordern die eigenwilligen Kombinationen aus Vokalen und Konsonantenreihungen unsere leicht seegangsvernebelten Hirne komplett. Außerdem hatten wir noch keinen Kaffee …

1.etappe9c
Bereits am Hafen werden wir mit einem Stadtplan versorgt.

Wir fragen nach dem Weg, und erhalten jedes Mal freundlich Auskunft. Aber nicht nur das. So ganz beiläufig bekommen wir eine Ahnung davon, warum die Finnen im aktuellen „Weltglücksbericht“ der Vereinten Nationen als das glücklichste Volk der Welt abschneiden; es muss etwas mit der grundsätzlichen Einstellung zu tun haben. Die Leute machen sich nämlich Gedanken. Und zwar spezielle. Mehrfach erleben wir die folgende Situation. Gerunzelte Stirn, gehobene Augenbrauen. Der gestreckte Zeigefinger wandert in die eine Richtung. „Wenn ihr dort fahrt, ist es am kürzesten.“ Dann beschreibt der Zeigefinger einen Bogen: „Aber wenn ihr dort fahrt, ist es schöner!“ – Wir fragen mehrfach. Und immer wird nach einigem Überlegen die jeweils schönste Strecke für uns ausgewählt. So radeln wir entspannt durch Parkanlagen und entlang kleiner Flüsse hinein nach Helsinki. Und sind glücklich.

Wir lernen Aaron etwas besser kennen. Neben zwei Packtaschen hat er sein Fahrrad mit Decken und Bündeln beladen, die auf einer Plastik-Obstkiste festgeschnallt wurden. Auch ein Paar Gummistiefel gehört zur Ausrüstung. Er habe es nicht so mit dem Konsumterror – die Ausrüstung sei zusammengeliehen oder wurde ihm geschenkt. Das gilt auch für das Fahrrad, an dem so einiges klappert und schleift. Wohin die Reise geht? Er hat eine ungefähre Vorstellung und viel Zeit. Mal sehen. Ich erinnere mich an meine erste wochenlange Radreise zu Studentenzeiten. Da sah meine Ausrüstung ganz ähnlich aus. Aaron mit seinem konsequenten Konsumverzicht imponiert mir. Leider verlieren wir ihn an der ersten Fahrradwerkstatt am Stadtrand von Helsinki, da sein Gepäckträger wackelt und er noch weitere Ersatzteile kaufen will. Wir werden in den folgenden Wochen noch ein paarmal an Aaron denken – denn auf schlechten Straßen haben auch wir mit lockeren Schrauben und Gepäck zu kämpfen, das sich selbstständig machen will. Aber noch sind wir mitten in Helsinki. Zweites Frühstück in einem Straßencafé, Bummel über Flohmarkt, Markthalle und steile Straßen.

Wir lassen uns treiben und fahren gemütlich weiter bis zum Fährterminal. „Sind ja nur 90 Kilometer bis Estland“, sagt Joachim. „Das Schiff wird schon nicht so groß sein.“ Wie man sich täuschen kann …

Die Nachtfähre nach Tallinn wird zu einer Erfahrung der ganz besonderen Art: Bei der Buchung hatten wir uns gewundert, dass die Passage samt Kabine so unglaublich günstig war, aber an Bord wird klar, warum: Die Fahrt dauert gerade einmal zwei Stunden, aber kaum haben wir internationales Gewässer erreicht, wird klar, womit auf diesem Schiff wirklich Geld verdient wird: Alle Finnen stürmen die Einkaufsmeilen auf den Decks, und das Schiff präsentiert sich als riesiger schwimmender Duty-free-Shop. Als wir bereits um 21.00 Uhr im Hafen von Tallinn festmachen, geht die Party erst so richtig los. Die Nacht ist hell und die billig eingekauften Alkoholvorräte müssen vernichtet werden. In den Restaurants biegen sich die Buffets, diverse Shows werden geboten und wir legen zuerst in Flip-Flops, dann barfuß eine kesse Sohle aufs Parkett. Wem der Alkohol zu Kopf gestiegen ist, der kann die Promille in mehreren Saunen ausschwitzen, und in diversen Whirlpools blubbern ganze Familien glücklich vor sich hin – ach ja, Kinderbetreuung gibt es auch an Bord. Diese Fähre ist das reinste Kurzurlaub-Wunderland. Für uns, die wir es mit Pauschal- und Ballermann-Tourismus nicht so haben, eine interessante Erfahrung. Fast schon ein Ausflug in eine andere Welt … Welchen Anteil solche Reisen am finnischen Glücks-Barometerstand haben, kann ich nicht beurteilen, aber ich habe so meine Vermutungen. Denn Alkohol ist in Finnland exorbitant teuer…

Irgendwann überlassen wir die Finnen ihren Glücksgefühlen und gehen schlafen. Tallinn liegt zum Greifen nah. Aber ausgeschifft wird erst morgen ab 9.00 Uhr. Wir werden so ziemlich die ersten sein, die das Schiff verlassen. Und wahrscheinlich einige der wenigen ohne Kopfschmerzen.

challenge2018

Übrigens – unsere Fahrradreise war ein Spendenlauf für Kinderprojekte in Bosnien. Mehr dazu – und das Bilderbuch unserer Fahrradreise findet Ihr  unter @HolidayChallenge2018 auf Facebook und Instagram

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier: www.ulrike-blatter.de

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

Eine Antwort auf „Von Helsinki nach Tallinn – alles so schön laut hier

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s