Runter vom Schiff. Rein in die morgenfrische Stadt, die uns sehr überschaubar, hell und skandinavisch erscheint. Unser Quartier befindet sich nicht weit entfernt vom Hafen im quirligen Stadtteil Kalamaja; und man muss nicht lange raten, warum dieses Wort übersetzt „Fischhaus“ bedeutet.

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Kalamaja – Szeneviertel mit Tradition

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Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts eine Eisenbahnlinie zwischen St. Petersburg und Tallinn gebaut wurde, kam es im traditionellen Hafenviertel zu einem rasanten Industriewachstum. Neben riesigen Fabrikhallen entstanden vor allem die typischen Arbeiterhäuser, die das Viertel auch heute noch prägen: mehrstöckige Holzhäuser, deren zwei Flügel in der Mitte durch ein steinernes Treppenhaus verbunden sind. Über 500 dieser mittlerweile denkmalgeschützten Häuser gibt es in Kalamaja – auch wir sind in einem solchen Gebäude untergebracht.

Hunger! Wir sind zu früh … während wir auf den Schlüssel warten, improvisieren wir ein Frühstück.
Fahrrad-Parkplatz in historischem Gemäuer
wunderschöne Holzhäuser

In hübsch renovierten Zimmern und auf gemütlich knarrenden Holzböden richten wir uns hier für zwei Tage ein. Nebenan singt jemand. Unter der Dusche? Irgendwo in der Nachbarschaft probt ein Chor. Ein Hund heult leise, wie zur Probe, verstummt.

Und die Musik wird uns begleiten … Kalamaja wirkt auf Künstler und junge Menschen wie ein Magnet. In den ehemaligen Fabrikgebäuden hat sich eine kreative Szene etabliert. Es sind nur wenige Minuten bis zu Telliskivi Creative City, wo sich Restaurants, Cafés, Galerien, ein riesiger Flohmarkt und kleine Theaterbühnen finden. Sogar ein original Eisenbahnwaggon der Strecke Moskau – Tallinn steht dort – jetzt, am Vormittag, ist er geschlossen. Abends öffnet er seine Türen und verwandelt sich in den angesagten Nachtklub Peatus.

es gibt nichts, was …
… es hier nicht gibt!
traditionelles Handwerk wird hier gut behütet
Nachtclub im Waggon

Riesige futuristisch wirkende Markthallen schließen sich an: Der Markt am Baltischen Bahnhof (Balti Jaama Turg) bietet regionale Erzeugnisse, Streetfood, eine eigene Brauerei und gehobene Restaurants. In kulinarischer Hinsicht bleiben keine Wünsche offen. Hier geht man einkaufen, hier verabredet man sich – der Markt ist ein Treffpunkt für alle.

unser Plakat zur Spendenaktion …
… führt zu Fragen und Diskussionen

Nicht nur auf dem Markt – auch beim Bauen wird auf die Verwendung regionaler Produkte geachtet. So wird auch bei Neubauten das Thema Holz auf moderne Art und Weise aufgenommen und umgesetzt. Selbst in einer Unterführung finden wir Lampen, die aus Bäumen „wachsen“.

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Die Altstadt

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Überquert man die Bahnlinie, betritt man eine andere Welt. Die Stadtmauer mit ihren Märchentürmen sieht aus, als ob dort Rapunzel ihr Versteck hätte. Die Räder lassen wir stehen, denn auf kopfsteingepflasterten Straßen kommt man zu Fuß besser voran. Wir erfahren, dass es zwei Typen von Kopfsteinpflaster gibt: Ein ordentlich verlegtes mit relativ glatter Oberfläche und „wild“ verlegte Straßen, auf denen man ganz schön ins Stolpern kommen kann. Diese holprigen Straßen haben eine besondere Entstehungsgeschichte: Im Mittelalter mussten Bauern, die ihre Waren auf dem Markt von Tallinn anbieten wollten, eine Art Infrastruktur-Abgabe zahlen: In Form von Wackersteinen, die sie von heimischen Feldern in die Stadt karrten. Peu à peu wurden mit diesen Steinen die Straßen gepflastert – und da oft nichts so richtig zusammenpasste, wurden daraus die „schlechten“ Straßen, wie uns ein Einheimischer erklärte. Auch die „gute“ Straßen haben eine Geschichte: Ihre Pflastersteine stammen aus Helsinki – als Reparationsleistung der Finnen nach dem Nordischen Krieg…

gute Straßen …
schlechte Straßen

Tallinn war eine Hansestadt und der Reichtum ihrer Bewohner zeigt sich in prächtigen Giebelhäusern und in einer selbstbewussten, großzügigen Stadtarchitektur. Alles ist sauber und liebevoll restauriert. Den Charme der Stadt machen aber auch die versteckten Gässchen, Hinterhöfe und kleinen Gärten aus; bei einem Gang über die Stadtmauer haben Schwindelfreie hier einen schönen Überblick.

Die Schwarzhäuptergilde setzte sich aus unverheirateten deutschen Kaufleuten zusammen. Hier das Gildehaus mit dem prächtigen Renaissanceportal (hinter dem wahrscheinlich Partys wie im Peatus gefeiert wurden).

Wir betrachten eines der pastellfarbenen Stadthäuser genauer. Erst auf den zweiten Blick fallen die zugemauerten Kellerfenster auf. Dort befanden sich die Verhörräume und Folterkeller des KGB. Mit dem Abstieg in dieses Untergeschoss begeben wir uns in eine andere Welt. Nordisches Licht wechselt zu düsterer Dauerdämmerung. Der Blick, der gerade eben noch übers Meer bis zum Horizont ging, reibt sich nun schmerzhaft an feuchten, grob verputzten Wänden und verengt sich angstvoll beim Blick durch den Türspion in eine der berüchtigten Stehzellen.

Es ist wie ein Aufatmen, als wir wieder hinaus auf die Straße treten und uns im bunten Treiben auf dem Rathausplatz verlieren. Das Rathaus ist übrigens das einzige gotische Rathaus im Baltikum, das noch komplett erhalten ist.

mitten auf dem Rathausplatz wurden früher Menschen hingerichtet. Daran erinnert diese Steinplatte. Es geht die Geschichte, dass vor Weihnachten die estnischen Junggesellen der Schwarzhäupter-Gilde dort einen Tannenbaum aufstellten, so dass über die Feiertage niemand dort zu Schaden kam. Angeblich sei dadurch die Weihnachtsbaumtradition in Europa begründet worden.

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Kunst verändert die Welt

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„Europa cantat! – Europa singt!“, lesen wir auf Plakaten – das berühmte Sängerfest startet just heute mit einem offenen Singen – und wir kommen einfach nicht mehr weg. Wir wussten gar nicht, dass wir Zulu können – aber mit Musik geht alles, wie uns die südafrikanische Vorsängerin mühelos beweist. Danach wird es ausgelassen: ein holländischer Chor animiert den halben Platz zur Polonaise.

Auf unserer Tour werden wir auch noch die „Sängerwiese“ besuchen, wo sich die Esten ihre Unabhängigkeit buchstäblich ersangen. Dort wurde der Begriff der „singenden Revolution“ geprägt – eine Bewegung, die alle drei baltischen Staaten erfasste und am 23. August  1989 zu einer mehr als 600 Kilometer langen Menschenkette durch Estland, Lettland und Litauen führte – mehr als zwei Millionen Menschen, die sich für eine Viertelstunde schweigend die Hände reichten, um gegen Gewaltherrschaft und Unfreiheit zu demonstrieren. Ganz unblutig verlief dieser Kampf um Unabhängigkeit nicht, und es sollte noch einige Jahre dauern, bis sich die Verhältnisse stabilisierten, aber die Botschaft ist unglaublich stark: Kunst kann tatsächlich die Welt verändern.

Unsere Fahrräder stehen vor der riesigen Konzertmuschel auf der Sängerwiese

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Jahrhundertmondfinsternis und Oberstadt

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Abends steigen wir die steilen Steinstufen hinauf zur Oberstadt Toompea . Dort stand nicht nur in alten Zeiten eine Festung und später ein Schloss – auch heute noch ist die Oberstadt Regierungssitz und es finden sich dort zahlreiche diplomatische Vertretungen. Der Domberg überragt die mittelalterliche Unterstadt um 48 Meter und bietet einen wunderbaren Ausblick über die Dachlandschaft bis weit hinaus zum Hafen und aufs Meer. Wir suchen jedoch etwas anderes: eine Jahrhundert-Mondfinsternis ist heute angekündigt – aber es will einfach nicht dunkel werden. Es sind zwar nicht die berühmten weißen Nächte, aber lange nach Sonnenuntergang strahlt der Himmel über uns immer noch in irritierender Helligkeit. Der angekündigte Blutmond erscheint deshalb stark anämisch: Wir beobachten wie eine roa schimmernde Mondsichel allmählich schmaler wird und im Dunst verschwindet. Dafür sind manche Bäume beleuchtet. Wir bummeln bis Mitternacht. Party überall. Musik wummert wie in einer Echokammer. Das Festival geht weiter … unsere Reise auch.

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Weitere Sehenswürdigkeiten und Ausflugstipps:

Zum Beispiel Kadriorg (Katharinenberg): ein Kleinod von Schloss mit einem riesigen Park, der zu Ausflügen einlädt. Besonders sehenswert: der japanische Garten.

DSC08065

Im Park findet sich das KUMU (auf estnisch Abkürzung für Kunstimuuseum); es wurde 2006 eingeweiht, ist eines der größten Museen in Nordeuropa und wurde 2008 zum europäischen Museum des Jahres gewählt.

Leider war das Museum geschlossen, als wir dort ankamen – und es regnete wie aus Kübeln …

Besonders für Kinder dürfte das Museum am Wasserflughafen interessant sein.

Eine wahre Fundgrube für Ausflugsideen bietet die Seite https://www.visittallinn.ee/ger

Neben dem Sängerfestival gibt es eigentlich das ganze Jahr über Festivals und besondere Anlässe – uns hätte z.B. das Streetfoodfestival interessiert 😉

Und wer immer noch nicht genug gesehen hat … der geht auf Katzen-Suche:

Übrigens – unsere Fahrradreise war ein Spendenlauf für Kinderprojekte in Bosnien. Mehr dazu – und das Bilderbuch unserer Fahrradreise findet Ihr  unter @HolidayChallenge2018 auf Facebook und Instagram

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier: www.ulrike-blatter.de

 

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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