Bei Mörderhitze von Tallinn bis Pärnu (29.07. – 31.07.2018)

Wenn ich an die Straßen Estlands zurückdenke, steigt mir ein leichter Teergeruch in die Nase. Denn bei 35 Grad Celsius (oder mehr …) kamen nicht nur wir ins Schwitzen. Auch der Straßenbelag (sofern vorhanden) köchelte leise vor sich hin.

 

Übersicht
Die Route orientierte sich am Eurovelo-Radweg 10. Nur die Inseln haben wir ausgelassen.
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… die manchmal abrupt endeten.
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Super Beschilderung und meistens Klasse ausgebaute Radwege …

Der Eurovelo 10-Radweg führt entlang der estnischen Küste und durchs Landesinnere. In den kleinen Dörfern mit ihren malerischen Holzhäusern fühlten wir uns wie in Bullerbü. Aber auch viele Stadthäuser sind urgemütliche Holzbauten.

Manchmal radelten wir auch stundenlang, ohne einer Menschenseele zu begegnen. In den riesigen Wäldern gäbe es Bären und Wölfe, hatte man uns gesagt. Auf Straßenschildern wurde vor Elchen gewarnt, die unvermutet die Fahrbahn queren.

Elche gab es nur auf Schildern. Leider nicht „in echt“.
Dafür begegnete uns in Haapsalu ein Prachtexemplar des seltenen „Ostsee-Eisbärs“ – das holzgeschnitzte Original aus den Zwanziger Jahren ist verbrannt und wurde durch pflegeleichten Kunststoff ersetzt.

Dieses einsame Estland nannten wir insgeheim „Klein-Kanada“ – und trafen wenig später ein kanadisches Pärchen, das über unsere Idee von Größe und Einsamkeit in der Wildnis nur milde lächeln konnte … Die beiden begegneten uns in den nächsten Tagen immer wieder. Mal lagen wir vorn, mal wurden wir fröhlich winkend überholt. So radelte jeder in seinem eigenen Tempo – und trotzdem verbrachten wir die Pausen immer wieder mal gemeinsam.

 

Hinter Pärnu holten uns zwei Österreicher ein. Mit schmalem Gepäck waren sie an einem Tag von Tallinn aus durchgeradelt, wofür wir drei Tage gebraucht hatten. Natürlich hatten sie nicht den „Umweg“ entlang der Küste genommen, sondern die Schnellstraße über das Landesinnere. Während wir in den letzten Tagen die Einsamkeit ausgekostet hatten, beschwerten sich die beiden über den dichten LKW-Verkehr. Außerdem sei es im Landesinneren unerträglich heiß. Wir hatten immer wieder mal frischen Seewind genossen … Nein, für eine gemeinsame Pause sei keine Zeit. „Wir müssen weiter“, beschieden sie uns und schwangen sich wieder in die Sättel. Spaßeshalber haben wir sie nach unserer Kaffeepause nochmal eingeholt (wenn man uns beim Ehrgeiz packt, können wir sogar mal richtig schnell werden) … aber dann kehrten wir wieder zurück zum Genussradeln. Zum Rumhetzen war die Gegend nämlich einfach viel zu schön – und das Wetter zu heiß. Deshalb gönnten wir uns längere Mittagspausen. Zum Beispiel hier im Café „Kosmos“ mit echt russischem Space-Ambiente. Was aber fast noch schöner war: der (selbstverständlich menschenleere) Strand – mit Tausenden von Schmetterlingen, die uns als Start- und Landerampe benutzten:

 

Unbenannt

Schon kurz hinter Tallinn fiel uns ein offenbar typisch estnisches Hobby auf: Briefkästen gestalten. Die Gehöfte liegen oft weit verstreut im dünnbesiedelten Gebiet. Die Briefkästen stehen direkt an der Landstraße und mehr als einmal sahen wir ein altes Mütterchen, beim Postholen – offenbar ein probates Fitnessprogramm für Senioren, denn die Wege vom Haus bis zum Briefkasten sind lang.

Hier unsere estnische Briefkastengalerie:

 

Aber Spaß beiseite … nachdem unsere Wasservorräte wieder mal zur Neige gegangen waren und kein Laden in Sicht war, füllte uns eine freundliche Frau unseren Wasservorrat wieder auf, und wir fuhren grübelnd weiter. Wie (über)leben alte Menschen in diesem dünnbesiedelten Land? Wie kaufen sie ein? Wie sieht es mit ärztlicher Versorgung aus? Für alte Menschen, schwangere Frauen und Familien mit schulpflichtigen Kindern können romantisch abgelegne Gehöfte nämlich zu einer echten Herausforderung werden.

Hier die estnischen Lösungsansätze:

1. Fahrende Geschäfte und rollende Bibliotheken – neben den Bücherbussen gabe es übrigens überall, auch im kleinsten Nest, Leihbüchereien.

  1. Die Digitalisierung: Estland sieht sich mit einem gewissem Grundoptimismus als Schrittmacher der Moderne in Nordost-Europa – und dies nicht ganz zu Unrecht. wobei der estnische Weg eher skandinavisch als russisch-slawisch  geprägt ist, aber die Wirtschaft deutlich liberaler gehandhabt wird, als bei den nördlichen Nachbarn.So gilt Estland als Vorreiter der digitalen Entwicklung in allen nur denkbaren Lebensbereichen.
    Kabelsalat? Sieht primitiv aus, aber auch in der Provinz ist man überall mühelos online erreichbar.

    Esten können ihre Steuererklärung online einreichen, Unternehmen werden online registriert und können z.B. auch ihre Zollerklärung so abgeben. Wartezeiten in Ämtern gibt es nicht mehr, da die Kommunikation mit allen Behörden online abläuft. Ausländer können eine sogenannte E-Resindecy beantragen, also eine Art virtueller Staatsbürgerschaft, die zwar kein Wahlrecht gewährt, aber ebenfalls den Zugriff auf umfassende Online-Services ermöglicht. PatientInnen haben online Zugriff auf ihre Gesundheitsakte und die virtuelle Arztvisitie bzw. medizinische Beratung ersetzt zwar nicht die Blinddarmoperation, kann aber in vielen medizinischen Alltagsfragen weiterhelfen, wenn der Weg zur nächsten Praxis weit ist. So viel Euphorie für die Digitalisierung des Lebens hat Gründe: einerseits die dünne Peronaldecke bei einer geringen Bevölkerungszahl, die eine effiziente Handhabung behördlicher Vorgänge erzwang. Andererseits besteht offenbar ein großes Vertrauen zur Regierung, die als transparent und seriös empfunden wird. Ein möglicher Missbrauch der elktronischen Daten macht den Esten viel weniger Sorgen als ein Rückfall in das alte sowjetische System mit überbordender Bürokratie und langen Warteschlangen.

  2. Der öffentliche Personenverkehr (von Personen-Nah-Verkehr wage ich bei den dort üblichen Distanzen kaum zu sprechen): Der Personentransport ist in einem dünn besiedelten Land eine echte Herausforderung. Estland besizt zwar (noch) ca. 1200 Kilometer Schienenetz. Die Züge werden aber hauptsächlich für den Güterverkehr eingesetzt. In Haapsalu konnten wir einige historische Lokomotiven bestaunen.IMG_20180730_101541IMG_20180730_101659IMG_20180730_102324IMG_20180730_102729Der wunderschöne Holz-Bahnhof ist sogar noch in Betrieb – allerdings fahren heutzutage von dort nur noch Busse ab. Und der Busverkehr ist tatsächlich eine der Hauptschlagadern des Personentransportes in Estland. Entsprechend individuell und liebevoll sind die Wartehäuschen gestaltet, die wir nicht müde wurden zu fotografieren. Hier unsere Galerie estnischer Bushaltestellen:

    So fanden wir auch bei Rekordhitze genügend Schattenplätze, falls der Wasservorrat wieder mal zur Neige ging. Irgendwann kauften wir einen 5-Liter-Kanister und achteten peinlich genau darauf, dass dieser immer gut gefüllt war. Bei Tagestemperaturen um die 35 ° Celsius und Tagesetappen um die 100 Kilometer war unser Wasserverbrauch nämlich immens ….

 

Um das zu schaffen, waren Pausen wichtig. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich regeneriert, aber es gab ein paar ganz besondere Oasen, die uns immer wieder erfreuten: Kaupland oder Kauphaus hießen die kleinen Dorfläden, in denen es alles gibt, was man braucht. (Und wenn es etwas dort nicht gibt, dann braucht man es eben nicht).

 

In diesen Tante-Emma-Konsumtempeln fanden wir von Vollkornnudeln über Mohnschnecken bis zum weltbesten Kaffee alles, was das RadfahrerLeben zum irdischen Paradies macht … während andere „Tempel“ leer standen: Die Kirchen Estlands sind zwar wunderschön renoviert, aber über 70 % der Bevölkerung sagen von sich, dass sie keinerlei religiöse Bindung haben.

 

13 % der Bevölkerung sind russisch-orthodoxe, 10 % evangelisch-lutherisch und die katholische Kirche ist die kleinste Europas: mit nur 6.500 Gläubigen. Der Staat verhält sich neutral zu allen religiösen Bekenntnissen. Finanzielle Unterstützung für die Gemeinden gibt es nicht. Das Osterfest wird als Frühlingsfest gefeiert und der Weihnachtsmarkt in Tallinn floriert auch ohne christlichen Hintergrund. Der lockere Umgang mit dem Thema Religion scheint niemandem zu schaden. Vor dem Hintergrund religiös-nationalistischer Grabenkämpfe, die ja wieder „modern“ geworden sind, erscheint uns der estnische Weg wie ein einziges Aufatmen …

Zum Aufatmen gehört im estnischen Alltag zwingend die Sauna dazu – fast jedes Haus hat eine. Auf dem Campingplatz in Haapsalu wird sie schon um neun Uhr morgens angeworfen und vor dem Campingplatz in Pärnu ankert sogar ein Saunaboot.

 

Überall werden wir freundlich begrüßt. Leider sind Gespäche schwierig, wenn unser Gegenüber kein Englisch kann … das estnische Idiom gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie ist also ein Mittelding zwischen Ungarisch und Finnisch – und dürfte damit zu den eher schwierigen Sprachen gehören. So viele äääs und üüüs und ööös, wie die Esten in ihren Worten unterbringen, sind mir noch nie begegenet. Wie wohl die Buchstabensätze des estnischen Scrabble-Spiels aussehen? Einmal versuche ich es bei einem uralten Mann mit der deutschen Sprache – und erschrecke, als ich seinen angstvollen Gesichtsausdruck sehe. Ob er als Kind unter der deutschen Besatzung schlechte Erfahrungen gemacht hat? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war Deutsch unter der russischen Regierung für Jahrzehnte strikt verboten – vielleicht auch eine Erklärung für das Verhalten des Mannes.

Ebenfalls alte Relikte sind die Bunkeranlagen vor wirklich jedem Haus. Eine estnische Freundin schickt uns noch weitere Beispiele. Diese Bunker, die eher Erdwällen ähneln, waren zu Zeiten des Kalten Kriegs Pflicht. Später versuchten die Menschen sie auch anderweitig zu nutzen – als Keller oder Abstellkammern. In ihere flächendeckenden Präsenz sind sie jedoch ein Mahnmal gegen Krieg und Aufrüstung.

 

Von Feindschaft und Ressentiments spüren wir nichts. Auf den Campinplätzen werden wir geradezu liebevoll umsorgt: in Hanila dürfen wir bleiben, obwohl der Platz, auf dem wir landen, eigentlich gar nicht öffentlich ist, sondern nur ein Jugendcamp. Da es keinen „Kaupladen“ weit und breit gibt, versorgen uns die Betreuer mit Tomaten und Zwiebeln, Pfeffer und Salz – damit wir eine Soße zu den obligatorischen Nudeln kochen können.

 

Und in Pärnu stellt uns der russische Campingplatzbesitzer rasch einen Wäscheständer vors Zelt, als er uns waschen sieht.

 

 

Von Pärnu aus ist es nicht mehr weit bis zur lettischen Grenze. So groß kann der Unterschied zwischen den Ländern doch nicht sein, denken wir. Und werden uns noch wundern …

Übrigens – unsere Fahrradreise war ein Spendenlauf für Kinderprojekte in Bosnien. Mehr dazu – und das Bilderbuch unserer Fahrradreise findet Ihr  unter @HolidayChallenge2018 auf Facebook und Instagram

challenge2018

Weiterlesen? Meine Bücher findet Ihr hier: www.ulrike-blatter.de

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

Eine Antwort auf „So hot! – So cool! Der estnische Weg

  1. Ein schöner und treffender Bericht zu einer schönen Tour. Gut daß Ihr Euch für den „Umweg“ entschieden habt, so lernt man Land und Leute kennen. Eine ganz ähnliche Route hatte ich 2017 – inklusive der Inseln. Die kann ich Euch sehr empfehlen. Wenn das Baltikum etwas mystisches hat, dann wirklich auf Saaremaa und Hiumaa. Zu Fuß. Schaut auch auf http://abenteuerbaltikum.com Der Estnische Teil war im letzten Jahr im Juli – das sind die Geschichten 060 bis 95 etwa. Lieber Gruß und allzeit genug Luft in Schlauch, Guido

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