Ein Weckruf!

Unter dem Titel Senioren werden „eingeschläfert“ hat der SWR einen Spot zum Thema Beruhigungsmittel im Altersheim veröffentlicht. Der Film ist ca. anderthalb Minuten lang, gibt Anstöße, ist aber viel zu kurz, um der Komplexität des Themas auch nur annähernd gerecht zu werden. Durch „Skandalisieren“ bleibt ein dumpfes Gefühl von Wut und Hilflosigkeit, und das führt zu nichts (Gutem). Ich habe viele Jahre als Ärztin gearbeitet (unter anderem auch im Suchtbereich). Sucht im Alter ist ein sehr wichtiges aber leider wenig beachtetes Thema. In diesem Text versuche ich das mal  (kurz 😉) unter verschiedenen Gesichtspunkten aufzudröseln. Die Lesezeit ist etwa genauso lang wie es dauert, den Film anzuschauen (Link zum Film).

1. Es geht um Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine. Valium ist wohl der bekannteste Vertreter, wurde in den 1950ern erfunden und ist seit 1960 auf dem Markt. Als „Sonnenbrille für die Seele“ oder „Mother’s little helpers“ wurden diese Medikamente von den Ärzten relativ großzügig und unkritisch unters Volk gebracht. Es waren Lifestyle-Pillen bzw. Medikamente, die halfen im Alltag besser (?!) das heißt angepasster zu funktionieren. Das Suchtpotential wurde unterschätzt, kleingeredet und sogar aktiv verschleiert – vor allem von der Pharmaindustrie. Ein Benzodiazepin-Entzug ist schwierig und nicht ganz ungefährlich. Auch das ist nur wenigen bewusst. Nach Schätzungen (Uni Bremen) sind mindestens 1,2 Millionen Menschen in Deutschland abhängig von Benzodiazepinen.

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Ich habe in den Neunzigern im Kosovo traumatisierte Frauen kennengelernt, denen in Flüchtlingslagern Benzodiazepine wahlweise (und wahllos) als Schmerzmittel oder Schlafmittel verordnet wurden. Die Frauen wussten nicht, was sie schluckten. Viele wurden süchtig. Einige stiegen auf illegale Drogen um. Das bringt mich zu den beiden nächsten Punkten: Krieg und Frauen.

2. Die Menschen, um die es bei dieser Diskussion geht, gehören zur Generation der sog. Kriegskinder. Viele von ihnen leiden noch heute unter kriegsbedingtem posttraumatischen Problemen. Viele, ohne den Grund ihrer Beschwerden zu kennen, oder darüber zu sprechen. Das ist ein Grund dafür, dass in dieser Generation der Gebrauch von Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Diazepine schon seit Jahrzehnten ein großes Problem ist – und ein ebenso großes Tabu.

Sehr verbreitet ist auch ein sogenannter Mischkonsum mit Alkohol. Benzodiazepine erhöhen das Sturzrisiko und sind verantwortlich dafür, dass alte Menschen dauerhaft bettlägrig werden. Benzodiazepine machen verwirrt, so dass fälschlicherweise eine Demenz diagnostiziert wird. Ganz besonders bei älteren Menschen können diese Medikamente zu einer sogenannten „paradoxen Reaktion“ führen, d. h. statt zu beruhigen, machen die Seelentröster unruhig oder gar aggressiv, was zu einem (medikamentösen) Teufelskreis führen kann, an dessen Ende die Fixierung steht.

Wurden Medikamente von unterschiedlichen (Fach) Ärzten verordnet, entsteht hier manchmal eine wilde Mischung mit unüberschaubaren Neben- und Wechselwirkungen.

Die Konsequenz: Senioren kommen häufig bereits süchtig ins Altersheim. Oft werden Benzodiazepine lediglich deshalb weiter gegeben, um die Entzugserscheinungen zu „behandeln“. Der Benzodiazepinentzug macht nämlich heftige Probleme: Krampfanfälle, Verwirrtheit, Panikattacken, Suizidalität, Wahnvorstellungen – um nur einiges aus dem kleinen Horrorkasten zu nennen … für SeniorInnen ist das nicht nur schwer erträglich, sondern sogar oft lebensgefährlich. Auch wenn sich ein Entzug lohnen würde, wird das häufig gar nicht angesprochen. Man geht den Weg des geringsten Widerstandes.

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3. Frauen: es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass Mädchen (bei denselben Problemen!!) ca. ab dem 12. Lebensjahr deutlich mehr Psychopharmaka verordnet bekommen als Jungen. Diese Tendenz setzt sich verstärkt auch im Erwachsenenalter fort.

Wie schnell so etwas gehen kann, habe ich am eigenen Leib zu spüren bekommen (und, hey! ich bin Ärztin und weiß mich zu wehren …). Ich war vor einigen Jahren in einer spannenden Lebensphase: wir waren nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt wieder nach Deutschland gezogen, unser Haus war eine Baustelle und die Kinder noch klein. Ich rackerte beim Umzug und beim Renovieren. Plötzlich hatte ich tierische Schmerzen im Fuß. Die Ärzte fanden: nichts. Das zog sich so zwei Wochen hin, und ich konnte vor Schmerzen kaum noch schlafen, als ich mich wieder in der Klinik meldete und auf einer Diagnose bestand. Ich bekam: ein Rezept für Benzodiazepine. Als doppeltbelastete Mutter würde ich micr das alles ja nur einbilden. Danach wurde ich (hm, wie soll ich es ausdrücken?!) psychisch tatsächlich etwas auffällig. Ziemlich laut forderte ich die Röntgenbilder, um sie selbst anzuschauen und einen Oberarzt, um die Sache zu besprechen. Ich hatte Glück – sie kamen nicht mit der Zwangsjacke, sondern mit den Bildern. Und ich sah die Mittelfuß-Fraktur sofort …. Danach wurde alles besser. Ich habe vor Erleichterung geweint, als ich die Gipsschiene am Fuß hatte, und die Schmerzen umgehend verschwanden.

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Es ist also kompliziert. Eine Sucht in der Geriatrie hat oft eine lange Geschichte, und leider lässt sie sich meist unter dem Stichwort „wegschauen“ zusammenfassen:

  • Kriegskinder konnten ihre Traumata nicht anschauen.
  • Die Gesellschaft konnte (und kann) nicht mit unzufriedenen Frauen umgehen und aufmüpfige Mädchen wurden schon immer ruhiggestellt.
  • Die Flucht in Krankheit war und ist gesellschaftlich akzeptiert – und eine Krankheit muss mit Pillen behandelt werden.
  • Ärzte machten sich zu Handlanger der Sucht (oft mit dem irrwitzigen Argument, dann sei die Sucht wenigstens zu kontrollieren).
  • Kinder wuchsen mit Müttern auf, die emotional nicht nur ruhig- sondern kaltgestellt waren. In wievielen solcher Familien wurde lediglich die Fassade gepflegt, hinter der dann Friedhofsruhe herrschte?
  • Das hat – nebenbei bemerkt – auch unsere Generation die „Kriegsenkel“ zutiefst geprägt.

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Die Lösung?
Reden.
Worte finden.
Nicht ausweichen.
Sonst geht das Elend in die nächste Generation.
Vielleicht wird man in vierzig Jahren in den Einrichtungen der Altenpflege ein Cannabis- und THC- Problem beklagen. Im Rahmen der Legalisierung beobachte ich eine ähnliche Euphorie wie vor einem halben Jahrhundert, als die „Benzos“ auf den Markt geworfen wurden.

Auch hier lohnt sich die Frage: „Cui bono?“ – Wem nutzt es? Cannabis-Aktien boomen an der Börse, da steht eine ganze Industrie dahinter …

Ihr sagt vollkommen zu Recht, dass es für THC Indikationen gibt, und dass die Substanz bei einer Reihe von Erkrankungen segensreich wirkt. Das stimmt.
Das Gleiche gilt auch für Benzodiazepine. Auch sie haben Indikationen und können eine große Hilfe sein. Aber sie müssen richtig angewendet werden.

Sucht im Alter ist ein großes Problem. Es gibt keine Patentlösungen dafür. Aber bei einer Gesellschaft, die allmählich konsumkritische Denkansätze entwickelt, könnte es sich lohnen, darüber zu reden. Denn Sucht ist ad absurdum getriebenes Konsumdenken.

Hier noch ein interessanter Link zum Thema – ein Werbefilm aus den Fünfzigern für „Frauengold“ – ein Stärkungsmittel, dessen einziger Wirkstoff Alkohol war …

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Weiterlesen?

Mein neuer Roman „Der Hütejunge“ beschäftigt sich auf ungewöhnliche Weise mit dem Thema Kriegskindheit:

hütejunge-cover

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

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