Oder: Von der Erfindung des Massentourismus

Der Titel klingt zynisch? Vielleicht. Aber das, was dahintersteckt, ist an Zynismus[1] auch kaum zu überbieten. Heute vor 80 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Deshalb heute ein spezieller Blick auf unsere Baltikumreise vom Sommer 2018.

Ich taste mich an das Thema heran, das mehr oder weniger ausgeprägt die gesamte Reise überschattete – Deportation, Völkermord und Flucht. Wo soll ich anfangen? Und wie? Vielleicht bei den Bildern:

Im Fundus der Familienfotos finden sich zahlreiche Bilder, die zum Teil auch unsere Reiseroute nachzeichnen. Aber es sind keine Reisefotos – oder doch? Sie zeigen zerstörte Städte, Geschütze mitten in Wohngebieten, angeschwemmte Leichen am Ostseestrand. Trotz aller Widerwärtigkeiten klingen die Notizen auf den Bild-Rückseiten ähnlich wie die eines Pauschaltouristen. Der Krieg als eine Art Reiseveranstalter, der es jungen Menschen ermöglichte in ferne Länder zu reisen? Das klingt pervers. Blicke ich aber in die sonnengebräunten, gutgelaunten Gesichter der Soldaten, werde ich nachdenklich.

Bei dieser Art „Tourismus“ blieb man jedenfalls weitgehend „unter sich“ – der Vergleich mit einem abgeschotteten Ferienresort, in denen sich die einzelnen Nationen weitgehend isoliert voneinander tummeln, mag vielleicht schräg klingen, ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

Die Menschenverschiebe-Industrie des totalitären Zeitalters arbeitete jedenfalls ebenso effektiv, wie die Drehkreuze des Massentourismus heutzutage. Es ist daher sicher kein Zufall, dass die Nationalsozialisten als die Erfinder des Massentourismus gelten. Bei Binz entstand in den dreißiger Jahren die wohl größte Ferienanlage, die jemals gebaut wurde: Prora besteht aus einem 4,5 Kilometer langen Gebäuderiegel, welcher der Erholung der „VolksgenossInnen“ dienen sollten. Alle Zimmer sind kärglich ausgestattet (gemessen an heutigen Standards), aber alle mit Ostseeblick.  Geplant wurde für 20.000 Erholungssuchende.

 

 

 

Mit Gemeinschaftsbädern, Kantinen, Gemeinschaftsräumen und Aufmarschplatz. Heute findet sich dort die längste Jugendherberge der Welt. Ein Teil der Gebäude wurde zu teuren Eigentumswohnungen mit dem Charme von Mietskasernen. Ein Luxus-Hotel. Ruinen. Ein Dokumentationszentrum. Viele Fragezeichen. Wie soll man mit solch monströsen Relikten umgehen? Darf – oder sollte die Vergangenheit überformt, kommerziell genutzt, zerstört, verwandelt werden? 4,5 Kilometer bieten viele Antworten. Wir haben auf dem Gelände der Jugendherberge gezeltet. Auch wenn das Gebäude frisch saniert, hell und freundlich war… Ich fühlte mich unwohl und betrachtete die Sprinkler, die aus kahlen Betondecken ragten, mit Unbehagen …

Aber zurück zum Anfang unserer Reise: In Riga betrachtete ich einen Viehwaggon, der zum Symbol für die massenweisen Deportationen wurde. Der Name meiner Geburtsstadt prangte unübersehbar auf der Rückwand. Ich fand ihn auch wieder in Danzig: an einem Denkmal für jüdische Kinder, die über Zwischenstation in Polen nach England geschleust wurden und dort überlebten. Als der Krieg vorbei war, fand kaum eines dieser Kinder seine Eltern wieder. Sie waren alle nach Auschwitz transportiert worden – „ohne Rückfahrkarte“, wie es lakonisch in der Ausstellung über das Ghetto in Riga hieß.

 

 

 

Einmal landeten wir auf einem Campingplatz in Lettland. Es regnete stark. Ein Russe bot uns eine Baracke an, damit wir nicht in der Nässe zelten mussten. Zuerst freuten wir uns. Dann wurden wir nachdenklich und fühlten uns unwohl: die Baracke sah so aus, als sei sie noch im Originalzustand der vierziger Jahre … Normalerweise neige ich nicht zur Klaustrophobie, aber hier fühlten wir uns beengt und eingesperrt. Die alten Bilder erwachten …

sdr

Wir dachten noch ein paarmal an die Baracke zurück. Ganz besonders, als wir das KZ Stutthof besichtigten.

Sztutowo ist heute ein pulsierender Ferienort mit Badestränden und einem ausgedehnten Naturschutzgebiet. Eine lange gerade Straße führt vom Hauptort zur KZ-Gedenkstätte, und als wir dort entlangradeln, schieben sich auf einmal die Bilder übereinander: Halbnackte Menschen, die Schlange stehen … gutgelaunte Feriengäste vor einer Imbissbude oder ausgemergelte Häftlinge mit Blechnäpfen in der Hand?

sdr
Ortsdurchfahrt
sdr
Das Tor, das die Lebenden von den Todgeweihten schied
dav
Waggon der Schmalspurbahn zum Lager
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Es gab tausend bestialische Arten, wie die Menschen dort zu Tode kamen. Die Totenzettel sahen jedoch alle gleich aus …

Warum nur wurden wir diese Bilder so schwer los?

Vielleicht lag es daran, dass wir selbst ausgesetzt und verletzlich waren: wenn man bei Wind und Wetter radelt, also körperlich anstrengende Arbeit verrichtet, wenn man unter der heißen Sonne durstig ist und die Wasservorräte zur Neige gehen, wenn man stürzt und sich wieder aufrappelt, wenn man nach einer Übernachtungsmöglichkeit sucht und rüde abgewiesen wird, wenn man Hunger hat und nicht weiß, wann der nächste Laden kommt – dann ist einem das Schicksal dieser gequälten und geknechteten Menschen auf einmal unheimlich nah. Wie wenig braucht es, um einen kräftigen gesunden Menschen körperlich zu schwächen! Wie dankbar ist man auf einmal für ein wenig Freundlichkeit und ein Lächeln. Wie tief trifft es uns, wenn wir wie Obdachlose vom Hof geschickt werden! Vieles geht uns in dieser Situation im wahrsten Sinne unter die Haut.

Deshalb war unsere Radtour auch kein Urlaub. Sondern eine Reise. Eine Reise zu tiefen Emotionen und zu alten Bildern – auch zu denen, die man nicht so gerne anschaut.

Die jüdische Großtante, die spurlos verschwand. Ihr Ehemann, der an der Mauer des Warschauer Ghettos Wache schob und dort fotografierte. Der männliche Verwandte, der vollkommen verroht aus dem Krieg zurückkehrte und nie wieder so richtig Fuß fasste im normalen Leben. Das Schweigen. Die Bilder, die irgendwo ganz hinten im Schrank in einem vergilbten Briefumschlag lagen.

Unsere Reise ging weiter. Und unser Mitgefühl begleitete uns wie ein Schatten, der sich über die sommerhelle Landschaft legte. Die lustige Überfahrt mit der knallbunten Fähre. An dieser Stelle hatte man KZ-Überlebende ins kalte Ostseewasser getrieben um sie zu ertränken.

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Die Straße, an der Mütter ihre erfrorenen Babys liegen ließen. Der grandiose Ausblick übers Haff. Hier zogen die Flüchtlingstrecks übers Eis und wurden von Tieffliegern niedergemäht.

Das pittoreske polnische Dorf, aus dem alles, was einen deutschen Namen trug, vertrieben wurde – im Gegenzug wurden Menschen aus unterschiedlichen Regionen angesiedelt, die dort auch in dritter Generation nur allmählich heimisch werden.

Was mit den Deportationen der Juden begann und im Holocaust endete, ist ein Mosaikstein in der erzwungenen Völkerwanderung, die diese Region noch heute zutiefst prägt. Die Monstrosität der industrialisierten Menschenvernichtung des Holocaust ist ohne Beispiel. Aber Gleichgültigkeit, Brutalität und Kaltschnäuzigkeit des Umgangs miteinander setzten sich auch nach dem Krieg fort. Und das Schweigen. Die Tabus. Die Ressentiments gegenüber den „Fremden“.

Wahrscheinlich ist das auch ein Grund (unter vielen) dafür, dass diese Dinge heute wieder aufbrechen in unserem nur oberflächlich geeinten Europa.

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„Patriotische“ Kleidung in Polen
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„Gute Zäune machen gute Nachbarn“
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Flohmarkt für Militaria
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Ausstellung alter Militärfahrzeige als Ziel für den Familienausflug

Es fällt schwer Worte zu finden. Aber ohne das Gespräch miteinander geht es nicht.

In der Exklave Kaliningrad radelten wir immer wieder an riesigen Kriegsdenkmälern vorbei.

Hunderte, tausende Namen getöteter Soldaten. Bedrückend.

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In einem russischen Dorf fotografieren wir, wenige Meter hinter einem solchen Mahnmal eine Katze, die sich auf einem Briefkasten sonnt. Die Besitzerin stürzte aus dem Haus und nahm die Katze in die Arme. Ein kurzer Moment der Irritation. Was haben wir falsch gemacht? Gar nichts: Die Besitzerin will uns das Tier nur „richtig“ präsentieren, damit wir sie in aller Ruhe abfotografieren können. Die Katze nimmt es mit mürrischer Gelassenheit.

 

 

 

Dann aufgeregte Zeichen. Wir sollen warten. Nachbarn sammeln sich. Alle sprechen nur Russisch. Wir warten. Bis jemand gefunden ist, der ein paar Brocken Englisch spricht. Wir sollen zum Tee dableiben. Man will uns ein wenig kennenlernen.

Reisen bildet nicht nur – sondern verbindet. Aber man muss öfters mal raus aus der Komfortzone. Und Worte suchen. Auch, wenn es unmöglich scheint.

dav

 

Mehr zum Thema „Kriegskinder“ findet sich in meinem neuen Roman „Der Hütejunge“:

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[1] Zynismus bedeutet laut dem Großen Wörterbuch der deutschen Sprache:  gefühllose, mitleidlose, menschenverachtende Haltung

Posted by:ulrikeblatter

Autorin, Ärztin, Gärtnerin, Reisende, Freundin - ich begegne Menschen und liebe das Leben. Immer. Bedingungslos. Auch wenn es weh tut.

2 Antworten auf „Einmal Auschwitz und kein Rückfahrticket

  1. Du hast mit deinem Text eine Schublade geöffnet, aus der Familiengespenster herausgucken. Sie wollen nicht ans Licht, obwohl fast alle tot sind.
    Ich habe eine spannende Familie, in der Widerstand, Verwundung, fortdauernder Hass und zeitweise Mittäterschaft vorgekommen sind.
    Die Frauen haben darüber geredet, die Männer schwiegen.
    Für meine Enkelin werde ich das aufschreiben und mit Fotos veranschaulichen.
    Danke für deinen Bericht,

    Gefällt 1 Person

  2. Herzlichen Dank für diesen Reisebericht, der beeindruckend und ergreifend zeigt, wie erfahrungs- und erkenntnisreich es sein kann, mit offenen Augen und wachem Sinn – auch für die Vergangenheit und das, was sie in unserer Gegenwart bedeuten kann – zu reisen. Ja, das tut auch weh – aber es schenkt tiefes Verstehen, denke ich. Und es trägt hoffentlich zu besserem gegenseitigem Verständnis und friedlichem Miteinander, vielleicht sogar zur Versöhnung bei.
    Ich bin auf diesen Blog gestoßen, weil ich plane, die Ostsee per Rad zu umrunden und möchte es auf genau diese Weise tun. Auch ich werde dann zum Teil durch die Geschichte meiner Familie reisen, die aus Danzig kommend die Gustloff verpasst hat (sonst könnte ich dies wohl nicht schreiben) und dann zu Fuß – Mutter und Tante mit mehreren Kindern (ein Säugling hat die Flucht nicht überlebt) – nach Westen gezogen ist. Meine Mutter hat nie davon erzählt; erst, als ich für ein Theater- und Ausstellungsprojekt zur „Stunde Null“ intensiv nachgefragt habe, hat sie von den Schrecken und den Entbehrungen berichtet – seitdem verstehe ich vieles besser und fühle das Geschenk des Lebens tiefer.
    Dazu passt auch wunderbar der Gedenkstein mit dem Spruch von Julius Fučík, sehr aktuell …

    Gefällt 1 Person

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