Die Luft ist raus – obwohl der Akku voll ist

Donaureise Tag 13 – 15: Passau – Schlögener Schlinge – Linz – Mauthausen – Stift Melk

Das musste ja so kommen! Ein Blick auf den Kalender hätte mich gewarnt: Tag 13 wird zum Tiefpunkt unserer Reise. Aber vermutlich ist es nicht die böse 13, die uns plagt, sondern eine gewisse Müdigkeit – eine echte Pause hatten wir bis jetzt nicht, denn auch unsere „Ruhetage“ waren dicht gepackt. Vielleicht ist es auch eine gewisse Angst vor dem, was noch vor uns liegt? Wir radeln immer noch durch Deutschland – aber liegen nicht noch sieben Länder vor uns?

Immerhin schaffen wir hinter Jochenstein den Grenzübertritt ins nächste Land: ab jetzt radeln wir auf österreichischen Wegen.

Das Wasserkraftwerk in Jochenstein wird von Deutschland und Österreich gemeinsam betrieben. Interessant ist die Dauerausstellung im Naturerlebniszentrum Haus am Strom. Dort ist ganzjährig der Grenzübertritt auf der Brücke über die Schleusenanlage möglich. Für Fahrräder gibt es eine Schiebehilfe, die aber für vollgepackte Reiseräder nicht wirklich komfortabel ist. Wir wählen deshalb ein paar Kilometer weiter stromabwärts die Fähre.

Die Etappe Passau – Wien ist wohl die beliebteste des Donauradwegs und fantastisch ausgebaut: Auf asphaltierten Radwegen abseits der Straße radelt es sich ohne nennenswerte Steigungen – dafür aber manchmal mit Gedrängel. Die genialen Radwege sind allerdings keine Erfindung heutiger Freizeitplaner, sondern uralt: Wir fahren auf sogenannten „Treppelwegen“, in Deutschland besser bekannt als Treidelpfade. In früheren Zeiten wurden auf diesen Uferwegen Schiffe mit Pferdekraft stromaufwärts gezogen. Mein Urgroßvater war übrigens als „Treidler“ um die Jahrhundertwende noch am Rhein bei Köln unterwegs. Nachdem die Schiffe motorisiert waren, erhielten die Treidelpfade neue Bedeutung als Wirtschaftswege zwischen den zahlreichen Wasserkraftwerken. Die Nutzung als Fahrradweg hat sich erst später ergeben.

Für Wanderer gibt es in dieser Region außerdem zahlreiche Routen über alte Schmugglerwege – die teilweise recht anspruchsvollen Steige lassen Fantasien aufkommen, wie das früher wohl war, wenn illegale Ware auf dem Buckel durch Wälder und über Berge geschleppt wurde.

Nachdem wir mit der Fähre übergesetzt sind, befinden wir uns im Mühlviertel, mitten in einem Naturparadies – aber die Stimmung ist urplötzlich auf dem Tiefpunkt. Paradies oder Ehe-Hölle, das ist hier die Frage … Ja oder Nein. Rechts oder links. Pause machen oder weiterfahren? Das sind so Fragen, die uns urplötzlich vor unlösbare Konflikte stellen. „Niemand hört mir zu“, klagen wir beide. Und ein paar Kilometer später: „Nie hörst du mir zu!“ Und überhaupt – wie konnte ich diesen Kerl nur heiraten? Mein ganzes Leben ist verpfuscht – und dieser Tag besonders.

Dabei könnte es nicht romantischer sein: Wir sehen Schwäne übers Wasser gleiten, Eisvögel schwirren vorbei wie Kolibris, Libellen spielen Helikopter – alles in einer urtümlichen Auenlandschaft. Die Schönheit ist zum Greifen nah. Aber …

„Ich kehr um“, sagt Joachim. „Ich fahre doch hier nicht durch eine der schönsten Landschaften, die ich jemals gesehen habe und lass mir von dir die Ohren volljammern.“ – Nicht mit mir, denke ich. Ich gebe doch jetzt nicht auf – sondern Gas. Vor lauter Wut vergesse ich, dass ich ein E-Bike fahre und trete los wie blöd (anders kann ich diesen Zustand geistiger Umnachtung nicht beschreiben). Zwei Mädels auf wollen mich überholen. Aber mit meinem Wut-Turbo hänge ich die beiden ab. Wir liefern uns ein richtiges Wettrennen.

Erst als die beiden mich mit hochroten Gesichtern und in höchsten Tönen surrenden Elektromotoren an einer Steigung überholen, wache ich auf. Gerade noch rechtzeitig, sonst wäre ich an der Schlögener Schlinge vorbeigerast. Joachim habe ich abgehängt. Es dauert ein bisschen, bis er in gemütlichem Tempo ankommt. „Na, abgekühlt?“ – „Pass bloß auf – ich bin so was von sauer!“

Aber, ok. Zugegeben. Dieser größte „Zwangsmäander“ Europas hat was. Die Donau hat sich hier durch das böhmische Massiv gefressen und die Felsen zwangen sie zu riesigen Kurven und Umwegen. An der Schlögener Schlinge, die man auch vom Talboden ganz gut überblicken kann, ändert die Donau sogar ihre Richtung und scheint gegen alle Naturgesetze auf einmal rückwärts zu fließen. Nix stimmt hier, denke ich verbittert und in mir grummelt es immer noch.

Bei Ottensheim setzen wir über mit einer pittoresken Drahtseilfähre und bauen auch wieder erste zarte Kommunikationsbrücken.

Nach diesem Tag wissen wir, dass wir an unserer Kommunikation arbeiten müssen. Aber „arbeiten“ wir nicht sowieso ständig? Ziemlich geschafft – aber eher psychisch als körperlich – landen wir auf dem Campingplatz in Ottensheim; 10 Kilometer vor Linz. Detail zur Planung: Es gibt auch einen Campingplatz in Linz (am Pichlinger See) – allerdings liegt dieser Campingplatz in Autobahnnähe und, von Passau aus gesehen, hinter Linz.

Nach diesem Tiefpunkt kann es eigentlich nur noch aufwärts gehen! Dementsprechend gut gelaunt, starten wir am nächsten Morgen auf österreichisch-perfekten Radwegen. Von Linz sehen wir nicht viel. Wir konzentrieren uns auf das Interview mit Christine Mayr-Lumetzberger, der ersten römisch-katholischen Bischöfin im deutschsprachigen Raum.

In Mauthausen erwartet uns jedoch der nächste Tiefschlag. Wir setzen wieder einmal mit einer Fähre über, betrachten die malerische Kulisse des kleinen Städtchens, das seinen Namen einer Zollstelle verdankt. Im Mittelalter hat man zwar noch keine „Pickerl“ (Vignetten) geklebt, aber für das Salz aus dem Salzkammergut, das nach Böhmen verschifft wurde, war auch schon damals eine Maut fällig.

Wir überlegen, ob wir uns die KZ-Gedenkstätte „antun“ wollen. Sie liegt ein ganzes Stück außerhalb des Ortes, aber wir haben noch genügend Zeit (zumindest glauben wir das!) und immerhin spielt eine kurze Episode meines Romans „Nur noch das nackte Leben“ dort. Allerdings hatten wir nicht auf dem Zettel, dass die Straße zum Lager satte 14 % Steigung hat. Uns geht es so, wie schon einige Male auf unseren Radreisen, wenn wir auf solche Relikte des Naziterrors stießen: Wenn man so stark körperlich gefordert ist, wächst die Empathie mit den Opfern auf eine ganz andere Art, als wenn man mit dem Auto vorfährt oder über diese Dinge „nur“ liest. Wie haben die Häftlinge es nur zu Fuß diese Straße hoch geschafft, denke ich, als ich mich – diesmal mit Motor! – schwitzend den steilen Stich hochquäle. Unterernährt, barfuß in Holzpantinen ganz egal ob in der Sommerhitze oder der Winterkälte und nach extrem harter Arbeit im Steinbruch zu Tode erschöpft. Wie kann man das nur überstehen?

Wieder einmal lassen wir uns ein auf die Atmosphäre im Lager. Und werden immer stiller. Ich finde Hinweise auf das Lagerbordell, das in meinem Buch eine wichtige Rolle spielt – und es wird mir alles zu viel. Und wieder kann ich es nicht (vor mir selbst) zugeben. Diesmal mag ich nicht streiten – aber in mir wird es genauso düster wie am Himmel. Ein Gewitter zieht auf!

Vor dem Regen kommt der Sturm, heißt eine alte Volksweisheit und in diesem Fall beschert uns die Gewitterfront einen veritablen Rückenwind, der uns aus dem Mühlviertel hinein ins Mostviertel bis zur Ortschaft Wallsee bläst. Dort soll es einen Campingplatz geben – so behauptet zumindest unsere Liste mit Übernachtungsmöglichkeiten. Erst mal was Richtiges essen! Heute gönnen wir uns mal nicht die übliche Pasta mit Thunfisch, sondern etwas à la carte. Ein Hinweisschild zum Campingplatz haben wir zwar noch nicht entdeckt, aber das wird schon werden! Die Bedienung im Restaurant weiß aber nichts von einem Campingplatz. Ebenso wenig wie die Kassiererin im Supermarkt und die Stammtischfreunde. Sollen wir im Hotel bleiben, wo wir eben so gut gegessen haben? Zur Abwechslung sind wir uns in diesem Fall aber sofort einig: Wir campen! Das bedeutet allerdings, dass wir sieben Kilometer zurückfahren müssen und dabei böigen Gegenwind haben, der uns fast aus den Sätteln lupft. Zuerst tröpfelt es, aber als wir am Campingplatz ankommen, regnet es in Strömen. Es ist unmöglich das Zelt aufzubauen – nicht nur wettertechnisch, sondern auch deswegen, weil das überhaupt kein richtiger Zeltplatz ist, sondern eine Feriensiedlung für Dauercamper mit streng abgeteilten Parzellen. Was nun? Wo die Not am größten ist, ist Hilfe nah. Eine Frau bietet uns an, dass wir die Nacht im Gemeinschaftshaus verbringen dürfen. Strom und Wasser sind vorhanden, Dusche und Toilette nebenan. Einziger Nachteil: Ich befürchte die ganze Nacht im Schlaf von der schmalen Sitzbank zu rollen. Donner, Blitz und Regengüsse halten genauso wach wie wirre Gedanken rund um die letzten Tage. Offensichtlich benötigt selbst auf einer Reise in so gemächlichem Tempo meine Seele Zeit, um „nachzukommen“ bzw. die vielen wechselnden Eindrücke zu verarbeiten.

Am nächsten Morgen bin ich wie gerädert – aber es ist immer wieder absolut erstaunlich, welch heilende Wirkung eine Schale Haferflocken haben kann. Ich habe sogar genug Energie, um diesen steilen Berg hochzuradeln, der sich vor uns auftürmt. Gestern, im Regen kam uns die Schussfahrt zum Campingplatz gelegen, aber früh am Morgen ist die Steigung ein brutaler Kaltstart. Mit jeder Umdrehung der Pedale bessert sich jedoch die Laune. Wir kehren noch einmal nach Wallsee zurück und schauen uns das Schloss an.

Dann Mittagspause in Grein. Das Städtchen verdankt seinen Aufstieg dem riesigen Strudel, der sich dort befand. Näheres dazu im Video.

Reich geworden gönnten sich die kulturbegeisterten Bürger 1791 ein Stadttheater, das nun die älteste (noch bespielten) Bühne Österreichs ist, die sich noch weitgehend im Originalzustand befindet. Leider kommen wir zu spät für eine Führung. Das Theater ist mittags geschlossen und nach den Erfahrungen am gestrigen Tag, gehen wir lieber nicht das Risiko ein, bis 15:00 Uhr zu warten.

Wie als Entschädigung für das Elend der letzten Tage, läuft es nun perfekt: Die malerische Hügellandschaft mit ihren Höfen und Dörfern fliegt an uns vorbei. Überall wird eingeladen zum Heurigen – das Mostviertel macht seinem Namen alle Ehre! Bei einem Zwischenhalt in Ybbs schlendern wir durch die liebevoll sanierte Altstadt. Sie ähnelt einer Puppenstube und wird unvergesslich durch die vielen stuckgerahmten Heiligenbilder an den Hausfassaden.

Am späten Nachmittag überqueren wir die Grenze zur Wachau und nun begleiten uns die Marillenbäume mit erntereifen Früchten.

Am späteren Nachmittag erwartet uns der Höhepunkt des Tages:

  1. Wir haben die ersten Tausend voll!
  2. Das UNESCO-Welterbe Stift Melk.

Hier sollen Bilder sprechen. Die Eintrittspreise sind gesalzen – kommt der Begriff „Melk“ von „Touristen melken“? Jedenfalls entschließen wir uns nur für eine Besichtigung der frei zugänglichen Teile der Anlage. Für mehr fehlt uns einfach die Zeit (letzter Einlass ist leider schon um 16:30 Uhr).

In Rossatz schlagen wir unser Nachtquartier auf und diesen Campingplatz können wir wieder ohne Wenn und Aber empfehlen!

Ein kleiner Abendbummel führt uns ins Dorf, das im 19. Jahrhundert ein Ferienort für reiche Sommerfrischler aus Wien wurde und daher mit zahlreichen großen Villen aufwarten kann. Ein Blick über den Fluss zeigt Burgen und Weinberge – ein wenig fühle ich mich an das Mittlere Rheintal erinnert. Zufrieden, mit uns und der Reise endlich versöhnt, schlafen wir in dieser Nacht endlich einmal tief und erholsam.

Für die Statistik:

Tag 13: 30.07.2019
Passau – Ottensheim (kurz vor Linz)
87 Kilometer, 100 Höhenmeter

Tag 14: 31.07.2019
Linz – Mauthausen – Wallsee – unbekannter Campingplatz
80 Kilometer, 350 Höhenmeter

Tag 15: 1.8.2019
Wallsee – Grein – Ybbs – Stift Melk – Rossatz
111 Kilometer, 430 Höhenmeter
TOTAL 1018 Kilometer

Diese Reise war ein Spendenlauf für unsere Kinderprojekte in Bosnien. Trotz Corona haben wir uns auch 2020 zu einem Spendenlauf entschlossen – Es wird eine Mega-Herausforderung, nämlich 24 Stunden zu Fuß durch die Hegau- und Bodensee-Region. Mehr dazu gibts hier oder unter @HolidayChallenge bei Facebook und Instagram

Ein Kommentar

  1. Ein schöner Bericht! Ich wollte nur kurz reinschauen und hab ihn dann doch bis ganz zum Ende gelesen. Schade dass ich meinen Freund nicht zum Radfahren überreden kann, so eine längere Radtour fände ich auch sehr spannend! Bin gespannt wie es weiter geht bei euch.

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