So weit die Füße tragen – Holiday Challenge 2020 zwischen Hegau und Bodensee

Mein Hund ist Langschläfer. Wenn ich morgens um halb fünf aufstehe (was vor allem während meiner Schreibphasen vorkommt), legt er knurrend beide Vorderpfoten über die Augen, bis ich an seinem Schlafplatz vorbeigeschlichen bin und das Licht wieder ausknipse. Heute ist es anders: Django steht hellwach vor seinem Körbchen und seine großen Augen strahlen mich an. Die Botschaft ist unmissverständlich: „Ich will mitkommen!“ Er spürt genau, dass heute ein besonderer Tag ist.

Warum tust du dir das an?

Es ist noch dunkel, als ich das Haus verlasse. Djangos Leuchthalsband blinkt lustig und ungeduldig zieht er mich von einer Straßenlaterne zur nächsten. Auf was habe ich mich da eingelassen? Im Winter las ich vom Megamarsch und überlegte, ob ich mich dort anmelden sollte. Normalerweise radeln Joachim und ich ja jeden Sommer ein paar Tausend Kilometer, um Spenden einzufahren für unser Kinderprojekt in Bosnien. Natürlich ist es nicht „mein“ Projekt, da die Leitung in den Händen eines Teams liegt, das wesentlich mehr von dieser Arbeit versteht als ich 😉

Aber als Madeleine Schildknecht und ich vor knapp zwanzig Jahren die ersten Konzepte für Jugendarbeit und Suchtprävention auf Basis von Freiwilligenarbeit entwickelten, gab es noch nichts Vergleichbares im Nachkriegsbosnien. Wir haben also Pionierarbeit geleistet – und auch, wenn ich irgendwann einmal gar nicht mehr für diese Projekte aktiv sein werde, bleiben die jungen Menschen dort immer noch irgendwie „meine“ Kinder.

Nach Ausbruch der Coronapandemie dachten wir zuerst, dass wir den diesjährigen Spendenlauf ersatzlos streichen werden. Aber in Bosnien explodieren die Infektionszahlen, der Lockdown für Kinder und Jugendliche im Frühjahr war wesentlich strenger als in Deutschland und es ist absehbar, dass unsere Betreuerinnen ab dem Herbst sehr viel mehr Arbeit als üblich investieren müssen, um unseren Kindern Bildung zu ermöglichen. Der Schulbesuch ist für viele nicht selbstverständlich und auch dort, wo Intelligenz und Motivation vorhanden sind, scheitert Bildung oft an ganz banalen Voraussetzungen. Stifte, Bücher, Hefte und vor allem Hausaufgabenhilfe sind unverzichtbarer Bestandteil unserer Arbeit – und die müssen wir nun auch auf die Dörfer bringen, sonst wird sich mit einer zweiten Welle  das Thema Schulbildung für viele der Kinder aus ärmsten Familien erledigt haben.

Die Vorgeschichte ist ziemlich krank

Aber zurück zum Lauf. Mein Orthopäde war entsetzt: „Ihre Lendenwirbelsäule ist die reinste Geröllhalde“, hatte er mir schon vor einem Jahr erklärt, „und nach zwei Mittelfußfrakturen wäre ich auch mit den Füßen lieber etwas vorsichtiger.“ Nach Laufanalyse und neuem Schuhwerk begann ich jedoch wieder mit dem Lauftraining. Ich jogge seit ich 14 bin und Laufen hat eine sehr spezielle Bedeutung für mich. Als ich Kind war, hieß es immer, ich hätte einen schweren Herzfehler und dürfte keinen Sport machen. Damals gab es noch keine tollen Diagnosemethoden, wie z.B. Ultraschall und mein Herzgeräusch ist tatsächlich fast auf Zimmerlautstärke. Erst Jahre später gab es Hoffnung, dass sich das „verwachsen“ würde und ich durfte am Schulsport teilnehmen. Unsere Klasse voller „PuberTiere“ war ziemlich undiszipliniert und deshalb gab es immer wieder mal zur Strafe Langstreckenläufe. 800 Meter durch den Stadtpark hieß es und während sich die Klassenkameradinnen in die Büsche schlugen und alle Abkürzungen kannten, lief ich und lief und lief … Es fiel mir leicht, ja, es machte ungeheuren Spaß und seitdem begleitet das Laufen mein Leben. Damals hieß es Trimmtrab, später wurde daraus das Joggen und mittlerweile gibt es vom Trailrunning bis zum Cityrun für jeden Geschmack und jede Leistungsstufe etwas. Leider kann Joachim (bzw. sein Knie 😉  )mich nur auf kürzeren Strecken begleiten. Ihm zuliebe habe ich mit dem sportlicheren Radfahren angefangen. Aber diesmal kehre ich zurück zu den Wurzeln und laufe. Ich werde nicht rennen, sondern im Wandertempo unterwegs sein. Und ich werde die meiste Zeit allein sein.

24-Stunden-Challenge – die Vorbereitung

Kaum war die Entscheidung am 1. Juli gefallen, ging auch schon das Bibbern los. Ursprünglich hatte ich lediglich 12 Stunden geplant, aber einer unserer Sponsoren ermutigte mich, mehr zu wagen. Also eine 24-Stunden-Challenge. Vorsichtigerweise schrieb ich in die Projektbeschreibung, dass ich so viele Stunden laufen würde, wie ich eben schaffe. Da ich Diabetes habe und immer noch versuche, ohne Medikamente auszukommen, ist Bewegung im Alltag für mich sowieso essenziell. Um zu trainieren nahm ich mir Folgendes vor: Täglich mehr als 10 Kilometer zu Fuß unterwegs sein und mindestens zweimal wöchentlich eine Jogging-Einheit mit mehr als 10 Kilometern. Einmal wöchentlich Berglauf oder Wanderung mit Steigungen. Das lief ganz ordentlich (im wahrsten Sinne des Wortes) – bis der August kam und eine knackige Hitzewelle brachte. Meine Motivation ging eher in Richtung Beine hochlegen und kiloweise Wassermelone vertilgen. Aber weiterhin bekam ich es einigermaßen hin, jeden Tag mehr als 10 Kilometer zu Fuß unterwegs zu sein. Aber – hey! – ich sollte dann an einem Tag mehr laufen als sonst in einer Woche? Wie sollte das funktionieren? Was, wenn ich mich verlaufen würde? Was, wenn ich im Gehen einschlafen würde? Ein Kollege hatte mir von einem Gewaltmarsch beim Schweizer Militär berichtet, bei dem die jungen Kerle begannen zu halluzinieren, Bäume umarmten oder vor ihnen davonliefen, weil sie dachten, da steht der Feind … Aber andererseits zähle ich noch zu der Generation von Ärztinnen, die 36-Stunden-Dienste absolvierten. Ich war auch schon mal 24 Stunden auf den Beinen gewesen, wenn ich ein Baby auf die Welt holte. Kurz und gut: als es draußen zu heiß zum Trainieren war, igelte ich mich ein und investierte ziemlich viel Energie in meine mentale Vorbereitung, indem ich die Strecke im Kopf immer wieder durchging und auf mögliche Probleme abklopfte. Joachim war mein Basis-Team daheim und es war ein gutes Gefühl, dass er einfach für Notfälle da wäre (was später auch noch richtig wertvoll wurde).

Es geht los – die erste Etappe

Django ist fast 14 Jahre alt und es ist klar, dass er mich nicht die ganze Zeit begleiten kann. Also lege ich die erste Runde so, dass wir wieder daheim rauskommen. Als erstes besuche ich einen unserer Sponsoren: Beim Geflügelhof Ruh kaufen wir immer unsere Frühstückseier und tatsächlich: ich bin mit den Hühnern aufgestanden – im Stall brennt Licht! Danach folge ich einer meiner üblichen Joggingrunden – den Gras-See, wo Django sich normalerweise gern abkühlt, lasse ich allerdings links liegen, da ich mir den Lauf durch den stockdunklen Wald nicht zutraue (das wird sich am Ende der Tour noch grundlegend ändern!). Am Ortsrand von Bietingen folge ich dem Lauf der Biber. Das gleichnamige Tierchen, das dort auch wohnt, sehe ich leider nicht, dafür aber Rehe, die erschrocken im Morgennebel verschwinden und wenig später Fuchs und Hase, die sich offensichtlich hier „Guten Morgen“ sagen. Jetzt kommt die erste richtige Steigung, aber es läuft gut, obwohl ich noch nicht gefrühstückt habe. Bevor ich den alten jüdischen Friedhof bei Randegg erreiche, drehe ich mich um und bewundere den Himmel, der nun in zarten Farben erstrahlt – er wirkt fast wie aus Porzellan gemacht. Nur die dicken Wolken, die sich über den Horizont schieben, machen mir ein wenig Sorgen. Django darf nun ein Stück ohne Leine laufen, erst in Randegg geht er wieder brav bei Fuß, während wir bei einem weiteren Sponsor vorbeischauen: der Randegger Ottilienquelle, die unsere Arbeit in Bosnien seit 2002 immer wieder gefördert hat.

Bis Murbach geht es nun locker bergab. Ich nutze den Radweg entlang der Bundesstraße, biege dann ab auf eine kleine Landstraße, wo ich in der Ferne eine Gruppe Fasane und mehrere Reiher beim Frühstück entdecke. Mittlerweile habe auch ich richtig Hunger und bin froh, als ich mein Basislager daheim erreiche, wo Joachim bereits mein Müsli vorbereitet hat.

Dunkle Wolken über der Höri  – die zweite Etappe

Ich laufe quer durch unser Dorf bis ich die Straße erreiche, die auf kürzestem Weg Gottmadingen und Rielasingen verbindet. Dieser asphaltierte Landwirtschaftsweg hat keinen offiziellen Namen, aber eine Besonderheit: Mittendrin liegt mit Ramsen ein Zipfel Schweiz. Deshalb war der Weg während der Coronakrise wochenlang gesperrt, was allgemein heftig beklagt wurde. Der inoffizielle Name der Straße ist übrigens „Promilleweg“ – was erklärt, warum die scharfen Corona-Grenzkontrollen dort als besonders schmerzlich empfunden wurden. Schmerzlich empfinde ich auch auf dieser Strecke zum ersten Mal den Asphalt. Auf dem Grünstreifen läuft es sich angenehmer. Ich überquere die Hauptstraße in Richtung Talwiesenhallen, laufe an den Sportplätzen vorbei, bin aber zu früher Stunde die einzige, die momentan hier sportlich unterwegs ist. Im Ortsteil Worblingen schnattern drei Gänse mitten auf der Dorfstraße. Eine geht zum Angriff über und ich bezweifle, ob ich ein Wettrennen gewinnen würde. Sie lässt erst von mir ab, als die Bäuerin sie mit einem Stecken verjagt.

Danach beginnt für mich eine Lieblingsetappe, die wir auch immer wieder mit dem Rad fahren: Entlang der Radolfzeller Aach verläuft über die Halbinsel Höri ein wunderbarer Wanderweg, zuerst asphaltiert (aber mit schönem Grünstreifen für meine Füße!) und dann als Naturweg. An vielen Stellen wurde die Aach in den letzten Jahren wieder renaturiert, so dass es sich lohnt, auf einer der Bänke eine Rast einzulegen und einfach mal dem Lauf des Wassers zu beobachten. Mit ein wenig Glück sieht man sogar einen Eisvogel.

Auf meinem Handy ploppt eine WhatsApp-Nachricht auf: „Ich bin gleich bei dir!“ Mein Sohn will mich mit dem Fahrrad einholen und ein Stück weit begleiten. Er schickt mir ein Bild: „Hier bin ich.“ Ich starre ratlos auf das Foto, erkenne aber nichts. Dort bin ich auf keinen Fall vorbeigekommen. „Wo bist du?“ – „Direkt an der Aach.“ Es dauert eine Weile, bis ich verstehe, dass er lediglich auf der anderen Seite des Flusses unterwegs ist. „Ich fahre über die nächste Brücke“, tippt er und wenige Minuten später: „Hier regnet es wie verrückt. Ich muss mich unterstellen.“ Wir sind maximal zwei Kilometer voneinander entfernt und nun realisiere auch ich, dass der Himmel hinter mir pechschwarz geworden ist. Ich krame meinen Regenmantel raus. Zwischendurch eine Nachricht von Joachim: „Muss man dich abholen?“ Häh, wieso?? Es ist doch nur Regen? Aber anscheinend ist mir da ein ziemliches Unwetter auf den Fersen. Ich mache also, dass ich weiterkomme. Und mein Basislager funkt: „Kurz vor Bohlingen ist ein Schießstand. Da kannst du dich unterstellen!“ Ich küsse meinen Mann in Gedanken und erreiche den Unterstand noch leidlich trockenen Fußes. Ich habe zwar sehr gute Regenkleidung dabei, mich aber für die leichteren Joggingschuhe entschieden. Sie sind zwar besser gedämpft als die Trekkingschuhe, aber leider nicht wasserfest. Das wird sich später rächen. Aber momentan ist alles in trockenen Tüchern und irgendwann kann ich wieder loslaufen. Mein Sohn holt mich schließlich auch ein und wir genießen den Weg über die idyllische Halbinsel Höri gemeinsam.

Zwischen Moos und der Aachmündung ist die Landstraße gesäumt von einer imposanten Pappelallee und der Blick schweift über eine Riedlandschaft, die 1996 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Besonders im Herbst ist der Untersee ein tolles Gebiet für Vogelbeobachtungen, da er vielen Zugvögeln als Rastplatz während der Durchreise oder als Winterquartier dient.

Von hier sind es nur noch drei Kilometer bis zu unserem nächsten Zwischenstopp in Radolfzell im Hauptgeschäft von Zweirad Joos. Unsere Reisevorträge dort waren immer gut besucht, aber auch das ist in diesem Jahr Corona zum Opfer gefallen. Leider holt uns in Radolfzell wieder ein Sturzregen ein und die Rast wird länger als geplant. Mein Sohn verabschiedet sich schließlich und ich laufe im Nieselregen allein weiter.

Liebe Kinder, bitte, bitte nicht nachmachen! – Die dritte Etappe

Als ich die Routenplanung aufzeichnete, malte ich über die Höri ein fettes Fragezeichen. Das nächste Etappenziel stand zwar fest: Es sollte das romantische Stein am Rhein sein – auch bekannt als „Märlistadt“. Ich war aber unentschlossen, wie ich dorthin kommen sollte. Der übliche Wanderweg entspricht ziemlich genau dem Tourenverlauf des Höri-Radweges.

Aber es gibt eine Alternative, von der ich nicht sagen konnte, ob sie verlockend oder zum Fürchten ist: Quer rüber über die Höri mit Überquerung des Schienerberges. Die Radtour kenne ich gut, die Routenführung über den Schienerberg war mir an dieser Stelle jedoch nicht klar.

Hinter Radolfzell habe ich dann das, was man „Runners High“ nennt – ein euphorisierender Hormonmix rast durch mein Blutgefäßsystem und vernebelt mir das Hirn. Nach etwas mehr als 40 Kilometern fühle ich mich nicht im Geringsten erschöpft, nein, im Gegenteil: Ich bin unschlagbar! Und wähle in Moos nicht die Abzweigung auf den regulären Wanderweg, sondern laufe Richtung Schienerberg. Ich bin immerhin noch so klar im Kopf, dass ich die Navigations-App zurate ziehe. Sie verspricht mir einen Wanderweg. Und eine Abkürzung obendrein. Also, los geht’s! Ich hätte es besser wissen müssen: So wie es beim Radfahren nie Rücken- sondern immer nur Gegenwind gibt, enden Abkürzungen unweigerlich in Umwegen. Am Anfang läuft alles gut: Ich folge eine Weile der L193 und kann dann im Zickzack auf schöne Feldwege ausweichen. An der Stelle, die die App vorgibt, biege ich auf einen Waldweg ein. Mein grober Plan ist: immer steil bergauf und dann runter. Dann bin ich nicht nur über den Berg, sondern auch in Schienen – und von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis Öhningen, wo ich über den Zoll will, um mein Etappenziel zu erreichen. Zwischendurch regnet es immer wieder und ich spüre, wie die Feuchtigkeit in meine Schuhe dringt. Allmählich wird es dämmrig und so langsam dämmert es auch mir, dass da etwas gewaltig schiefläuft. Ich laufe an einem hölzernen Gebilde vorbei, das ich nicht einordnen kann. Ist es der Rohbau einer Schutzhütte, der umgekippt ist? Oder vielleicht ein Kunstwerk? Ich laufe weiter, aber als ich wenige Minuten später vor einer Schneise stehe, die komplett von frischgefällten Bäumen blockiert ist, merke ich, dass ich improvisieren muss.

Noch könnte ich zurückgehen zur Straße, aber die kommt mir mit ihren engen Serpentinen momentan gefährlicher vor als die Natur. Es herrscht reger Feierabendverkehr und auf dem schmalen Randstreifen gibt es kaum Möglichkeiten auszuweichen. Der Plan bergauf zu gehen, ist einigermaßen umsetzbar und die Schuhe sind sowieso dreckig. Noch habe ich Tageslicht, aber ich kontrolliere schon mal, ob die Stirnlampe griffbereit ist. Wieder begegnen mir seltsame hölzerne „Kunstwerke“, aber mittlerweile habe ich längst verstanden, wo ich mich befinde: mitten auf der Downhillstrecke des Bikeparks Schienerberg.

Meine Navigationsapp gibt die Downhillstrecke als Wanderweg vor, was bei gutem Wetter nicht ungefährlich sein dürfte – da fliegt einem vermutlich schnell mal ein Mtbler um die Ohren. Was ich für „Kunst am Berg“ gehalten habe, sind hölzerne Steilkurven und Sprungschanzen. Auf der Homepage hätte ich auch die Info gefunden, dass dort seit Ende August Baumfällarbeiten durchgeführt wurden und die Strecken aktuell unpassierbar sind. Aber – wie heißt es so schön? Hätte, hätte, Fahrradkette … Ich stecke bei geschätzten 20 % Steigung in einem Schlammloch fest und – bin bester Laune. Die Endorphine wirken immer noch. Mitten in der schönsten Schlammschlacht klingelt mein Handy und Joachim erkundigt sich, wo ich bin. „Du wirst es nicht ahnen …“, gestehe ich und er muss lachen. Den Schienerberg samt Downhillstrecke kennt er glücklicherweise wie seine Westentasche und lotst mich zielsicher nach oben. Der Ausblick ist atemberaubend, aber viel Zeit und Licht habe ich nicht zum Fotografieren. Es wird immer dunkler und beginnt auch wieder leicht zu regnen. Ich muss jetzt zwar wieder entlang der Straße laufen, aber zumindest gibt es hier genügend Platz zum Ausweichen.

Endspurt im Gruselwald – die vierte Etappe

In Schienen erwartet mich ein Empfangskomitee mit Ponys, Pferd und gackernden Hühnern, aber ich suche den Wanderweg, den es hier irgendwo geben muss. Gefunden! Nur noch 5,5 km bis Stein am Rhein verspricht ein Wegweiser und ich freue mich – wieder mal zu früh.

Diese vertrackten Schwindelwanderwege verlaufen aber auch immer nach demselben Prinzip: zuerst breit und komfortabel und dann … so, wie es in der Bibel steht: Der Weg zur Hölle ist breit und bequem. Naja, nicht ganz. Kaum ist es so richtig dunkel und ich lustwandle im irrlichternden Schein meiner Stirnlampe, zeigt der Wegweiser auf einmal unnachgiebig nach links. Keine Diskussion – jetzt geht es abwärts. Und zwar ziemlich steil und auf Treppenstufen, denen nicht zu trauen ist. Kaum bin ich unten angekommen – nun ist es wirklich stockfinster – flattert an einem Baum ein improvisiertes Schild: „Betreten des Wanderweges auf eigene Gefahr!“ Hinter mir knackt und seufzt es. Irgendein Vieh kreischt in Todesangst. Nein, ich schwöre – ich war es nicht. Ich stehe immer noch unter einer emotionalen Schutzglocke. Meine Endorphine sind ein wahres Teufelszeug – wenn ich das in Tütchen verpacken und verkaufen könnte, ich hätte ausgesorgt!

Das Schild hat nicht zu viel versprochen: Wenige Meter weiter liegen wieder Baumleichen kreuz und quer auf dem Weg. Diesmal war es nicht die Motorsäge, sondern ein Sturmschaden. Ich lausche. Es ist windstill, also ist kein weiterer Windbruch zu befürchten. Zum Ausgleich nieselt es beharrlich weiter. Zurückgehen? Nein, die glitschige Treppe will ich mir nicht noch einmal antun. Das Hindernis zu umgehen scheint unmöglich. Ich rüttle an den Baumstämmen. Sie sind ineinander verkeilt und wirken ziemlich stabil. Also Drunter und drüber weg. Es geht besser als gedacht. Dass danach noch eine weitere glitschige und steile Treppe kommt – geschenkt! Irgendwann stehe ich aufatmend auf einem breiten Ziehweg und eine kleine Fledermaus umflattert neugierig den Strahl meiner Stirnlampe. Aus dem Wald dringen immer noch seltsame Nachtgeräusche. Es ist ähnlich wie am frühen Morgen, wenn die Vogelwelt zwitschernd erwacht – nur, dass die Geräusche, die ich nun höre, tatsächlich eher auf die dunkle Seite gehören.

Ich gehe weiter. Der Begriff „frohgemut“ trifft es ganz gut, auch wenn mir mittlerweile die Füße ziemlich wehtun. Seit ein paar Stunden laufe ich nun in nassen Schuhen Die Gegend kenne ich eigentlich, aber im Dunkeln sieht alles fremd aus. Bei einem Bauernhof frage ich sicherheitshalber nach dem Weg, aber ich hätte es mir denken können: einfach immer nur bergab. Zehn Minuten später rast der Bauer mit einem Geländewagen hinter mir her. So spät noch unterwegs, das sei doch nichts. Ob er mich runter nach Öhningen fahren solle?

Nein, Ehrensache. Das laufe ich jetzt auch noch. Joachim ruft mich an. Er ist gar nicht damit einverstanden, dass ich nachts weiterlaufen will und kommt mir ab Hemishofen entgegen. Beim Zoll in Öhningen erwarten mich dann meine beiden „Jungs“. Django winselt vor Freude und ich vor Fußschmerzen.

In dem Moment, als Joachim meine Hand nimmt, fühle ich mich schlagartig zittrig. Nun lasse ich seine Hand nur noch in dem Moment los, als wir kurz in Stein am Rhein ein Foto machen. Eigentlich wollte ich die 15 Kilometer bis Gottmadingen noch laufen, aber als ich in Hemishofen das geparkte Auto sehe, erkenne ich, was die wirklichen Versuchungen im Leben sind.

Was tut man nicht alles für ein Frühstück – die letzte Etappe

Ich habe nur ein paar Stunden sehr unruhig geschlafen und erwache mit dem Gefühl, dass ich die Sache jetzt zu Ende bringen muss. Die Fußprobleme sind durch zwei fette Blasen erklärbar, aber der Schmerz ist auszuhalten. Ich laufe also wieder los. Natürlich begleitet mich Django wieder. Joachim muss leider arbeiten und kann deshalb nicht beim Zieleinlauf dabei sein. Wir haben Zeit, das Wetter ist schön und so ersparen wir uns den (Rad)weg entlang der Bundesstraße und laufen durchs Katzental. Eine kleine Entschädigung für den anschließenden Marsch durchs Gewerbegebiet in praller Sonne.

Ich gönne uns noch zwei Extrarunden ums Möbelhaus, damit ich auf eine akzeptable Endbilanz komme und treffe es auf die Minute und den Kilometer genau: 70 Kilometer in 20 Stunden.

Zieleinlauf ist im move Gesundheitsstudio, wo mich meine Tochter, Stefan Burkart und das ganze Team mit einem tollen Frühstück willkommen heißen.

Diesem Ort bin ich wirklich verbunden: Nicht nur deswegen, weil das move zu den treuen Unterstützern unserer Arbeit in Bosnien zählt, sondern weil ich es nach einer Operation und bei diversen orthopädischen Problemen hier immer wieder geschafft habe, fit zu werden.

Der lange Weg ist hier zu Ende. Das Erlebnis klingt aber auch noch Tage später nach – so ganz weg sind die Endorphine immer noch nicht. Es ist fast wie das Gefühl nach einer Fahrt auf der Achterbahn – aber wie in Zeitlupe. Es hält länger an. Ich bin froh, dass ich mich gegen jegliche Ablenkung entschieden habe: kein Hörbuch und keine Musik über Kopfhörer. Es waren zwanzig Stunden, die mir ganz allein gehörten und in denen ich so oft wie sonst nur selten tatsächlich im „Hier und Jetzt“ lebte. Ich traf einige interessante Menschen und hatte tolle Gespräche unterwegs (die kosteten auch Zeit, das war es aber wert!). Und mal abgesehen vom Spendenlauf (der mir natürlich am wichtigsten ist): Wenn ich irgendjemandem da draußen Mut machen kann, in Bewegung zu bleiben, trotz gesundheitlicher Einschränkungen, dann war es das wert. Denn am Ende kommt man doch immer nur an dem einen Ziel raus, das man immer besser kennenlernt: bei sich selbst.

Falls euch diese Aktion gefällt, dürft ihr sie gerne teilen. Bitte nicht vergessen: es war ein Spendenlauf für Kinder, die unsere Unterstützung dringend brauchen. Wir sind gemeinnützig – für Eure Spenden erhaltet ihr eine Spendenbescheinigung.

Online Spenden sind unkompliziert und sicher möglich über betterplace.

Ein herzliches Dankeschön an alle unsere regionalen Sponsoren, die sich teilweise schon seit Jahren für das Projekt der AWO-Bosnienhilfe einsetzen:

Für alle, die zu Fuß oder mit dem Rad die Region Hegau-Bodensee (Untersee) entdecken möchten, habe ich noch ein paar Touren rausgesucht, die an meine Wanderung angelehnt sind. Falls Ihr Fragen habt, stellt sie bitte in den Kommentaren und ich werde sie gern beantworten.

Kurz und nett – Hardtsee-Wanderung: https://www.ich-geh-wandern.de/hardtseen-runde-bei-gottmadingen-hegau

Der Panoramaweg – die Königsdisziplin im Hegau: https://www.ich-geh-wandern.de/hegau-panorama-weg

Radtour Flusserlebnispfad Aach – Hegau – Bodensee. Auf dieser Seite finden sich zahlreiche weitere Tourenvorschläge: https://www.outdooractive.com/de/route/radtour/bodenseewest/flusserlebnis-zwischen-bodensee-und-aachquelle/16132957/

Hinweise für E-BikerInnen: https://www.hegau.de/artikel.Durch_den_Hegau_mit_dem_Elektrofahrrad.13714.220.html

Meine Autorinnenhomepage: www.ulrike-blatter.de

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