Trauma im Karton – Teil 1

Umziehen im Alter – Organisatorisches

Mitten in der Coronapandemie haben wir den Umzug mit meinen 84- und 87-jährigen Eltern an den Bodensee bewältigt. Mein Bruder und ich sind in Köln aufgewachsen. Ich wohne schon langem im Hegau, nahe der Schweizer Grenze, mein Bruder in Mecklenburg-Vorpommern. Zu unserer Familie gehören noch mein Mann und unsere beiden erwachsenen Kinder. Alle waren in den Umzug involviert. Rückblickend gibt es zwei Versionen dieser Geschichte: zum einen das Organisatorische, das wir wirklich gut hinbekommen haben. Auf der anderen Seite steht das Ankommen, die Neuorientierung und die psychische Situation der Beteiligten, die fast eine größere Herausforderung war und ist. Ich werde die Geschichte also zweimal erzählen. Im ersten Teil geht es vor allem um praktische Herausforderungen. Wie organisiert man so etwas?

Ich gehe auf folgende Themen ein, die ich am Ende des Textes stichpunktartig zusammenfassen werde:

  • Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Umzug?
  • Überzeugungsarbeit ist die beste Vorbereitung – aber manchmal gibt es äußere Zwänge
  • Die richtige Wohnung / betreute Einrichtung finden
  • Wartelisten
  • Teamarbeit innerhalb der Familie – das Prinzip ein Ort / ein Team
  • Aussortieren, Wegwerfen, Erinnerungen bewahren
  • Es geht los – wie minimiere ich den akuten Umzugsstress? Stichwort Ausweichquartier
  • Termine und Ansprechpartner am neuen Wohnort organisieren
  • Wie schütze ich mich vor Perfektionismus, wenn alles perfekt sein sollte?
  • Humor

Die Vorgeschichte: Alt werden ist nichts für Feiglinge.

„Bis zum 80. Geburtstag war eigentlich alles in Ordnung.“ Da sind sich meine Eltern einig. Zwar gab es schon länger gesundheitliche Einschränkungen und die große Mietwohnung war alles andere als barrierefrei, aber noch bewältigten beide ihren Alltag in bewährter Teamarbeit – auch wenn es immer mühsamer wurde. Externe Hilfe wurde nur widerstrebend akzeptiert, aber irgendwann war der junge Mann von der Caritas, der im Haushalt mit anpackte, ein gern gesehener Gast und blieb auch mal für eine Tasse Kaffee. So hatten die beiden wieder mehr Zeit für Spaziergänge, Museumsbesuche, Konzert oder Kino. In der Großstadt war immer etwas los. Und montags tagte im Gemeindesaal der Seniorentreff. Eigentlich hätte meine Mutter am Tisch sitzen und sich bedienen lassen können, aber stattdessen packte sie in der Kaffeeküche mit an. „Ich gehöre doch nicht zum alten Eisen“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. So hätte es noch eine Weile weitergehen können, aber dann kam Corona. „Und auf einmal fühlte sich das Leben an, als wäre man vor eine Wand gefahren,“ beschreiben es die beiden.

Die Pandemie stellt das bisherige Lebensmodell in Frage

Vor allem mein Vater litt sehr, da gleichzeitig mit dem ersten Lockdown die Sehfähigkeit stark nachgelassen hatte und er sich nicht mehr mit Lesen und Malen ablenken konnte. Es dauerte lange, bis zum Arzttermin und als es soweit war, machte sogar die Anfahrt Angst: Straßenbahn oder Taxi – was war gefährlicher? Mein Vater ist durch verschiedene chronische Erkrankungen geschwächt und eine COVID-Infektion wäre wohl das Ende gewesen. Meine Mutter setzte dem Virus nicht nur ein gutes Immunsystem entgegen, sondern ihre fast legendäre Sturheit. In der Familie witzelten wir mit Galgenhumor: „Wenn dich das Coronavirus sieht, ergreift es die Flucht!“ Die Untersuchung zeigte, dass eine Behandlung der Augen notwendig war. Die Wartezimmer waren gut gefüllt, eine Maskenpflicht gab es noch nicht – von Schnelltests ganz zu schweigen. „Schlecht hören kann ich auch gut“, witzelte er, aber lustig war die Sache nicht. Fehlen Sinneseindrücke und kognitive Anregung, hat das Gehirn „nichts mehr zu tun“. Bei meinem Vater jedenfalls verschlechterte sich die bereits vorhandene Demenz durch den Lockdown schleichend. Auch der permanente Stress tat beiden nicht gut. Im Gespräch erinnern sich meine Eltern, wie schlimm es war, als der Haushaltshelfer von der Caritas die Wohnung nicht mehr betreten durfte. Die verstärkte körperliche Belastung ließ den Stresspegel steigen. Müdigkeit, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme traten auf. Auch das Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Wie wichtig war in dieser Situation das verbliebene soziale Netz: Das allmorgendliche Familientelefongespräch wurde schnell zur liebgewordenen Routine und gab Alltagsstruktur. Videotelefonie wäre jetzt schön gewesen, aber so etwas wie das Internet „kam den beiden nicht ins Haus“. Nachbarinnen erledigten Einkäufe, aber auch das verstärkte letztlich nur die Einsamkeit. Meine Mutter eroberte sich relativ schnell wieder den Gang zum Supermarkt zurück. Ich machte mir Sorgen, wurde aber informiert, dass „Papa draußen an der frischen Luft warten muss, damit er sich nicht infiziert.“ Bei anhaltend winterlichem Wetter war das keine echte Beruhigung, aber – wie die Kölner sagen: Wat wellste maache. Die beiden waren schon immer unzertrennlich gewesen und mein Vater ließ es sich nicht nehmen, die Einkäufe nach Hause zu tragen.

Den Tatsachen ins Auge blicken

Der Sommer 2020 brachte ein wenig Leichtigkeit zurück und endlich konnte sich die Familie wieder sehen. Aber die Urlaubstage in der Eifel (mein Vater stammt von dort) waren alles andere als unbeschwert: Ernste Gespräche standen auf dem Programm. Cousins und Cousinen, die mit pflegebedürftigen Angehörigen lebten, berichteten von ihren Erfahrungen. Mein Bruder, der ehrenamtlich im Seniorenbereich arbeitet, schilderte verschiedene Wohnmöglichkeiten. Ich hatte schon vor einiger Zeit Kontakt aufgenommen zu verschiedenen Einrichtungen des betreuten Wohnens. Wir Jüngeren plädierten für einen Umzug in die Nähe von Sohn oder Tochter. Eine kleinere Wohnung, barrierefrei und modern, die Nähe zur Familie, Sozial- und Pflegedienst im Haus – waren das denn keine guten Argumente?
Die Antwort lautete: „Ihr bringt uns nicht ins Heim!“ Dass es grundlegende Unterschiede gibt, zwischen Heim, Senioren-WG und betreutem Wohnen konnten – oder wollten – die beiden nicht sehen. Mein Vater hielt sich meistens raus. Bis meine Mutter ihn einmal direkt ansprach: „Nun sag doch auch mal was!“ – Seine Antwort war ebenso knapp wie klar: „Wenn wir noch länger allein in Köln bleiben, dann sind wir geliefert.“
Damit war die Sache entschieden. Und die Probleme fingen erst so richtig an.

Keine Auswahl, sondern lange Wartelisten – und ein Trick

Mecklenburgische Seenplatte oder Bodensee? Diesmal wurde nicht über ein Urlaubsziel entschieden, sondern über die Weichenstellung für den Rest des Lebens. Leben beim Sohn oder bei der Tochter? Fast tausend Kilometer liegen zwischen unseren Wohnorten – es ist so ziemlich die längste Strecke, die man in Deutschland zurücklegen kann. Die Auswahlkriterien waren schnell klar: Als kölsche Urgesteine wollten meine Eltern nicht als „Landeier“ versauern. Mein Bruder und ich haben längst die Transformation von der Großstadtpflanze zum Landei erfolgreich absolviert und mussten bei dieser Aussage verständnisvoll grinsen. Eine Checkliste zeigte, dass der Osten mit einem Nationalpark und relativ niedrigen Lebenshaltungskosten punkten konnte, aber dafür lag das Seniorenhaus abgelegen und der Bus fuhr nur stündlich. Außerdem war die Wohnung, die dort vor Kurzem frei geworden war, schon wieder weg. Also rückte der Bodensee in die engere Wahl. Konstanz, Singen, Radolfzell? Nein, man konnte es sich nicht aussuchen – die Wartelisten waren lang und wenn eine Wohnung frei wurde, war sie zu groß oder zu klein. Wie gut, dass ich die beiden bereits auf Wartelisten gesetzt hatte, als sie noch strikt alle Umzugspläne ablehnten. Als schließlich im November 2020 tatsächlich eine passende Wohnung frei wurde, war das wie ein Treffer im Lotto. 

Alles neu! Oder bricht jetzt alles weg?

Die erste eigene Wohnung mag klein und unpraktisch sein – aber man bezieht sie doch mit einer gewissen Euphorie. Bei diesem Umzug wollte jedoch keine echte Freude aufkommen. Das Gefühl des Verlustes war zu stark. Hinzu kam die Angst vor Corona. Die zweite Welle war auf dem Höhepunkt und Deutschland erstarrte wieder mal im Lockdown, als bei uns fieberhafte Geschäftigkeit ausbrach. Der Kollege von der Sozialstation konnte sich nun testen lassen und durfte meinen Eltern wieder helfen. Diesmal beim Packen von Umzugskartons. Im November reiste ich gemeinsam mit unserer Tochter nach Köln und wir kamen für einen Spottpreis in einem vollkommen leeren Hotel unter, das wir uns normalerweise nicht geleistet hätten (touristische Reisen waren verboten und „meine“ Kölner Hostels mit gemütlicher Gemeinschaftsküche, in denen ich üblicherweise übernachte, waren alle wegen Corona geschlossen). Gemeinsam mit meinem Vater entrümpelten wir den Keller.

Eine ganze Kofferraumladung an Erinnerungsstücken nahmen wir mit in den Südwesten – Dinge, die sonst unter die Räder gekommen wären. Die Brautschuhe meiner Mutter waren darunter, die Wanderstöcke der beiden, alte Modellbaupläne meines Vaters, ein Stück Schusterpech, Fotos, eine kaputte Spieluhr und andere vollkommen wertlose Kleinigkeiten, die viele Geschichten erzählen und absolut unersetzlich sind. Es mussten jede Menge zutiefst emotionale Entscheidungen getroffen werden. Das verursachte Stress pur, Missverständnisse führten zu Vorwürfen und aus der Distanz eines Telefongesprächs war es oft schwierig, die Dinge richtig einzuordnen. Auch mein Mann und ich stellten uns viele Fragen: Wie wird sich unser Leben verändern? Schaffen wir das?

Stress, Streit, Stillstand? Unkonventionelle Hilfen zur Selbstmotivation:

Hier ein paar Impulse, wie wir es trotz allem hinbekommen haben: Ich beschloss, den Umwälzungsprozess, in dem wir alle steckten, wie eine Schwangerschaft zu betrachten: Neun Monate gab ich uns Zeit, den Wechsel zu schaffen. Also bis zum Juli.  Dann ein weiteres Jahr, bis das „Neugeborene“ laufen kann. Nachdem ich mir diesen inneren Zeitrahmen gegeben hatte, fühlte ich mich besser. Ich konnte auf einmal wieder Schritt für Schritt denken und mir Etappenziele setzen. Wenn etwas nicht auf Anhieb gelang, sagte ich mir, dass die Zeit einfach noch nicht reif sei. Das war sehr entlastend. Eine ziemlich witzige Lebenshilfe war das Wochenhoroskop in einer „bunten“ Zeitung. Es wurde allen Beteiligten regelmäßig vorgelesen und sorgte für großen Spaß. In Kalenderwoche 5 las ich: Sie möchten etwas ändern und sehnen sich nach Harmonie und Frieden. Wie wahr! Was auch half: Die gemeinsame WhatsApp-Gruppe der Familie, in der man sich organisierte, Tipps austauschte und auch einfach mal Frust abladen konnte. Irgendwer antwortete dort immer. Überhaupt wuchs die Familie in dieser Übergangszeit zusammen. Mein Bruder war verantwortlich für alles, was in Köln zu erledigen war und unser Sohn, der wegen Kurzarbeit nicht arbeiten konnte, freute sich über eine sinnvolle Aufgabe. Mein Mann und ich kümmerten uns um Strukturen am neuen Wohnort in Baden Württemberg. Unsere Tochter schob im Homeoffice Überstunden, nahm sich aber trotzdem immer Zeit, wenn „die Hütte brannte“. Tausend Dinge waren zu erledigen und in dieser Zeit war es gut, wenn ein Notizblock neben dem Bett lag, denn manches fiel einem nachts um zwei ein.

Keine Zeit für Heimweh

„Irgendwann hatte ich das Gefühl, die Kölner Wohnung will uns rausschmeißen“, erzählt meine Mutter. „Der Herd ging kaputt und der Kühlschrank wollte auch nicht mehr. Mit den vielen Umzugskartons war es ungemütlich und auf einmal wollte ich nur noch raus.“ Mein Vater hat an die Umzugszeit nur noch verschwommene Erinnerungen und erlebte diese Wochen vor allem als verwirrend. Inzwischen konnte er zwar wieder besser sehen, aber der Verlust einer Alltagsroutine, die bis zur Unkenntlichkeit veränderte Wohnung und die Tatsache, dass man ständig irgendetwas suchte, machten ihm ziemlich zu schaffen. Es war wie eine Erlösung, als schließlich der Umzugswagen vorfuhr. Die beiden zogen ein paar Tage in ein Kölner Hotel, während mein Bruder und unser Sohn in der Wohnung Böden und Tapeten rausrissen. Als ich den letzten Videoschwenk durch die vollkommen entleerte Wohnung anschaute, brach ich in Tränen aus. Da verschwand auch ein Stück unserer Kindheit. Meine Eltern besuchten ein letztes Mal den Kölner Dom. Das Bild, wie sie mit Masken im Gesicht todtraurig vor dem abgesperrten Kirchenschiff stehen, ist herzzerreißend. Aber für sentimentale Gefühle blieb kaum Raum. Stress erzeugt Verwirrung. An einem Abend erkannte mein Vater den eigenen Sohn nicht mehr – den Enkel aber schon, wie alle beruhigt feststellten.

Umzug in Zeiten der Pandemie – ziemlich distanzlos

Die Möbelpacker trugen keine Masken. Sicherheitsabstand? Fehlanzeige, wenn man schwere Schränke über zwei Etagen schleppt. Alle Beteiligten ließen sich mehrfach testen. Auf eigene Kosten. Nein, ein kostenloser Test sei nicht möglich, hieß es am Coronatelefon. „Warum ziehen Sie auch gerade jetzt um? Wer seine Hand auf die heiße Herdplatte legt, muss sich nicht wundern, wenn er sich verbrennt.“ Eigentlich hätten meine Eltern in Köln die erste Corona-Impfung erhalten, aber durch den Wechsel des Bundeslandes war das unmöglich, und sie mussten sich nach der Anmeldung in Baden-Württemberg wieder in der Warteliste hinten anstellen. Mobile Impfteams besuchten die Pflegeheime, aber das Betreute Wohnen blieb außen vor. Also wählte ich stundenlang die Nummer der Impfhotline und fragte sich, wie sich eigentlich SeniorInnen einen Impftermin organisieren, die keine Unterstützung durch Angehörige haben. Irgendwann standen die beiden am Bahnhof in Singen. Und auch die Koffer wurden rechtzeitig geliefert – was an ein Wunder grenzte, denn das Gepäck war tagelang verschwunden. Zuerst spurlos, aber nach akribischer Detektivarbeit stellte sich heraus, dass es irrtümlich bei einer Familie im Rheinland zugestellt worden war, die sich wunderten, warum zwei Koffer vor ihrer Tür standen. Meine Eltern ziehen übergangsweise in eine Ferienwohnung in einem Nachbardorf. Das Wetter ist prächtig, die Vermieter kümmern sich liebevoll  – der Mann ist Arzt und führt bei allen Beteiligten Tests durch. Niemand hat sich infiziert. Während mein Mann und ich die neue Wohnung eirichten, machen die beiden ein paar Tage Ferien.

Ein neues Nest und ein Blick in die Sterne

Es hat mir wehgetan, als ich sah, wie die Wohnung auseinandergenommen wurde, in der ich aufgewachsen bin. Aber es war schön, am neuen Ort wieder alles auszupacken und genauso einzurichten, wie es vorher war. Naja – jetzt sind es zwei Zimmer weniger. Und manchmal bin ich schon verzweifelt, weil es so viele Sachen waren. Mehr als einmal habe ich mich auch festgelesen. Meine Mutter ist die Hüterin des Famienarchivs aus mehr als hundert Jahren. Vieles ist zwar unsortiert, aber es sind unglaublich interessante Dinge darunter. Immer lesen wir uns das  Wochenhoroskop vor. Bei mir steht: Sie haben sich viel vorgenommen. Bleiben Sie zuversichtlich. Alles wird funktionieren. Und bei meinem Mann heißt es: Technische Dinge bereiten Ihnen kein Unbehagen. Das verschafft Ihnen Vorsprung bei einem wichtigen Projekt. Stimmt: Er ist ausgelastet mit Teppichverlegen, Tapezieren und dem Anschließen von Lampen. Und auch bei unserem Sohn steht viel Wahres in den Sternen: Ihre fürsorgliche Seite blüht auf, aber ununterbrochen klingelt Ihr Telefon.

Neuanfang

Vor mehr als einem Jahr haben wir mit den konkreten Umzugsvorbereitungen begonnen und den Keller in Köln entrümpelt – in der Zwischenzeit ist so viel passiert! Mittlerweile hat sich vieles  eingespielt. Der neue Wohnort meiner Eltern ist keine Großstadt, hat aber mit seinem Altstadtcharme, der Übersichtlichkeit und nicht zuletzt mit dem gut ausgebauten Busnetz die beiden Kölner Großstadtpflanzen überzeugt. Jetzt, wo der Stress nachlässt, kommt auch manchmal das Heimweh hervor. Aber es gibt einen weiteren Vorteil der kleineren Stadt: Die Menschen. Den Kölnern sagt man ja nach, dass sie kontaktfreudig und offen sind. Dieses Kompliment geben die beiden am neuen Wohnort gern zurück: „Wir wurden hier wirklich herzlich aufgenommen und haben schon jetzt viele nette Kontakte“, berichten beide übereinstimmend. Gesundheitlich gibt es gute Nachrichten: Die schwere Bronchitis, unter der meine Mutter litt, seit sie denken kann, wurde von der guten Bodenseeluft „wie weggeblasen“. Inzwischen sind die beiden auch geimpft. Der Schreck war nämlich groß, als in der direkten Nachbarschaft ein schwerer Coronafall auftrat. Die Familie findet sich neu – das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Es wird noch ein langer Prozess sein, der immer wieder ausgehandelt wird. „Wir machen das nach dem Motto: So viel Hilfe wie nötig und so wenig wie möglich“, stellt meine Mutter resolut fest. Aufgaben abzugeben fällt ihr immer noch schwer. mein Vater hingegen genießt sehr den Anschluss an die Familie, die gemeinsamen Mahlzeiten und auch Unternehmungen, soweit möglich. Die größte Überraschung war, wie sich das Verhältnis zu den Enkeln entwickelt hat. Seit die beiden erwachsen sind, war der Kontakt zu den Großeltern eher sporadisch. Jetzt sieht man sich regelmäßig, geht zusammen einkaufen und versorgt sich gegenseitig mit Tipps. Lebensweisheit trifft auf digitale Kompetenz, was für beide Seiten Vorteile haben kann. Im Mai feierten die beiden Diamantene Hochzeit. Die Wettergötter hatten ein Einsehen und spendierten einen wundervollen Sonnentag, so dass sich die Familie sich coronakonform im Garten traf. Und was stand im Horoskop?

Bei meiner Mutter: Alles ,wonach Sie sich sehnen, ist Ruhe. Die vergangenen Wochen waren turbulent genug.

Und bei den Enkeln: Alles steht im Zeichen von Freundschaft und Liebe.

Dem ist nichts hinzuzusetzen.

Für astrologisch Interessierte:

An der Geschichte beteiligt waren die Sternzeichen Stier, Zwillinge, Waage, Schütze und Steinbock.

Hintergrundwissen, Tipps und Tricks:

  • Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Umzug?
  • Überzeugungsarbeit ist die beste Vorbereitung – aber manchmal gibt es äußere Zwänge

Die Wahrnehmung von Hilfsbedürftigkeit kann bei den Generationen sehr unterschiedlich sein. Ältere Menschen können unter Umständen in einer Umgebung „hausen“, die für Jüngere schwer erträglich ist. Aber solange ein erwachsener Mensch klarkommt und nicht gefährdet ist, muss man das akzeptieren. Schwierig wird es, wenn körperliche Behinderungen, regelmäßige Medikamenteneinnahme, Sturzgefahr und nachlassende Gedächtnisleistungen hinzukommen. Hier gilt es abzuwägen: Besteht eine Gefährdung für sich oder andere? Kann mit externen Pflege- und Hilfsangeboten ermöglicht werden, dass die SeniorInnen im eigenen Umfeld bleiben, oder wird ein Wechsel erforderlich? Man sollte bedenken, dass mit dem Umzug auch das gewohnte soziale Umfeld mit allen Kontakten wegfällt. Wichtig ist, dass sich im Gespräch die Fronten nicht verhärten und Augenhöhe gewahrt bleibt. Manchmal ist es besser, die Diskussion zu unterbrechen, bevor man durch einen Streit alle Brücken abbricht. Ausschlaggebend war für uns, dass die vorhandenen Kontakte durch die Pandemie wegfielen und sich der Zustand meines Vaters verschlechterte. Meine Mutter sah ein, dass sie mit der Pflege meines Vaters in absehbarer Zeit überfordert sein würde. Nach der Erfahrung der Lockdown-Isolation war es den beiden auch wichtig, wieder mehr alltäglichen Kontakt zur Familie zu haben.

  • Die richtige Wohnung oder betreute Einrichtung finden

Neben Pflegeheimen gibt es weitere Wohnformen für SeniorInnen. Allen ist gemeinsam, dass sie, neben der reinen Versorgung, auch die Teilhabe am alltäglichen Leben und sozialen Miteinander gewährleisten sollen. Die Bezeichnung „Betreutes Wohnen“ ist nicht gesetzlich geschützt. Im Idealfall handelt es sich um barrierefreie, altersgerechte Wohnungen in einer Anlage, die einen Sozial- und Pflegedienst, Hilfe beim Einkaufen u.v.m. anbietet. Meist gehören auch Angebote zur Freizeitgestaltung  dazu. Wohnheime oder – in der luxuriösen Variante – Seniorenresidenzen bieten mehr Versorgung, aber man sollte sich die jeweilige Einrichtung genau ansehen, bevor man sich entscheidet. Manchmal wird sogar ein Probewohnen angeboten. Egal, ob ein Haus in privater Trägerschaft geführt wird und Gewinn erwirtschaften muss oder durch eine gemeinnützige Organisation, entscheidend ist, ob die Einrichtung zu den eigenen Bedürfnissen passt. Wichtig kann sein, ob Pflege im Haus möglich ist oder ob es spezielle Angebote für Demenzkranke gibt. Relativ neu sind betreute Wohngemeinschaften für SeniorInnen. Es gibt Projekte, bei denen sich ältere Menschen und Kinder regelmäßig begegnen – nicht nur im Heimbereich, sondern auch in sogenannten „Mehrgenerationenhäusern“. Hinter vielen neuen Konzepten steht der Gedanke, Selbstständigkeit und Teilhabe so lange wie möglich zu erhalten. Meine Eltern sind in ein Betreutes Wohnen in einer Stadt gezogen, die ich in ca. 20 Minuten mit dem Auto erreiche. In direkter Nachbarschaft befindet sich eine Einrichtung mit Tagespflege, die mein Vater ein- bis zweimal wöchentlich besucht, so dass meine Mutter entlastet ist. Ein Haus mit angeschlossener Pflegestation direkt in unserem Ort wäre perspektivisch sicher nicht schlecht gewesen. Aber diese Möglichkeit existiert bei uns nicht so, wie es sich meine Eltern wünschten. Außerdem wollten sie sich durch eine gewisse Distanz größtmögliche Selbstständigkeit bewahren. Für mich bedeutet das Fahrerei und abendliche „Rufbereitschaft“, die ich aber nach und nach auf mehrere Schultern verteilen muss.

  • Wartelisten

Leider ist die Nachfrage nach Plätzen in Einrichtungen für SeniorInnen oft größer als das Angebot, so dass es Wartelisten gibt. Zwei Jahre Wartezeit sind keine Seltenheit. Manche Einrichtungen führen aus diesem Grund keine Listen mehr, sondern erwarten, dass Angehörige und Betroffene Initiative zeigen und sich immer wieder aktiv melden. Aber auch, wenn man auf einer Liste steht, schadet es nicht, regelmäßig in Kontakt zu bleiben. Manchmal ändern sich die Dinge schnell und wenn es passt, dann passt es. So ist es uns ergangen. Der Preis war, dass meine Eltern die reguläre Kündigungsfrist in ihrer alten Wohnung nicht einhalten konnten und einmal doppelte Miete zahlen mussten.

  • Teamarbeit innerhalb der Familie – das Prinzip ein Ort / ein Team

T.E.A.M. wird manchmal so übersetzt: Toll, Einer Alleine Macht’s. Bei uns war es glücklicherweise anders. Es hat uns sehr geholfen, dass wir vorab einen Ablaufplan erstellt hatten, der immer wieder in einem aktualisierten Dokument ergänzt und geteilt wurde. Hier tut es eine einfache Excel-Tabelle, die jeweils aktualisiert wird. Man kann aber auch Internet-Formulare verwenden, die gemeinsam überarbeitet werden. Grundsätzlich haben wir die Aufgabenbereiche aufgeteilt und die Checklisten getrennt abgearbeitet. Mein Bruder war für den Bereich „Köln – alte Wohnung“ zuständig und ich für alles am neuen Wohnort. In unserem Fall hat das sehr gut funktioniert, vor allem, da meine Eltern für jede Frage einen klaren Ansprechpartner hatten. Ich habe oft gesagt: „Dafür ist mein Bruder zuständig.“ Das war sehr entlastend. Zur gegenseitigen Kommunikation war die Umzugsgruppe auf WhatsApp ebenfalls sehr hilfreich.

  • Aussortieren, Wegwerfen, Erinnerungen bewahren

Auf dieses Thema werde ich im zweiten Beitrag noch vertiefend eingehen. Wir haben vieles, das weggeworfen werden musste, fotografiert. Ich habe eine Kiste mit Erinnerungen angelegt und sehr viel unsortiert einfach mal zu mir mitgenommen, um es später zu sichten. Erinnerungen sind kostbar und speziell bei Demenzerkrankten ist es wichtig, einen Gegenstand in die Hand nehmen zu können, ihn zu betasten und daran zu riechen. Inzwischen bin ich froh, so viele kleine Alltagsgegenstände „gerettet“ zu haben. Bei Besuchen bieten diese Gegenstände willkommene Anknüpfungspunkte für Gespräche gegen das Vergessen.

  • Es geht los – wie minimiere ich den akuten Umzugsstress? Stichwort Ausweichquartier

Teamarbeit als Grundlage der Arbeitsteilung habe ich bereits erwähnt. Als es in der Wohnung chaotisch wurde, haben wir unsere Eltern aus der „Schusslinie“ genommen und im Hotel einquartiert. Sie waren nahe genug dran am Geschehen, so dass sie gefragt werden konnten, aber nicht mittendrin. Auch am neuen Wohnort gingen die beiden erst einmal in eine Ferienwohnung. Nebenbei: Ich war in der Zeitplanung zu optimistisch und hätte mich beim Einräumen rettungslos überfordert. Wir haben die Ferienwohnung zweimal verlängert. Hier also lieber großzügig planen! Wir hatten auch zwei Taschen mit allen notwendigen Medikamenten und Pflegebedarf gepackt – eine für Köln und eine am neuen Ort. Das hat sich bewährt und uns viel Suchen erspart – denn in einer solchen Situation verschwinden auch bei bester Organisation immer mal wieder Dinge spurlos.  

  • Termine und Ansprechpartner am neuen Wohnort organisieren

Sobald der Umzugstermin feststand, habe ich begonnen Arzttermine für meine Eltern zu organisieren. Ein neuer Hausarzt musste her, der idealerweise auch Hausbesuche macht. Da gibt es nicht viele und manche gute Praxis hat Aufnahmestopp. Das Gleiche gilt für Fachärzte. Im Rahmen einer Aufnahmeuntersuchung wurden dann beide auch medizinisch einmal komplett durchgecheckt. Aus meiner Zeit als Dorfärztin weiß ich, dass diese Grunduntersuchungen bei vielen SeniorInnen manchmal jahrelang nicht stattfanden. Ein Umzug ist eine gute Gelegenheit, das nachzuholen. Ebenfalls neu organisiert wurden: Haushaltshilfe, Sozialstation, Tagespflege u.v.m. Auch Ummeldung und Passangelegenheiten müssen erledigt werden. Sofern noch ein eigenes Auto vorhanden ist, muss es umgemeldet werden. Der Kontakt zur Kirchengemeinde, der meinen Eltern wichtig ist, wurde hergestellt. All dies macht Arbeit, lohnt sich aber, da die beiden, als sie ankamen, bereits intakte Strukturen vorfanden. Wir haben einen Nachsendeantrag auf ein Jahr gemacht und dann peu à peu alle Adressänderungen bei Versicherungen etc. abgearbeitet.

  • Wie schütze ich mich vor Perfektionismus, wenn alles perfekt sein sollte?
  • Lebensrettender Humor

Niemand ist perfekt, aber wenn es um vulnerable, pflegebedürftige Menschen geht, ist der Verantwortungsdruck hoch. Ich persönlich habe mich durch Teamarbeit geschützt und dadurch, dass ich meine To-Do-Listen nicht überfrachtet habe. (Zugegeben, das hat nicht immer funktioniert). Absolut entscheidend war, dass wir uns zu einem recht frühen Zeitpunkt hingesetzt haben und unsere Planung in ein Zeitraster brachten. Alle Termine, die organisiert werden mussten (was wegen der Pandemiesituation ja nochmal schwieriger wurden), hingen an diesem Raster und es hat uns sehr geholfen. Das Bild von der Schwangerschaft und dass ich uns einfach einige Monate Zeit gebe, hat mir persönlich sehr geholfen. Das Möbelschleppen und Einräumen war trotz tatkräftiger Hilfe auch körperlich herausfordernd. Da lohnt es sich, kleine Wellness-Einheiten einzuplanen (wegen Corona wurde dann unser Badezimmer zum Wellnesstempel und ich verbrachte gefühlt Stunden im Drogeriemarkt um mich mit Wohlfühlprodukten einzudecken). Meine Eltern hatten übrigens andere Ansprüche an Perfektion als ich – sie bestanden auf bestimmten Tapeten. Ich hielt das zwar für überflüssig, kümmerte mich aber darum. Über andere Dinge, die mich persönlich geärgert hätten, sahen die beiden dann komplett hinweg. Auch wenn es schwierig war: Es half letztendlich doch sehr, dass ich mir ihren Blickwinkel zu eigen machte. Es musste nicht „mein“ Perfekt sein, das wir erreichten, sondern sie sollten sich wohlfühlen. Und dann das Allheilmittel Humor. Wir RheinländerInnen sind da ja genetisch schon gut dabei. Wir haben jede Woche über unsere Horoskope gelacht. Aber es gibt noch tausend andere Möglichkeiten, sich selbst und das Leben mal auf die leichte Schulter zu nehmen. Ohne Lachen geht nämlich gar nichts!


Zu diesem Thema ist im Januar 2022 ein Artikel von mir im Südkurier erschienen. Abrufbar online hier (oder Klick aufs Bild)

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